Vor der französischen Revolution ging an alle Gemeinden, Dörfer und Städte in Frankreich ein Fragebogen, in den sie eintragen konnten, unter welchen Bedingungen sie lebten, welche Steuern sie zu zahlen hatten und was sie dringend brauchten. Die Liste der Beschwerden war lang und eindrücklich, schließlich litt man unter der Willkür des Adels, es gab Hunger, und die Infrastrukturen ließen zu wünschen übrig. Aus diesen Beschwerdeheften entstand eine vollständige und buchstäblich zu verstehende Geografie des Landes.

Daran erinnert Bruno Latour in seinem Buch Das terrestrische Manifest aus aktuellem Anlass. Was würde heute in einem solchen Beschwerdeheft stehen, wenn danach gefragt wird, was es braucht, um ein gutes Leben zu führen? Ein gutes Leben im Sinne von klimafreundlich, erdverbunden und dennoch weltoffen? Gerade vor dem Hintergrund des Aufstiegs von Populismus und Trumps Ausstieg aus dem Klimavertrag von Paris gewinnt diese Frage an Relevanz. Weder Brexit, America First noch Heimattümelei sind eine gesunde Reaktion auf den Stress, den die globalen Probleme soziale Ungleichheit, Migration und Klimawandel verursachen.

Auch die Europäische Union sorgt sich um die Folgen des Klimawandels und finanziert Projekte, um die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu verbessern. Als Ethnologe bin ich in ihrem Auftrag in Norddeutschland unterwegs, um ein Anforderungsprofil für einen Klimaservice zu erstellen, der ortsbezogen Klimapolitik ermöglichen und unterstützen soll. Der Begriff "Klimaservice" klingt allerdings wie einem Textbuch für neoliberale Ökonomie entlehnt, wo "Dienstleistungen ausgelagert", "Informationen transferiert", "Entwicklungen ermöglicht" und "Winwin Situationen" für "Stakeholder" und "Entscheidungsträger geschaffen" werden – alles Begriffe, die auch im Weltklimabericht IPCC verwendet werden, wie man in Die große Verblendung, dem Buch des indischen Schriftstellers Amitav Gosh zum Klimawandel, nachlesen kann. Doch andererseits schreibt die EU nicht vor, mit welchen Inhalten dieses Konzept gefüllt und wie es in die Praxis umgesetzt werden soll. Für mich geht es zuallererst einmal darum, einen Lagebericht, eine Inventur zu erstellen: Wie sieht Klimapolitik, die immer global verhandelt wird, vor Ort aus? Wie wird der Klimawandel wahrgenommen, und wie verändert er das Leben an der Küste? Was bedeutet es, ein Mensch zu sein, wenn wir das Leben und unsere Umwelt nicht mehr nach den Maßstäben des Kohle- und Ölzeitalters gestalten?

Mit gebührend Forschungsmitteln ausgestattet, machte ich mich Anfang 2018 auf ins platte Land, um dort meine Erhebung zu starten. Die omnipräsenten Windparks lassen keinen Zweifel daran, dass in diesem Teil der Welt Klimapolitik und Energiewende längst in Gang gesetzt sind. Das Wetter meinte es gut mir, auch wenn das zynisch klingen mag. Der Winter war lang, nass und ewig dunkel. Die Felder und Äcker standen unter Wasser, die Bauern konnten den Dünger nicht ausbringen, weil sie mit ihren Traktoren im Matsch steckenblieben. Die winterlichen Sturmfluten kosteten gar das Leben eines Menschen, der jenseits des Deichs in seinem Auto eingeschlafen war. Weil es so warm war, klarte der Himmel wochenlang nicht auf. Das ist der Klimawandel, so die einhellige Meinung. Gefolgt wurde dieser Winter von einem scheinbar endlosen Sommer mit extremer Dürre, der von Mai bis weit in den Oktober dauerte. Die Felder und Weiden färbten sich braun, das Viehfutter wurde knapp, die Bauern mussten zukaufen oder gar Vieh vorzeitig zum Schlachthof bringen. Auch hier die einhellige Meinung: So sieht der Klimawandel aus. Doch das ist nur die eine Seite der Debatte über diese extremen Wetterereignisse, wie es im Klimadiskurs heißt. Die andere handelt von der europäischen Agrar- und Umweltpolitik, von Düngeverordnungen, von der Förderung industrieller Landwirtschaft, die mit ihren Monokulturen wetteranfälliger ist als die konventionelle oder organische Landwirtschaft. In der EU wird nach wie vor und trotz besseren Wissens die Fläche und weniger die Qualität gefördert. Allerdings wurden die routinemäßig von der Bauernlobby eingeforderten Kompensationen für Dürreausfälle in Berlin länger als sonst diskutiert. Die Stimmen mehren sich, den Klimawandel als Berufsrisiko einzustufen.

