Neulich passierte in New York etwas, davon werden sie sich womöglich in Jahrzehnten noch erzählen. Die Frage ist nur wie. Ob als Anfang einer Revolte womöglich. Oder als einzelne Anekdote, deren Pointe lautet: Manchmal gewinnen auch die Kleinen gegen die Großen – aber am Großen und Ganzen ändert es nichts.

Neulich also, da wollte Amazon, eines der wertvollsten Unternehmen der Welt, sein zweites Headquarter direkt am East River bauen. Amazon-Gründer Jeff Bezos hatte Milliardeninvestitionen versprochen, 25.000 neue Arbeitsplätze würden geschaffen, ein ganzes Viertel im Stadtteil Queens sollte umgekrempelt werden. Frisches Geld, neuer Drive, urbane Aufwertung, boomende Wirtschaft wurden verhießen. Selbst die Queensbridge Houses, ein riesiger Sozialwohnungsbaukomplex nebenan, sollten von Amazon profitieren, Bürgermeister Bill de Blasio kündigte "außergewöhnliche Synergien" an. Subventionen in Höhe von drei Milliarden Dollar wäre der örtlichen Politik die Ansiedlung wert gewesen – und die faktische Zerstörung der dort existierenden Nachbarschaften, auch wenn die nicht die vorzeigbarsten sind.

Doch nach drei Monaten intensiver Proteste durch Anwohner, Aktivistinnen und Lokalpolitiker traf der Onlineversandhändler eine Entscheidung, mit der nicht mal die optimistischsten Gegner gerechnet hatten: Mitte Februar gab Amazon auf. In der zugehörigen Firmenmitteilung machte das Unternehmen den Widerstand "einer Reihe von Politikern auf örtlicher und bundesstaatlicher Ebene" dafür verantwortlich, dass es seine Headquarterpläne verworfen hatte. Dabei hätten Umfragen gezeigt, so Amazon, "dass 70 Prozent der New Yorker unsere Pläne und Investitionen unterstützen".

Eine Quelle für diese Zahl nannte Amazon nicht. Tatsächlich zeigten im Vorfeld der Entscheidung zwei weithin zitierte Umfragen – eine der Quinnipiac University und eine des Siena College – deutlich niedrigere Zustimmungsraten unter New Yorker Bürgern und Bürgerinnen für Amazons Vorhaben: 57 beziehungsweise 56 Prozent. Bei der Umfrage der Quinnipiac University fürchteten 41 Prozent der Befragten negative Konsequenzen aus den Amazon-Plänen: auf die Wohnsituation in New York, den Verkehr, die Lebensqualität an sich. 

Das sind im weitesten Sinne die Nöte von Großstädtern, die sich seit Jahren den Gesetzen des Marktes ohnmächtig ausgesetzt fühlen: kaum bezahlbarer Wohnraum, stagnierende Gehälter, steigende Kosten etwa für die Betreuung und Bildung der eigenen Kinder. Diese Menschen gibt es überall auf der Welt in Boomstädten. Im New Yorker Fall könnte man sie für die potenzielle Wählerklientel des progressiven Flügels der Demokraten halten, der sich um Symbolfiguren wie Bernie Sanders und neuerdings die aus New York stammende Alexandria Ocasio-Cortez (kurz AOC) schart. Sie führen das für die USA neue Wort vom demokratischen Sozialismus. Auch wenn die dazu passenden politischen Forderungen nach europäischen Maßstäben oft eher alten sozialdemokratischen ähneln.

