"Mein Vater war während des Kriegs in Norwegen als Funker stationiert", erwähnte ein langjähriger Freund so nebenher bei einem Glas Grünem Veltliner, als ich von meiner Reise nach Oslo sprach. Wir kannten uns ewig, aber das wusste ich nicht. Ich staunte, doch so erstaunlich war es dann auch wieder nicht: Ich selbst war lange überzeugt, zum Thema Mittäterschaft während der Nazi-Zeit nichts Verwertbares aus meiner Familie beitragen zu können. Meine Eltern waren kurz vor Kriegsbeginn geboren. Das Wort Nazi kannte ich als Mädchen nur von meinem Opa, der es als Schimpfwort beim Holzhacken für unangenehme Zeitgenossen verwendete. Daher war ich entsetzt, als ich eines Tages den Nachrichtensprecher im Fernsehen dieses verbotene Wort sagen hörte. Mein Vater konnte mir nicht erklären, warum im Fernsehen geflucht wurde. Er murmelte irgendwas von bösen Männern. Ich bohrte nach, erhielt aber keine befriedigende Antwort.

In der Grundschule trichterte uns die Lehrerin die Vergangenheit unseres Bezirks ein, Märchen und Legenden, Bürgermeister und Erfinder. Wir zeichneten Umrisse, malten Hügel und Flüsse in verschiedenen Farben. Die Ringmappe klickte, wenn ich ein Blatt abheftete. Auf dem dunkelgrünen Umschlag stand mit weißen Plastikbuchstaben: "Meine Heimat".

Im Gymnasium führte der Lateinlehrer fort, was er im Krieg gelernt hatte: Terror, Verachtung, Unerbittlichkeit, ideologisches Wettern. Sein Blick, halb Glasauge, halb stechend, musterte uns. In seinen Glatzkopf war eine faustgroße Delle gedrückt. Andenken an den verlorenen Kampf. Ein Stück Hirn fehlt ihm, flüsterten wir, deshalb ist er so grausam.

Sabine Scholl beschäftigt sich in ihren Essays mit transnationalen Prozessen; in literarischen Werken beschreibt sie das Zusammentreffen verschiedener Sprachen und Kulturen. 2018 erschien ihr Roman "Die Gesetze des Dschungels". Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Jahre später kam unser junger Geschichtslehrer eines Tages mit nach Spiritus stinkenden hektografierten Blättern in den Unterricht. Titel: Die Vernichtung der Juden. In dem Lehrbuch mit Hochglanzumschlag war davon nichts zu lesen.

In Wien auf dem Weg zu den Seminaren zur Zeitgeschichte lief ich immer an einem Gebäude vorbei, in dessen Bogengängen sich ein Kopierladen und ein Kaffeehaus befanden. Obwohl wir lernten, die Weimarer Republik und das Heraufkommen des Faschismus zu analysieren, befragten wir die Schauplätze in unserer näheren Umgebung nicht. Erst 30 Jahre später erfuhr ich den Namen dieses Hauses und seine Geschichte. Es hieß Palais Ephrussi. Nur weil Edmund de Waal, ein Nachkomme der von den Nazis vertriebenen jüdischen Besitzer, seiner Familiengeschichte nachforschte und in seinem Buch Der Hase mit den Bernsteinaugen davon erzählte, erfuhr ich davon. Wir waren nie auf die Idee gekommen, unsere Recherchen auch auf das Naheliegende zu richten. Obwohl ich mich in meiner Freizeit in antifaschistischer Argumentation ausbilden ließ, mit der wir konservativen Studierenden entgegentreten sollten, und obwohl ich mir das Studium damit verdiente, die Artikel einer maoistischen Zeitschrift zu tippen. Wir Fortschrittlichen waren unserer Zeit so weit voraus, hechelten in Richtung bessere Zukunft. Dass die Vergangenheit abscheulich gewesen war, darin bestand Einigkeit, und dass sie gar nicht vergangen war, stellte sich bald heraus.

Denn dann kam Kurt Waldheim. Der konservative Präsidentschaftskandidat hatte seine Aktivitäten als Nazi-Offizier verschwiegen, auf Nachfragen darüber sogar gelogen. Zwei Lager bildeten sich. Die einen verteidigten, die anderen kämpften gegen seine Wahl zum Staatsoberhaupt. Nun sollte jeder Farbe bekennen und von den Verstrickungen der eigenen Familie erzählen. Ruth Beckermann hat diesen Aufruhr damals filmisch festgehalten und kürzlich in dem Dokumentarfilm Waldheims Walzer, der letztes Jahr auf der Berlinale einen Bären gewann, daran erinnert. In diesem Umfeld sollte auch ich bekennen. Doch ich begann mich zu winden. Was konnte ich im Kreise all der Aufgeklärten und mir rhetorisch überlegenen Intellektuellen von mir geben? Bislang hatten wir immer nur Texte analysiert und diskutiert, nie über unsere Herkunft geredet. Peinlich berührt, rückte ich mit meiner Aussage heraus, dass die Eltern Kinder gewesen waren. Das klang wie eine Ausrede und reichte nicht. "Deine Großeltern", hieß es, "waren doch auf die eine oder andere Weise aktiv." Ich druckste herum, weil ich mich schämte, dass sie nur Landarbeiter und Bauern gewesen waren. Ich wollte, dass meine Herkunft verschleiert blieb, um mir die akademische Zukunft nicht zu verbauen, und machte mich verdächtig. Ich hatte weder eine hässliche noch eine heroische Geschichte zu erzählen, sondern bloß das schreckliche Gefühl, aufgeflogen zu sein, des Schwindels überführt. Ich gehörte nicht in diese Gesellschaft, konnte nicht mithalten. Wo ich herkam, klaffte ein tiefes Loch.