Dieser Artikel stammt aus der März-Ausgabe des "Merkur". © Klett-Cotta

Meine ethnologische Erhebung fing, wie so oft, mit einem Kulturschock an. Ich wohnte auf einem Bauernhof und fuhr mit dem Auto um den Jadebusen, vom Wangerland über Wilhelmshaven durch den Landkreis Friesland nach Butjadingen bis nach Fedderwardersiel, wo man hervorragend Fischbrötchen essen kann. Eine platte, menschenleere Landschaft, 52 Kilometer immer am Deich entlang, der in einem großen Schwung diese Bucht eindämmt, die letztlich nur dazu dient, Wilhelmshaven einen Tiefseehafen zu sichern. Der Historiker David Blackbourn nennt zu Recht den Jadebusen neben dem Oderbruch oder der Kanalisierung der Flüsse als Beispiel für "the making of Germany": Nationenbildung durch die Eroberung der Natur, durch Dämme, Stauseen und Trockenlegung.

Auf einer meiner ersten, noch ziellosen Fahrten durch Butjadingen fiel mir ein Schild mit der Aufschrift "Umweltstation Iffens" auf – ein Zeichen, ohne Zweifel. Ich bog ab und parkte auf dem gepflasterten Hof mit dem mächtigen alten Bauernhaus. Ich klopfte im Regen an die Holztür, und es öffnete ein freundlicher älterer Herr mit längeren grauen Haaren unter der Mütze und in wetterfester Kleidung. Wie durch eine magische Fügung schien ich hier mein Paradies gefunden zu haben: Die Umweltstation entpuppte sich als Forschungslabor, als Ausbildungsstätte für angehende Lehrlinge in der Region, als eine alteingesessene Wohngemeinschaft, als Kunstatelier und als ein Museum; in der Bibliothek auf dem Dachboden findet man viele Bücher zur Geschichte dieser Region. Ich zögerte nicht, mein Anliegen vorzubringen, gemeinsam mit Menschen aus der Region Grundlagen für einen Klimaservice zu entwerfen. Ich tat mich ein bisschen schwer zu erklären, was das genau ist, aber das würde sich schon noch geben. Umweltbewusste Menschen, citizen scientists und Künstler mit enger Bindung an die Region, das war es doch, was ich gesucht hatte.

Nur leider blieb mein Gastgeber an diesem Punkt zurückhaltend. Ich verabredete ein Interview an einem anderen Tag und fand mich in Gesellschaft weiterer Kommunarden und zweier junger Frauen wieder, die hier ihr ökologisches Jahr ableisteten. Ich kam alsbald wieder auf mein Projekt zu sprechen. Wieder stieß ich auf Zurückhaltung, und ich beschloss, in die Offensive zu gehen. Macht ihr euch keine Sorgen wegen des Klimawandels? Habt ihr keine Angst vor den Folgen des Meeresspiegelanstiegs, hier, direkt hinter dem Deich? Die Antwort war ein eindeutiges Nein. Mehr noch, alle äußerten sich kritisch über den Klimawandel als einer politischen Richtlinie. Klimawandel sei ein Modebegriff und ähnlich unpräzise wie Nachhaltigkeit oder Waldsterben. Kein Zweifel, die Temperaturen würden ansteigen, und wer hinter dem Deich wohne, sorge sich natürlich um die Deichsicherheit. Aber Klimawandel sei inzwischen ein Konzept, das von allem und von nichts handele, aber nichts mehr mit den konkreten Gegebenheiten vor Ort, mit Gewässern, Tieren und Pflanzen zu tun habe. Ihr Ziel sei es, gemeinsam mit den Menschen, die diese extreme Landschaft bewohnen, eine lebenswerte Umwelt zu schaffen.