Systemkritik hat es in die Primetime geschafft

Doch nicht nur Menschen des urbanen Mittelstandes (oder solche, die gerne dazugehören würden) in den USA scheinen den Verheißungen des freien Marktes mittlerweile zu misstrauen. Antikapitalistisches Denken wird, so sieht es aus, in Amerika gerade normalisiert. Wer US-Nachrichtenkanäle schaut oder zu viel Zeit auf Twitter verbringt, könnte gar den Eindruck bekommen, das Land stünde kurz vorm Umsturz. Von Sozialismus und Revolution ist die Rede, und zwar nicht nur in Brooklyner Lesekreisen oder auf marxistischen Blogs, sondern im Parlament und bei CNN. Systemkritik hat es in die Primetime geschafft. Und das Beispiel Amazon ist auch deshalb so prägnant, weil die neue Fundamentalkritik am Kapitalismus oft verbunden ist mit einem ebenso neuen Unbehagen an den Geschäftsmodellen der amerikanischen Tech-Konzerne und deren möglichen gesellschaftlichen Folgen: am "Überwachungskapitalismus", wie die emeritierte Harvard-Professorin Shoshana Zuboff die zeitgenössische Wirtschaftsform nennt.

Tatsächlich wirkt es mindestens medial so, als würde sich nun auch ein zunehmender Teil der amerikanischen Bevölkerung nach Alternativen sehnen – und dabei vor radikaleren Ideen nicht zurückschrecken. Kann es also sein, dass Amazon nur der erste große Fall einer nachhaltigen Entwicklung ist, bei der sich eine Bevölkerung erfolgreich gegen das Kapital stellt, hier das eines Tech-Milliardärs und seines Konzerns? Ausgerechnet in den USA? Oder müsste man eher fragen: Wo denn sonst, wenn nicht dort?

Vor einigen Jahren wäre solch ein erfolgreicher Widerstand wie gegen die Amazon-Pläne in Queens wohl als singuläres Ereignis interpretiert geworden. Heute ist das anders. Die Sozialwissenschaftlerin Frances Fox Piven, die mehr als 30 Jahre lang an der City University of New York unterrichtete und zahlreiche Bücher über die sozialpolitischen Verschiebungen in den USA geschrieben hat, spricht von einer neuen "Ära der Protestbewegungen", für die der Rückzug Amazons nur eines von vielen Indizien sei. "Der ideologische Status quo wird in den USA zunehmend infrage gestellt", sagt Piven. "Und dieses Infragestellen führt die Menschen dazu, die Alternative Sozialismus zu benennen."

Die Kapitalismuskritik hebt ihr neues Haupt

Anzeichen für diese Verschiebung finden sich in der Tat schnell. Da wären all die kapitalismuskritischen Organisationen wie Our Revolution, Hoosier Action oder Democratic Socialists of America, deren Außenstellen sich mittlerweile übers ganze Land verteilen. Da wären linke Magazine wie Jacobin, Dissent und Commune, die in den vergangenen zwei Trump-Jahren enorm an Diskursmacht hinzugewonnen haben. Da wären die Umfragen, nach denen die Mehrheit der Sympathisanten der Demokraten "Sozialismus" gegenüber "Kapitalismus" bevorzugt. Und da wären natürlich die neuen Kongressmitglieder AOC, Ilhan Omar und Rashida Tlaib, die mit ihren Forderungen nach Umverteilung die Themensetzung der politischen Talkshows bestimmen (wenn nicht gerade eine neue Trump-Enthüllung ihnen die Schau stiehlt).

Laut Piven könne man diese Phänomene als Lockerung einer ideologischen Blockade interpretieren. Lange Zeit sei die vorherrschende Haltung gewesen, "dass ein reformerischer Kapitalismus die sozialen Fragen lösen könnte", sagt sie. Der Diskursraum sei begrenzt gewesen und dadurch seien die Forderungen linker Aktivisten als reines Randphänomen wahrgenommen worden. "Die hyperkapitalistische Zuspitzung, auch Neoliberalismus genannt, hat diese Umstände aufgehoben", sagt Piven. 

Wenn es also stimmt, dass in den USA wieder verstärkt über den Kapitalismus gestritten wird, stellt sich die Frage, warum das so lange nicht der Fall war. Eine ähnliche Erklärung wie Piven heute lieferte der Kulturtheoretiker Mark Fisher bereits vor zehn Jahren in seinem Buch Capitalist Realism, in dem er das Phänomen einer politischen Atmosphäre beschrieb, in der die Menschen das sie umgebende System quasi als Naturgesetz betrachteten und ein Bewusstsein für Alternativen gar nicht mehr entwickeln könnten. "Der kapitalistische Realismus hat in den letzten 30 Jahren erfolgreich eine ‚Business-Ontologie’ verpflanzt, in der es offenkundiges Ziel ist, jeden Bereich der Gesellschaft, einschließlich Gesundheitswesen und Bildung, als Business zu führen", schrieb Fisher 2009.

