Wenn Greta Thunberg an diesem Freitag in Berlin vor vielen Tausend jungen Menschen steht, wird es großen Beifall geben. Am lautesten werden allerdings nicht die Anhänger dieser neuen Jugendbewegung applaudieren, sondern deren Mütter und Väter an der Seitenlinie oder zu Hause an den Bildschirmen.

Früher war das anders, da fanden es Eltern nicht ausnahmslos super, wenn sich der Nachwuchs in Wackersdorf Schlachten mit der Polizei lieferte oder sich im Wendland an die Gleise kettete. Aber seit Eltern und Kinder die besten Freunde sind, unterstützt man sich eben gegenseitig. Das kann man in diesem Fall für eine vorbildliche Erziehungsmethode halten. Oder einfach nur für bequem.

Im elterlichen Applaus für die jungen Klimademonstranten schwingt schon eine gewisse Selbstgefälligkeit mit: Fridays for Future ist die It-Bag moderner Großstadteltern. Man schmückt sich mit dem Engagement der Kinder, twittert voll Ergriffenheit, wie sich das Familienleben von heute auf morgen geändert habe (kein Plastik mehr, jetzt aber wirklich mit den Öffis). Und so ein Protestevent mit Greta Thunberg in Berlin und dem engagierten Nachwuchs gibt auch ein super Handyfilmchen ab. Ein bisschen Woodstock-Feeling für die Familienchronik. Zeigen, dass man dabei war.

Dabei? Was haben sie denn eigentlich bisher so gemacht, die Eltern der Friday-Kids? Sind sie vielleicht jetzt so euphorisiert, weil die Protestaktionen ihr Gewissen erleichtern? Vielleicht sehen viele Erwachsene in Fridays for Future insgeheim einen Ablasshandel für ihre eigene Passivität im Klimaschutz (und nein, die Autorin nimmt sich hier keineswegs aus). Wenn man es schon selbst jahrzehntelang verbockt hat, immer noch den 12-Liter-Diesel fährt und die Plastiktüten im Supermarkt mitnimmt: Man hat doch wenigstens etwas richtig gemacht. Man hat dieses superreflektierte, klimabewusste Kind hinbekommen, das jetzt stellvertretend für seine Erzeuger auf die Straße geht. Damit sind alle glücklich. Die Schulen haben sich arrangiert, die Klimakanzlerin gibt ihren offiziellen Segen, und Jens Spahn erinnert sich an seine Jugend. Es gab in Deutschland wohl noch nie einen Protest, der staatlich und gesellschaftlich so gepudert und gepampert wurde wie Fridays for Future.

Wenn alle etwas uneingeschränkt gut finden, sollte man aber immer misstrauisch werden: Etwas stimmt nicht mit diesen Demonstrationen. Sie tun niemandem weh.

Fridays for Future - "Wir müssen unsere Komfortzone verlassen" Tausende Menschen haben in Berlin für eine ambitionierte Klimapolitik demonstriert. Die Aktivistin Greta Thunberg rief zum Handeln auf. © Foto: Sean Gallup/Getty Images

Die einzige Gewissensfrage, die sich Eltern stellen müssen, ist die, ob sie ihr Kind nun offiziell schwänzen lassen oder doch lieber eine Entschuldigung schreiben: "Sehr geehrte Damen und Herren, meine Tochter Lisa-Sophie muss heute die Welt retten. Ich bitte, ihr Fernbleiben zu entschuldigen." Niemand fragt, wie eigentlich die Erwachsenen ihr eigenes Fernbleiben entschuldigen können. 

Warum gibt es noch kein grenzüberschreitendes Erwachsenenschwänzen? Warum keine große Klimastreikbewegung? Werktag for Future? Huch, da würde doch das Bruttoinlandsprodukt einknicken. Na gut, dann gern auch Saturday For Future. Ach so, geht nicht, wegen der Eröffnung der East-West-Mall und dem Wochenendtrip nach Barcelona, schon klar.

Veränderung fängt erst an, wenn es wehtut. Also Schluss mit dem Applaudieren, Loben und Hochlebenlassen. Eltern auf die Straße, aktiv werden, an welchem Wochentag auch immer. Nachhaltig einkaufen, reisen, leben. Es wird Geld kosten, umständlich sein und höchstwahrscheinlich sehr unglamourös. Aber wenigstens kann uns dann später niemand vorwerfen, wir hätten tatsächlich versucht, mit ein paar Kinderfotos und Tweets den Klimawandel aufzuhalten.