Der Pfarrer predigt von Amazon

Mein Gastgeber hatte sich meine Website angeschaut und meinte, ich würde darüber sicher eine schöne Arbeit schreiben, aber für sie sei das nichts. Mit wem sollten sie denn da was machen? Und sie erzählten mir als Gegenbeispiel von ihrem Apfelprojekt: Jeden Herbst bringen Leute aus der Region ihre Äpfel zu ihnen, wo sie dann gemeinsam gepresst und in Flaschen abgefüllt werden. Viele Leute haben noch alte Apfelbäume, welche die EU-Standardisierung überlebt haben, und die Sorten werden benannt, Apfelfeste gefeiert und Apfelgedichte verfasst. Äpfel schaffen Community, bewahren Biodiversität, sie helfen, das Insektensterben zu verhindern, und sie schmecken nach Butjadingen. Klimawandel ist hingegen ein abstraktes Konzept, etwas für die Verwaltung und die Wissenschaft.

Nach einem Salzwiesenspaziergang hinter dem Deich und einer Besichtigung der hauseigenen Mosterei machte ich mich beschämt davon. Ich hatte meine Lektion erhalten. Als Ausführender eines europäischen Projekts war ich selbst, aus dem Wunsch heraus, einen guten Job zu machen, zu einem technokratischen Vertreter einer Klimapolitik geworden, die ich gerade noch als neoliberal kritisiert hatte. Es war eine Lektion in Sachen Demut: Ich war hier, um zuzuhören, und nicht, um zu überreden.

Zu Weihnachten 2017 jährte sich die Weihnachtsflut von 1717 zum dreihundertsten Mal. Auf einer Gedenkveranstaltung wurde daran erinnert, im Welterbeportal von Dangast. Der Pfarrer versuchte zu erklären, dass die Flut keine Strafe Gottes mehr sei, wie damals viele Stimmen behaupteten, sondern dass Gott den Menschen inzwischen bei Katastrophen mitfühlend beistehe. Dennoch solle man seinen ökologischen Fußabdruck bedenken, wenn man wieder bei Amazon bestellt. So ändern sich die Zeiten und Predigten in einer Landschaft, die ihre Apokalypse schon mehrfach hinter sich hat. Eine Serie von Sturmfluten hatte diese Region zwischen dem 13. und 18. Jahrhundert bis weit ins Inland überflutet. Es ist nur folgerichtig, dass ein Vertreter des Vorstands des Deichbandes, wie die für die Deicherhaltung zuständige Körperschaft heißt, ebenfalls eine Rede hielt und dabei an eine Sturmflut von 1953 und die noch rudimentären Mittel des Katastrophenschutzes in seiner Kindheit erinnerte. Die Flut von 1717 hatte auch einen zeitgenössischen Chronisten; Lesungen aus dessen Aufzeichnungen erinnerten in ihrer Drastik daran, dass der Tod durch eine Sturmflut ein nasser, oft quälend langsamer Tod ist. Es wurde die Geschichte des Vaters erzählt, der bei dem Versuch, sein Kind aus den Fluten zu retten, ertrank, zuvor aber noch die Haare seiner Frau um einen Baum geknotet hatte, damit sie noch gefunden werde und ein Grab erhalte.

Als ich mich bei dem Vertreter des Deichbandes meldete, nahm der mich unter seine Fittiche und verschaffte mir Zugang zu den Deichschauen, die jährlich stattfinden. Eine Deichschau ist eine rituelle Veranstaltung, auf der alle, die mit dem Deichschutz zu tun haben, auf einer von Technikern und Sielwärtern perfekt vorbereiteten Tour die Deichlinie inspizieren, per Bussen und zu Fuß. Vertreter aus Verwaltung und Politik nehmen teil und besprechen an ausgewählten Stellen notwendige Sielarbeiten, die Ausbaggerung von Entwässerungsgräben oder den Zustand der Deichkronen. Wer zur Deichschau geladen wird, der hat es in den inneren Kreis der Region geschafft. In der Literatur finden sich viele Beispiele dieser legendären Touren, die sich früher oft über mehrere Tage inklusive reichhaltiger Ess- und Trinkgelage hinzogen. Heute wird das an einem Tag erledigt, und mancher Verwaltungsbeamte städtischer Herkunft ist sich nicht so sicher, wie er sich zu dieser honorigen Vereinigung zwischen Tradition und Klimaschutz stellen soll.