Trump ist Fanal und Katalysator zugleich

Unter dieser Prämisse könnte man ein Jahrzehnt später die Präsidentschaft des Geschäftsmannes Donald Trumps zugleich als Fanal und Katalysator verstehen. Mit Trump, der einst das bereits prächtige Immobiliengeschäft seines Vaters erbte und heute eine seiner Töchter und deren Ehemann (noch ein Immobilienerbe) als Berater engagiert hat, sitzt im Weißen Haus die perfekte Antithese zu der Behauptung, Wohlstand und Macht würden im fairen Wettbewerb erworben und verteilt im gegenwärtigen Amerika. Das Business-Ontologische an Trump als Politiker ist, dass er den dealmaker auch im Amt weiterspielt, denn seine Qualitäten als Darsteller waren schon immer größer als die als Macher. Der Trumpismus ist das Gegenteil von Meritokratie. Er ist der Sieg der Schamlosigkeit über einen Leistungsgedanken, der allerdings schon immer nur bestimmte Leistungen belohnt hat. 

Wie Fisher stellen auch die Philosophinnen Nancy Fraser und Rahel Jaeggi in ihrem 2018 veröffentlichten Buch Capitalism: A Conversation in Critical Theory fest, dass "der Kapitalismus in politischen und intellektuellen Debatten lange Zeit abwesend war". Ein Grund dafür laut Jaeggi: Jahrzehntelang sei die kapitalistische Ökonomie wie eine Blackbox betrachtet worden. Geschaut wurde, was herauskommt, aber nicht, was hineingeht. Auch der "spektakuläre Aufstieg des Poststrukturalismus" habe eine Rolle gespielt. "Während der Kapitalismus von der Bildfläche verschwand, entstand Raum, um ein breites Spektrum kultureller Angelegenheiten zu behandeln, wie etwa Fragen nach Geschlecht, Rasse, Sexualität und Identität", so Fraser.

Und heute? Seit Donald Trump dieses Land beherrscht, kann man bezüglich der Debattenkultur zwei Dinge beobachten: Einerseits ist sie noch schriller geworden. Der Präsident liefert in betäubender Regelmäßigkeit Skandale, Lügen, Absurditäten. Manche Fernsehsender schaffen es, über Tage hinweg einen einzigen Tweet auseinanderzupflücken, zwischen Atomkrieg und Friedensnobelpreis liegt oft nur eine Runde Golf. Dass Trump und sein Haussender Fox News – schon lange symbiotisch in der Feindbeschwörung – derzeit wie besessen vor dem "Aufstieg des Sozialismus" warnen, passt also gut in die alarmistische, hochtourige Atmosphäre.

Andererseits aber wurde in der amerikanischen Öffentlichkeit selten so ausgiebig und ernsthaft über strukturelle Probleme des Kapitalismus und deren mögliche Behebung diskutiert wie in letzter Zeit. Dass Trump mehr Symptom als Ursache ist, scheint als Erkenntnis gewachsen zu sein. Es gibt ein Bedürfnis nach anderen Fragen und größeren Antworten, weil die anderen Antworten auf die kleinen Fragen noch weniger befriedigen als früher.

What is Democracy? heißt eine Dokumentation, die gerade in den US-Kinos läuft. Eine Frage, die zunächst fast banal daherkommt, doch während sich Filmemacherin Astra Taylor präzise, empathisch und differenziert durch ihren Film tastet, wird deutlich, wie dringend diese Frage ist. Man muss sie den Leuten nur stellen.

