Vor der französischen Revolution ging an alle Gemeinden, Dörfer und Städte in Frankreich ein Fragebogen, in den sie eintragen konnten, unter welchen Bedingungen sie lebten, welche Steuern sie zu zahlen hatten und was sie dringend brauchten. Die Liste der Beschwerden war lang und eindrücklich, schließlich litt man unter der Willkür des Adels, es gab Hunger, und die Infrastrukturen ließen zu wünschen übrig. Aus diesen Beschwerdeheften entstand eine vollständige und buchstäblich zu verstehende Geografie des Landes.

Daran erinnert Bruno Latour in seinem Buch Das terrestrische Manifest aus aktuellem Anlass. Was würde heute in einem solchen Beschwerdeheft stehen, wenn danach gefragt wird, was es braucht, um ein gutes Leben zu führen? Ein gutes Leben im Sinne von klimafreundlich, erdverbunden und dennoch weltoffen? Gerade vor dem Hintergrund des Aufstiegs von Populismus und Trumps Ausstieg aus dem Klimavertrag von Paris gewinnt diese Frage an Relevanz. Weder Brexit, America First noch Heimattümelei sind eine gesunde Reaktion auf den Stress, den die globalen Probleme soziale Ungleichheit, Migration und Klimawandel verursachen.

Auch die Europäische Union sorgt sich um die Folgen des Klimawandels und finanziert Projekte, um die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu verbessern. Als Ethnologe bin ich in ihrem Auftrag in Norddeutschland unterwegs, um ein Anforderungsprofil für einen Klimaservice zu erstellen, der ortsbezogen Klimapolitik ermöglichen und unterstützen soll. Der Begriff "Klimaservice" klingt allerdings wie einem Textbuch für neoliberale Ökonomie entlehnt, wo "Dienstleistungen ausgelagert", "Informationen transferiert", "Entwicklungen ermöglicht" und "Winwin Situationen" für "Stakeholder" und "Entscheidungsträger geschaffen" werden – alles Begriffe, die auch im Weltklimabericht IPCC verwendet werden, wie man in Die große Verblendung, dem Buch des indischen Schriftstellers Amitav Gosh zum Klimawandel, nachlesen kann. Doch andererseits schreibt die EU nicht vor, mit welchen Inhalten dieses Konzept gefüllt und wie es in die Praxis umgesetzt werden soll. Für mich geht es zuallererst einmal darum, einen Lagebericht, eine Inventur zu erstellen: Wie sieht Klimapolitik, die immer global verhandelt wird, vor Ort aus? Wie wird der Klimawandel wahrgenommen, und wie verändert er das Leben an der Küste? Was bedeutet es, ein Mensch zu sein, wenn wir das Leben und unsere Umwelt nicht mehr nach den Maßstäben des Kohle- und Ölzeitalters gestalten?

Mit gebührend Forschungsmitteln ausgestattet, machte ich mich Anfang 2018 auf ins platte Land, um dort meine Erhebung zu starten. Die omnipräsenten Windparks lassen keinen Zweifel daran, dass in diesem Teil der Welt Klimapolitik und Energiewende längst in Gang gesetzt sind. Das Wetter meinte es gut mir, auch wenn das zynisch klingen mag. Der Winter war lang, nass und ewig dunkel. Die Felder und Äcker standen unter Wasser, die Bauern konnten den Dünger nicht ausbringen, weil sie mit ihren Traktoren im Matsch steckenblieben. Die winterlichen Sturmfluten kosteten gar das Leben eines Menschen, der jenseits des Deichs in seinem Auto eingeschlafen war. Weil es so warm war, klarte der Himmel wochenlang nicht auf. Das ist der Klimawandel, so die einhellige Meinung. Gefolgt wurde dieser Winter von einem scheinbar endlosen Sommer mit extremer Dürre, der von Mai bis weit in den Oktober dauerte. Die Felder und Weiden färbten sich braun, das Viehfutter wurde knapp, die Bauern mussten zukaufen oder gar Vieh vorzeitig zum Schlachthof bringen. Auch hier die einhellige Meinung: So sieht der Klimawandel aus. Doch das ist nur die eine Seite der Debatte über diese extremen Wetterereignisse, wie es im Klimadiskurs heißt. Die andere handelt von der europäischen Agrar- und Umweltpolitik, von Düngeverordnungen, von der Förderung industrieller Landwirtschaft, die mit ihren Monokulturen wetteranfälliger ist als die konventionelle oder organische Landwirtschaft. In der EU wird nach wie vor und trotz besseren Wissens die Fläche und weniger die Qualität gefördert. Allerdings wurden die routinemäßig von der Bauernlobby eingeforderten Kompensationen für Dürreausfälle in Berlin länger als sonst diskutiert. Die Stimmen mehren sich, den Klimawandel als Berufsrisiko einzustufen.