Die einzige Frau schiebt Schnäpse weiter

Der Deichband ist eine Vereinigung, die angesichts des Klimawandels an Ansehen und Autorität gewonnen hat. Niemand bezweifelt die Notwendigkeit der Entwässerung und des Küstenschutzes. Es sind eindrucksvolle Bilder, wenn man diese Gesellschaft mit wehenden Jacken auf den Deichen entlanggehen sieht. Die Kenntnis der Boden und Besitzverhältnisse, der Nutzungsrechte und der Aufgabenteilung ist profund und beruht auf generationenübergreifender Erfahrung. Die Wiederverlandung von Kleieentnahmestellen in den Salzwiesen wird prüfend begutachtet, der Zustand einer Pacht am Deichfuß stirnrunzelnd besprochen. Es gibt Jahrhunderte weit zurückreichende Archive, in denen die Geschichte dieser konstruierten, geometrischen Landschaft notiert ist, aber es gibt kaum mehr jemanden, der sich dort auskennt, wenn der derzeitige Archivar in Pension geht. Eine Deichschau erinnert auch daran, dass das Wissen um Küstenschutz und Deichbau tief institutionalisiert und zugleich Erfahrungswissen ist. Die meisten Mitglieder des Vorstands sind Landwirte mit großem Besitz, die hier jeden Weg, jeden Graben und die jeweilige Bodenbeschaffenheit kennen. Mein Gastgeber war der Verwalter der Liegenschaften des Bundes in Wilhelmshaven, wo die Böden oft noch mit Munition verseucht sind.

Es handelt sich um eine Männergesellschaft. Als ich bei der abschließenden Ess- und Trinkrunde um meine Eindrücke gebeten wurde, sprach ich diesen Punkt an. Um den langen Tisch breitete sich Schweigen aus. Niemand weiß so recht, warum das so ist, es ist einfach so. Die einzige Frau schiebt die Schnäpse routiniert an ihren Nachbarn weiter. Die Geschichten und Erinnerungen werden lebhafter. Immer wieder kommt das Gespräch in solchen Runden auf eine Auseinandersetzung Mitte der Neunzigerjahre. Damals hatte der Deichband vor Wintereinbruch notwendige Deicharbeiten beschlossen. Der Deich endet direkt an der Grenze zum Nationalpark, und die Erweiterung des Deichfußes wurde in diesen hineingebaut, ohne dass vorher um Genehmigung angefragt wurde. Ein Naturschützer klagte vor dem Gericht in Oldenburg, es wurde ein Baustopp verhängt. Es war schon spät im Jahr, das Wetter war rau, der Deich musste dringend geschlossen werden, was das Gericht dann auch anordnete. Der Deichband organisierte eine Demonstration, an der weit über zehntausend Bürger aus der Region teilnahmen, die mit Fackeln auf den Deich zogen, trotz schlechten Wetters. Die Lage war aufgeheizt. Die Vorsitzenden des Deichbands mussten bei der Umweltministerin in Hannover antanzen, bei Monika Griefahn, die doch bestimmt noch nie einen Deich aus der Nähe gesehen geschweige denn betreten habe. An dieser Stelle der Geschichte gibt es ausschmückende Anekdoten und Anspielungen, die allgemeines Gelächter in der Männerrunde hervorrufen. Man einigte sich schließlich, heute verstehe man sich gut mit dem Naturschutz. Klar sei für die Menschen hier allerdings auch: Küstenschutz muss vor Naturschutz gehen, eine tausendjährige Geschichte stehe hier gegen eine Bewegung, die gerade einmal zwanzig Jahre auf dem Buckel hat.