Taylor tat das in Raleigh, der Hauptstadt des US-Bundesstaates North Carolina. November 2016, eine der letzten Veranstaltungen von Trump vor der Präsidentschaftswahl: "Diese Wahl wird darüber entscheiden, ob wir von einer korrupten politischen Klasse oder von den Leuten regiert werden", tönt Trump im Stile des diabolischen Batman-Gegenspielers Bane in The Dark Knight Rises und die Zuschauer kreischen. Taylor spricht in der Folge mit zwei jungen, weißen Wählern über Trumps Immigrationspolitik. Die Mauer zu Mexiko sei notwendig, damit Amerika wieder erstarken könne, sagen die beiden. Was Demokratie für sie bedeutet, will Taylor wissen. "Mich inspiriert nicht der Begriff Demokratie, sondern der amerikanische Traum. Die Möglichkeit, aufzusteigen", antwortet die Frau.

Die Mythen liberaler Politik

Bemerkenswert ist diese Szene, weil sie ein grundlegendes Problem der Demokratie unter kapitalistischen Vorzeichen verdichtet: Während die einen nicht mitmachen dürfen, haben die anderen etwas Besseres vor. Der Mythos American Dream funktioniert weiter als Energiequelle der Individualgesellschaft. Parallel aber wächst die Masse der Menschen, die genau das realisiert; die die inhärenten Grenzen und Probleme der freien Marktwirtschaft wahrnehmen. Versteht man die nationalistische Rückbesinnung und die Offenheit für totalitäre Tendenzen der vergangenen Jahre als Konsequenz des Hyperkapitalismus, wären die sozialistischen Tendenzen eine ebensolche Konsequenz. Die Krise des Kapitalismus hätte Kollektive geschaffen.

Am eindrucksvollsten ist Taylors Film, wenn ihre Protagonisten mit Beobachtungen am eigenen Leib die Mythen liberaler Politik zerstören. Ein Friseur in Miami, der davon erzählt, wie er durch seinen Gefängnisaufenthalt nachhaltig entdemokratisiert wurde. Afroamerikanische Teenager, die berichten, dass sie die Regeln des land of the free im Unterricht zwar lernen, sich aber weit entfernt von der Freiheit zu jeglicher Mitgestaltung wähnen. Eine Lyrikerin, die feststellt, dass es für "schwarze Menschen in diesem Land nie richtige Demokratie" gab.

Der Film zeigt, wie sich Kapitalismus und Demokratie immer wieder im Widerspruch zueinander befinden. Tun sie das sogar zwangsläufig?

So kann man eine andere Dokumentation interpretieren, die seit Anfang des Jahres in den deutschen Kinos läuft. In Fahrenheit 11/9 stürzt sich Filmemacher Michael Moore wie üblich in die Abgründe der US-Politik – und gibt seinen Zuschauern eine Botschaft mit, die zum Zeitgeist passt: "Warum sollten wir dieses Amerika retten? Das Amerika, das ich retten möchte, ist ein Amerika, das wir niemals hatten. Wir brauchen Action. Wir müssen das System loswerden, dass uns Trump beschert hat", sagt Moore ganz am Ende. Mobilisierungsworte, die nach diesem zweistündigen Ausflug ins kaputtliberalisierte Amerika vielmehr pragmatisch als idealistisch wirken. Ganz einfach: Wer Trump nicht will, braucht echte Alternativen zu den Strukturen, die Trump ermöglichten.

Die Ideen scheinen längst mehrheitsfähig

Dass es in der US-amerikanischen Bevölkerung nicht erst seit dem Wahltag am 9. November 2016 eine Sehnsucht nach strukturellen Veränderungen der Ökonomie gibt, zeigen diverse Umfragen. Seit Anfang der Neunzigerjahre stellt das Meinungsforschungsinstituts Gallup die Frage, ob Reiche mehr Steuern zahlen sollten, und es gab seither kein Jahr, in dem die absolute Mehrheit dem nicht zustimmte. Auch die Idee einer staatlichen Krankenversicherung wird seit mehr als 20 Jahren von über der Hälfte der Befragten unterstützt.