Dieser Artikel stammt aus der März-Ausgabe des "Merkur". © Klett-Cotta

Meine ethnologische Erhebung fing, wie so oft, mit einem Kulturschock an. Ich wohnte auf einem Bauernhof und fuhr mit dem Auto um den Jadebusen, vom Wangerland über Wilhelmshaven durch den Landkreis Friesland nach Butjadingen bis nach Fedderwardersiel, wo man hervorragend Fischbrötchen essen kann. Eine platte, menschenleere Landschaft, 52 Kilometer immer am Deich entlang, der in einem großen Schwung diese Bucht eindämmt, die letztlich nur dazu dient, Wilhelmshaven einen Tiefseehafen zu sichern. Der Historiker David Blackbourn nennt zu Recht den Jadebusen neben dem Oderbruch oder der Kanalisierung der Flüsse als Beispiel für "the making of Germany": Nationenbildung durch die Eroberung der Natur, durch Dämme, Stauseen und Trockenlegung.

Auf einer meiner ersten, noch ziellosen Fahrten durch Butjadingen fiel mir ein Schild mit der Aufschrift "Umweltstation Iffens" auf – ein Zeichen, ohne Zweifel. Ich bog ab und parkte auf dem gepflasterten Hof mit dem mächtigen alten Bauernhaus. Ich klopfte im Regen an die Holztür, und es öffnete ein freundlicher älterer Herr mit längeren grauen Haaren unter der Mütze und in wetterfester Kleidung. Wie durch eine magische Fügung schien ich hier mein Paradies gefunden zu haben: Die Umweltstation entpuppte sich als Forschungslabor, als Ausbildungsstätte für angehende Lehrlinge in der Region, als eine alteingesessene Wohngemeinschaft, als Kunstatelier und als ein Museum; in der Bibliothek auf dem Dachboden findet man viele Bücher zur Geschichte dieser Region. Ich zögerte nicht, mein Anliegen vorzubringen, gemeinsam mit Menschen aus der Region Grundlagen für einen Klimaservice zu entwerfen. Ich tat mich ein bisschen schwer zu erklären, was das genau ist, aber das würde sich schon noch geben. Umweltbewusste Menschen, citizen scientists und Künstler mit enger Bindung an die Region, das war es doch, was ich gesucht hatte.

Nur leider blieb mein Gastgeber an diesem Punkt zurückhaltend. Ich verabredete ein Interview an einem anderen Tag und fand mich in Gesellschaft weiterer Kommunarden und zweier junger Frauen wieder, die hier ihr ökologisches Jahr ableisteten. Ich kam alsbald wieder auf mein Projekt zu sprechen. Wieder stieß ich auf Zurückhaltung, und ich beschloss, in die Offensive zu gehen. Macht ihr euch keine Sorgen wegen des Klimawandels? Habt ihr keine Angst vor den Folgen des Meeresspiegelanstiegs, hier, direkt hinter dem Deich? Die Antwort war ein eindeutiges Nein. Mehr noch, alle äußerten sich kritisch über den Klimawandel als einer politischen Richtlinie. Klimawandel sei ein Modebegriff und ähnlich unpräzise wie Nachhaltigkeit oder Waldsterben. Kein Zweifel, die Temperaturen würden ansteigen, und wer hinter dem Deich wohne, sorge sich natürlich um die Deichsicherheit. Aber Klimawandel sei inzwischen ein Konzept, das von allem und von nichts handele, aber nichts mehr mit den konkreten Gegebenheiten vor Ort, mit Gewässern, Tieren und Pflanzen zu tun habe. Ihr Ziel sei es, gemeinsam mit den Menschen, die diese extreme Landschaft bewohnen, eine lebenswerte Umwelt zu schaffen.