Deiche können nicht endlos erhöht werden

Habt ihr keine Angst vor den Folgen des Meeresspiegelanstiegs, hier, direkt hinter dem Deich? © Andreas Rentz/Getty Images

Der Klimawandel ist eine Herausforderung an den friesischen Mythos vom Kampf gegen den Blanken Hans, wie die tobende Nordsee hier heißt. Deiche schützen nicht nur vor dem wütenden Meer, sondern sie konservieren auch eine politische Geschichte und eine kulturelle Identität. Ihr historischer Verlauf ist bestimmt von Landgewinnung zwischen Kleinstaaterei und Sturmfluten, sie zeugen von der Entstehung Deutschlands, und bis heute kann man noch Bunker vom Kampf gegen die Alliierten in Deichen finden. Der Anstieg des Meeresspiegels ist eine schwierige Herausforderung, auf technischer wie kultureller Ebene. Deiche können nicht endlos erhöht werden, die Diskussion ist längst eröffnet.

Dem Bau- und Umweltdezernenten des Landkreises Friesland in Jever sind solche Überlegungen erst einmal fremd. Er ist ein Zugezogener und hat seine eigene Meinung zum Klimawandel. Anhand von Fotos zeigt er mir einen Vergleich zwischen der Entwicklung des Ortsteils Heidmühle in Schortens und einer amerikanischen Stadt am Beispiel von Luftbildern – es ist kaum ein Unterschied zu erkennen, der urban sprawl ist längst kein amerikanisches Phänomen mehr. Für ihn ist die Zersiedelung der Küstenlandschaft und die damit einhergehende Versiegelung der Böden das eigentliche Klimaproblem. Ursache ist die stetig steigende Anzahl von Einfamilienhäusern mit ihrem hohen Außenwandanteil und der völlig unpassenden Raumaufteilung. In den Einzelhäusern wohnen zu 80 Prozent nur ein oder zwei Personen, da die Kinder nur zwanzig Jahre oder weniger im Haus leben. Das alles trägt zum Klimawandel bei, genauso wie die Notwendigkeit, zwei Autos zu haben wegen des fehlenden öffentlichen Nahverkehrs. Der Baudezernent verweist stolz auf das Ergebnis eines städtebaulichen Ideenwettbewerbs in Jever, wo Wohnhäuser mit geräumigen Wohnungen geschaffen wurden, wo die Menschen leben, wohnen und einkaufen können, ohne auf Verkehrsmittel angewiesen zu sein. Städtisches Wohnen ist für ihn die Antwort auf die steigende demografische Nachfrage. Doch dagegen stehen die Interessen der lokalen Kommunen, die immer neue Baugebiete ausweisen und so, gemeinsam mit den Banken, der Illusion vom Häuschen auf dem Land immer weiter Zucker geben. Der Preis für die städtebaulichen Visionen des Baudezernenten ist die Unterschriftenliste, die gegen seine jeweils neuesten Vorhaben morgens beim Bäcker ausliegt. Er trägt das mit Fassung und hat dafür eine sommerliche Jazzakademie nach Jever gebracht.

Von der Umsetzung solcher Strukturmaßnahmen ebenfalls noch weit entfernt sind die Klimaschutzbeauftragten, die es in mehreren Landkreisen inzwischen gibt. Es handelt sich hier um eine staatliche Maßnahme, um vor Ort Emissionen zu vermeiden und Aufklärung zu leisten. Stellen, die ausgeschrieben und erst befristet, im Glücksfall dann auch irgendwann entfristet werden. Irgendwie kommt einem das als Wissenschaftler bekannt vor. Anders als beim Deichband liegt diese Aufgabe an der Küste in den Händen von Frauen. Eine der Möglichkeiten dieser Form institutionalisierter Klimapolitik besteht darin, ein Energiekonzept zu erstellen. Die Liegenschaften des jeweiligen Kreises oder der Gemeinden werden aufgelistet, und der Energieverbrauch der Schulen, Turnhallen oder der Fahrzeugflotte wird gemessen. Überall kann mit entsprechender Schulung und mit Umstellungen auf Fernwärme oder LED-Leuchten Energie eingespart werden, der Staat schießt entsprechend zu. Die Klimaschutzbeauftragten haben, wie alle Neulinge in den Kreis- und Gemeinderäten, erst einmal einen schweren Stand und müssen sich ihre Felder erobern. Die Erstellung eines Energiekonzepts ist Voraussetzung dafür, mit staatlicher Förderung die kommunale Energieversorgung umzustellen, was bei einer Region, in der mehr erneuerbare Energien produziert als verbraucht werden, durchaus attraktiv sein kann.

