Frühjahr 1987: Ich sitze in einem Tagungszentrum im schleswig-holsteinischen Nienwohld und werde von der Organisation Youth for Understanding auf mein bevorstehendes Austauschjahr in den USA vorbereitet. Bislang weiß ich nur, dass ich irgendwo in Oregon, Montana oder Washington State landen werde. Oder in Alaska, wovor ich mich einigermaßen fürchte.

Dagrun Hintze wurde 1971 in Lübeck geboren und lebt seit fast 20 Jahren als Autorin und Theatermacherin in Hamburg. 2017 erschien ihr Essayband "Ballbesitz – Frauen, Männer und Fußball" im mairisch Verlag, 2018 folgte der Lyrikband "Einvernehmlicher Sex" bei Minimal Trash Art. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Marius Röer

Aber gerade denke ich nicht darüber nach, was für Klamotten man am Polarkreis wohl trägt, wir spielen nämlich das Albatros-Spiel: Ein weiß gekleideter Mann kommt herein, gefolgt von einer weiß gekleideten Frau. Sie hält deutlich Abstand zu ihm, während die beiden einmal den Stuhlkreis abgehen, in dem ich und die anderen zukünftigen Austauschschüler sitzen. Wer die Beine übereinandergeschlagen hat, wird aufgefordert, beide Füße auf den Boden zu stellen – die Männer von dem Mann, die Frauen von der Frau. Danach nimmt er auf einem Stuhl Platz, während sie sich zu seinen Füßen hockt. Sie reicht ihm eine Schale mit Essen, er kaut einige Bissen, erst dann isst auch sie. Bevor die beiden wieder gehen, drückt er ihren Oberkörper mit der Hand drei Mal auf den Boden.

Zwei ehemalige Austauschschüler, die die Vorbereitungstagung leiten, wollen von uns wissen, was wir gesehen haben. Eine Kultur, in der die Frau weniger wert ist als der Mann, logisch. Sie darf ja erst Nahrung zu sich nehmen, nachdem er gegessen hat, und dann dominiert er sie auch noch körperlich. Mit dieser Interpretation liegen wir so ziemlich daneben. Die fiktive Albatros-Kultur ist nämlich ein Matriarchat, in der Frau und Erde heilig sind. Deshalb darf der Mann nicht auf dem Boden sitzen und nur essen, wenn die Frau ihm Nahrung anreicht. Seine einzige Möglichkeit, teilzuhaben an der heiligen Kraft der Erde, ist, seine Hand auf ihren Rücken zu legen, wenn sie mit der Stirn den Boden berührt.

Damals begriff ich zum ersten Mal: Wir werten. Ständig. Und greifen dabei in Blitzesschnelle auf einen Wertekanon zurück, den wir für selbstverständlich halten. Und das gilt nicht nur für die Begegnung mit einer anderen Kultur – das Albatros-Spiel wird inzwischen häufig bei interkulturellen Trainings gespielt – es gilt letztlich für jede Begegnung mit einem anderen.

In der Tagungswoche ging es dann noch sehr viel um die eigene "kulturelle Brille", die wir in dem bevorstehenden Austauschjahr besser von der Nase nehmen sollten, wollten wir die US-amerikanische Kultur wirklich erleben. (Kultur bedeutete in diesem Zusammenhang nicht das Wahre, Schöne und Gute, sondern die Summe aller Ausdrucksformen, die eine Gesellschaft für ihre Werte gefunden hat.) Ohne diese Brille war tatsächlich vieles einfacher: Die Tür zu meinem Zimmer offen zu lassen, weil meine Gasteltern sonst gedacht hätten, ich wolle mit ihnen nichts zu tun haben.

Einen BH zu tragen, obwohl da wirklich nichts war, was gestützt werden musste, man mich aber ohne für "schlampig" gehalten hätte, für rasierte Beine und Achseln galt dasselbe. Zu akzeptieren, dass mein Gastvater mir gleich zu Anfang sagte, ich könne keine Freunde mit asiatischen Wurzeln nach Hause bringen – er war in Vietnam gewesen und vermutlich traumatisiert, jedenfalls ertrug er keine asiatischen Gesichtszüge in seiner Nähe. Von Schwarzen, Mexikanern und Schwulen hielt er auch nicht viel – aufgewachsen auf einer Farm in Montana und einfacher Arbeiter bei der Burlington Northern Railroad war er mit diesen Menschen nie in Kontakt gekommen, besaß also keine Erfahrung, sondern nur Vorurteile.

Seine Frau und er waren damals zehn Jahre jünger als ich heute. Schon lange haben wir nichts mehr voneinander gehört, und seit 2016 frage ich mich gelegentlich, ob wohl auch sie diesen Horrorclown ins Weiße Haus gewählt haben – unwahrscheinlich erscheint es mir nicht. Was ich noch weiß, ist, dass sie sich einige Jahre nach meinem Aufenthalt bei ihnen scheiden ließen. Weil er zu viel trank. Weil sie noch etwas anderes wollte vom Leben, als auf einer Farm hundert Meilen südlich von Seattle zu hocken, wo wegen unbezahlter Rechnungen dauernd der Strom oder das Telefon abgestellt wurden. Doch 1987 hatten beide gemeinsam die Offenheit besessen, mich für ein Jahr aufzunehmen. 

Ohne dafür auch nur einen Cent zu bekommen. Nie im Leben wären sie nach Europa gereist, aber mit mir holten sie sich ein Stück fremder Welt nach Hause, stellten Fragen über Deutschland, hörten zu und vor allem: erlebten, wie ich mich verhielt. Denn logischerweise mutierte ich nicht auf der Stelle zu einem amerikanischen Teenager. (Wobei Mickey-Mouse-T-Shirts, toupierte Dauerwellen und grell lackierte Fingernägel zugegebenermaßen schnell ansteckend wirkten.) Ich las weiterhin sehr viele Bücher (was mein Gastvater für eine merkwürdige Schrulle hielt), fand American Football samt Cheerleader albern und hatte – zumindest in der Schule – sehr wohl mit Asiaten, Schwarzen, Mexikanern und Schwulen zu tun. Vor allem aber konnte ich mich nie an das Pathos gewöhnen, mit dem man überall und ständig dem "Land of the Free, Home of the Brave" huldigte.