Es wäre so einfach, das richtige zu tun

Klimaverordnungen füllen bei privaten Planungsbüros inzwischen genauso die Ordner wie die zum Naturschutz. Von der Genehmigung von Windparks bis zur Wärmedämmung müssen Gutachten erstellt und Vergünstigungen beantragt werden. Ein solches Planungsbüro hat auch für die Stadt Varel mit ihren 25.000 Einwohnern ein Energiekonzept erstellt, das allerdings immer noch auf Halde liegt. Der Bürgermeister sagt, dass sich das nicht lohnen würde. Varel sei Vorreiter gewesen bei der Ausschreibung von Windparks, und derzeit wird hier gerade im japanischen Auftrag die weltgrößte Batterie zur Speicherung von Energie getestet, wegen der großen Dichte von Windenergie. Außerdem habe eine Stadt wie Varel viele andere Probleme zu bewältigen, sei es die Bereitstellung von Kindergärten oder die Betreuung von Flüchtlingen.

Der örtliche Nabu-Vorsitzende ist da ganz anderer Meinung. Er bombardiert die Stadt und öffentliche Einrichtungen ununterbrochen mit guten Vorschlägen, schreibt Leserbriefe und mischt sich ein. Er hatte sich auch, erfolglos, als Klimaschutzbeauftragter angeboten. Sein Kampf gilt vor allem der kognitiven Dissonanz, die er überall vorfindet. Die Stadt könnte sich an Windanlagen beteiligen, die Bürger könnten längst bei einem grünen Stromanbieter sein, es wäre so einfach, das Richtige zu tun. Seine geistige Ahnenreihe reicht von Erhard Eppler bis zu Niko Paech, dem "degrowth"-Propheten, der lange in Oldenburg gelehrt hat. Traditionell gilt die Fürsorge des Naturschutzbunds allem, was in dieser rauen Gegend kreucht und fleucht und der Hilfe oder Rettung bedürftig ist. Der Klimawandel ist da erst einmal ein Fremdkörper, und es braucht auch intern viel Überzeugungskraft, die eigene Truppe vor den Klimakarren zu spannen.

Es wäre ohne weiteres möglich, die Häuser in einer Stadt wie Varel mit Solarenergie zu versorgen, meint auch Klaus, mein Gastgeber auf dem Eekenhof. Er hat dort eine Solarenergieanlage aufs Dach gebaut, an der auch der Nabu-Vorsitzende und einige weitere Bürger aus der Umgebung beteiligt sind. Sie liefert Strom für die Kühlanlagen seines Bioladens, den er mit großem Erfolg auf dem Hof betreibt. Sein Land hat er an ein Ehepaar verpachtet, die hier biologischen Gemüseanbau betreiben und nebenbei Kindergruppen einladen, um ihnen zu zeigen, wo das Essen herkommt. Rechtzeitig im Frühjahr hat Klaus die Staubstraße mit Gemeindezuschuss auf eigene Kosten asphaltiert und eine Bewässerungsanlage für die Gemüsefelder installiert, so dass sie gut durch den Dürresommer gekommen sind. Er überlegt, wie er den Plastikverbrauch im Laden noch weiter reduzieren kann und ärgert sich, dass es auf dem Markt immer noch keinen passenden E-Tansporter für die Gemüsekistenauslieferung gibt. Die Biobranche boomt und stößt an die Grenzen des Machbaren. Die Kunden kommen gerne auf den Hof zum Einkaufen. Hier finden sie einen öffentlichen Raum und eine ländliche Idylle direkt am Stadtrand, die nicht mit Einfamilienhäusern bebaut ist, sondern bewirtschaftet wird.

Ziel aller Bauern, die ich gesprochen habe, ist der Erhalt des Betriebs für die nächste Generation. Um das Land zu erhalten, muss laufend in die Zukunft investiert werden. Das Wetter ist immer eine unberechenbare Größe, Landnutzung ein wichtiger Klimafaktor, und die Bereitstellung von Infrastrukturen ist aktive Klimapolitik. Die Widersprüche offenbaren sich in der Politik wie im Alltagsverhalten an allen Ecken und Enden, und doch wird überall experimentiert, von der Umstellung auf biologische Landwirtschaft über Solargenossenschaften bis hin zur Vollversorgung einer Stadt wie Aurich mit erneuerbaren Energien. Man weiß nie, an welcher Stelle die Zukunft beginnt.

Wie sieht das oldenburgische Land im Jahr 2050 aus, unter Berücksichtigung des Klimawandels? Diese Frage stellte kürzlich die Oldenburgische Landschaft auf einem Symposium in Wilhelmshaven. Es könnte keinen geeigneteren Gastgeber geben. Vor allem in Ostfriesland war die Landschaft die politische Vertretung, wo sich der Klerus, die Stände, die Bauern und die Bürger versammelten, und ohne deren Zustimmung der Fürst oder König nicht in den Krieg ziehen oder die Abgaben erhöhen konnte. Die Landschaft war eine politische Einheit und eine Praxis, in der über Angelegenheiten von Belang entschieden wurde. Heute ist die Oldenburgische Landschaft ein Verband, der kulturelle Belange fördert oder eben Diskussionen wie diese über die Zukunft der Küstenlandschaft in Gang setzt. 

Wie sieht eine Klimademokratie aus?

Als Vortragende traten Repräsentanten aus Verwaltung und Wissenschaft auf. Die Referentin für die Wasserwirtschaft betonte die Schwierigkeiten, die der Klimawandel für die Entwässerung des Oldenburger Landes darstellt. Ein Wissenschaftler zeigte die Grenzen des Küstenschutzes bei ansteigendem Meeresspiegel auf und stellte verschiedene Optionen zur Diskussion wie partielle Deichöffnungen und eine Rückkehr zu einer aquatischen Lebensweise, wo die Häuser auf Wurften stehen und Touristen in Booten zum Einkaufen fahren. Der Nationalparkdirektor dokumentierte am Beispiel des veränderten Verhaltens von Zugvögeln und der maritimen Populationen die Auswirkungen des Klimawandels und nahm diesen zum Anlass, für Biosphärenreservate an Land zu werben, wohl wissend, dass er sich hier Konflikte mit den Bauern einhandeln wird. Am weitesten wagte sich der für Energie zuständige Beamte in die Zukunft: Das Potential an erneuerbaren Energien in der Küstenregion werde zu einem Standortvorteil werden, der Firmen wie Google zur Kühlung ihrer Speicher mit billiger Windenergie anlocken kann. Natürlich müsse man dann bereit sein, die weitere Industrialisierung des Lands in Kauf zu nehmen.

In der anschließenden Diskussion, an der vor allem Vertreter der Zivilgesellschaft teilnahmen, entwickelte sich eine interessante Dynamik. Kann man das überschüssige Wasser, das mit ungeheurem Aufwand ins Meer gepumpt wird, nicht in den Wasserkreislauf zur Verwendung im Alltag einspeisen? Welche Rolle könnte die Digitalisierung spielen, um den Energieverbrauch drastisch zu reduzieren? Dabei kam, wie oft in solchen Diskussionen, die Frage auf, wie man die Bürger dazu bringen könnte, ihr Verhalten zu ändern oder Eingriffe in die Landschaft zu tolerieren, die sie persönlich betreffen könnten. Der Mensch wird dabei immer als homo oeconomicus konzipiert, der nur auf finanzielle Anreize reagiert. Partizipation, die Bürger mitnehmen, integriertes Management sind immer wiederkehrende Schlagworte, wobei vor allem der Begriff "Heimat" seit einigen Jahren Karriere macht. Gestützt von der angewandten Sozialwissenschaft und wissenschaftsbasierter Politiksteuerung werden Narrative propagiert, die an die Heimatgefühle der Menschen da draußen appellieren, als die sentimentale Seite des selbstsüchtigen Bürgers. Doch stimmt dieses Bild?

In der Diskussion zeigt sich auch, dass die Bürger keinesfalls nur auf ihren ökonomischen Vorteil aus sind, sondern sich um viele verschiedene, oft altruistische Belange kümmern. Sie setzen sich für ihre Umwelt ein, sie bilden Bürgerinitiativen gegen den geplanten Bau der A20 quer durch das Oldenburger Land, sie produzieren und teilen Strom, sie bilden Mitfahrgemeinschaften und übernehmen oft unter Verzicht auf ihre Karriere die Pflege ihrer Eltern oder betreuen Flüchtlinge und bilden, wie jüngst geschehen, Menschenketten gegen Ausländerfeindlichkeit auf dem Dangaster Deich mit mehr als zweitausend Teilnehmern. Ohne das Engagement und die Initiative von Bürgern gäbe es bis heute in Deutschland keine Windenergie, wir würden immer noch auf Kohle und Atomkraft setzen, und niemand wagte es, Experten in weißen Kitteln zu widersprechen. Oft genug waren es die Verwaltungen und der Staat, die abgeholt und mitgenommen werden mussten, weil sie von Bürgern angestoßene Entwicklungen verschlafen hatten. Der Appell an die Bürger, ihren carbon footprint zu verbessern, wirkt oft schal, wenn er von einer Regierung kommt, die es ein ums andere Mal versäumt, klimafreundliche Infrastrukturen zu schaffen.

Die Welt wird nicht gerettet, sie wird geschaffen

Ich notierte mir die Frage in mein Notizbuch, wie eigentlich eine Klimademokratie aussieht und was ihr Territorium wäre. In den romanischen Sprachen bedeutet "terra" nicht nur das Land, das bearbeitet, bewohnt und genutzt wird, sondern auch Erde und Erdkreis. In Latours Das terrestrische Manifest sind es vor allem die Geosozialität und die Atmosphäre, die dünne Klimaschicht, die unser Zuhause sind. Friesen müssten dann nicht mehr für das Volk ohne Raum und den Kampf gegen das Meer herhalten, wie es die Nationalsozialisten bis zum Exzess gepredigt hatten. Die Zeiten haben sich geändert, und die Mentalität folgt hinterher. Überall finden sich hier Ansätze für eine klimafreundliche, erdverbundene und weltoffene Landschaft, in der tatsächlich Dinge von Belang entschieden werden. In meinem Bericht an die Europäische Union wird stehen, dass der Ansatz für einen Klimaservice darin liegt, gemeinsam diesen Weg zu einer zugleich ortsbezogenen und weltschaffenden Klimademokratie zu gehen.

Nachtrag: Jeden Morgen kann ich anhand einer Presseschau auf meinem Rechner nachverfolgen, wie sich die globale Klimapolitik formiert. Wie immer bei Weltgipfeln, so schwillt die Zahl der Meldungen auch anlässlich des COP24 in Kattowitz sprunghaft an. Hier eine Auswahl an Überschriften vom 8. Dezember 2018: Klimagipfel von Kattowitz muss die Wende bringen. Die wahren Kosten des Klimawandels sind in unseren Krankenhäusern zu sehen. Die Welt verhält sich wie ein Geisterfahrer. Notfallplan für die Erde. Müssen in Afrika und Asien kohlenstoffarme Energieversorgung aufbauen. Weniger Fleisch essen, weniger wegwerfen. Warum wir mehr Bäume pflanzen müssen. Wir sind weit davon entfernt, Genozide zu verhindern. Die Arktis schmilzt immer schneller. Weltweiter CO2-Ausstoß steigt weiter. Die Dienstflotte in Baden-Württemberg kann ihre selbstgesteckten Klimaziele nicht einhalten. Kiel wird für eine Klimaschutzinitiative geehrt. Und als letzte Meldung: Küstenregionen sollen möglichst klimaneutral entwässert werden. 

Es verwundert mich nicht, dass ein solcher Klimadiskurs zum Scheitern verurteilt ist. Die Welt wird nicht gerettet, sondern sie wird geschaffen. Die reale Welt, wie sie in den Beschwerdeheften beschrieben wird, die Regionen und ihre konkreten Probleme stehen am Anfang einer demokratischen Klimapolitik, nicht die Apokalypse. Klimafreundlich, erdverbunden und weltoffen, so sieht die Landschaft der Zukunft aus. Das ist der Unterschied zwischen der Fortsetzung der fossil-fuel-Politik, die auf Social- und Geo-Engineering setzt und einer Klimademokratie als gelebter Praxis.

Dieser Text ist zuerst erschienen im Merkur Nr. 838/2019.