"Die Diskrepanz zwischen Wählermeinung und dem Programm der Politik ist ein Resultat davon, dass die Wählerinteressen nicht der einzige und oft nicht der wichtigste Faktor für die Erstellung der Programme sind", sagt die Soziologin Piven. Finanzielle Interessen und Medienwirkung spielten eine mindestens genauso große Rolle. "Die zahlreichen Bewegungen der vergangenen Jahre, von Occupy Wall Street bis zu den Lehrer-Streiks, sind ein Ausdruck der Unzufriedenheit der Wähler." Wenn man so will, nutzt der linke Flügel der Demokraten mit seinen Vorschlägen für entschiedene Umverteilungen nur lange ignoriertes Potenzial.

Es sind insbesondere junge US-Amerikaner, durch die Finanzkrise und das Akute des Klimawandels geprägt, die sich aus dem "kapitalistischen Realismus" zu befreien versuchen. Und so ist es gewiss kein Zufall, dass die momentan wohl meistgehypteste (und meistgehasste) Politikerin des Landes, Alexandria Ocasio-Cortez, nicht nur programmatisch eine Alternative präsentiert, sondern auch biografisch. Sie ist eine von ihnen, ein Millennial aus der Bronx, bis vor einem Jahr noch Kellnerin, durch ihr Studium verschuldet. Moderate Politik, sagte sie kürzlich, sei angesichts der unmoderaten Umstände zynisch.

Ist Ocasio-Cortez am Ende nur eine Reformerin?

Seit Januar sitzt die 29-Jährige nun im Kongress, fordert eine Reichensteuer von 70 Prozent, bedingungsloses Grundeinkommen und 100 Prozent erneuerbare Energien. Manchen US-Linken ist selbst das nicht genug, sie kritisieren, dass Ocasio-Cortez' "Sozialismus" vielmehr den Kapitalismus durch Reformen rette. Was natürlich die Frage aufwirft, inwiefern Politiker das System von innen überhaupt herausfordern können. Doch auch an dieser Stelle zeigt sich eine starke Verschiebung: Die Erwartungshaltung an linke Politik war in diesem Land nie größer. Viele Amerikaner erinnern sich nur zu gut daran, mit welcher Hoffnung sie 2008 den Sieg Obamas feierten – und wie schnell sie dann doch enttäuscht wurden.

Wie anders die heutige Hoffnungsträgerin AOC allerdings Politik angeht, erkennt man nicht nur an ihren Gesetzesvorschlägen, sondern auch an der Rhetorik. Während Obama einen "inklusiven Kapitalismus" annoncierte, verspricht AOC in Interviews, dass Kapitalismus "nicht ewig existieren wird". Beim SXSW-Festival Anfang März sagte sie, dass ein System, in dem Profit "auf Kosten der Menschheit und Umwelt priorisiert werde", nicht zu retten sei. Wenn immer mehr Menschen einen Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Klimawandel erkennen, ist das auch ihr Verdienst.

Betrachtet man das zurückliegende Jahrzehnt seit Obamas Wahl und dem globalen Crash und insbesondere die vergangenen zwei Jahre unter Trump, lassen sich also mehrere Entwicklungen erkennen. Eine sich zuspitzende Legitimitätskrise des Neoliberalismus, die sich in rechten und linken Bewegungen äußert. Eine lauter werdende Verteidigung des Kapitalismus auf der einen und ein lauter werdender Ruf nach radikalen Alternativen auf der anderen Seite. Und eine Extremisierung der Debattenkultur, die einerseits schriller und andererseits substanzieller wird. Polarisierung nennt man das wohl.

Die Mitte sieht sich selbst verloren

Umso verzweifelter wirken da manche Rettungsversuche aus der liberalen Mitte. In der März-Titelgeschichte des Magazins The Atlantic erklärt der leitende Redakteur Yoni Appelbaum ausführlich, warum Trump nicht mehr "fit for office" sei – und begründet das unter anderem damit, dass der Präsident die "amerikanischen Ideale" betrüge. Trump greife "die amerikanische Idee, das Prinzip, dass wir alle – egal, welche Herkunft, welches Geschlecht, welcher Glaube – gleich sind" an, schreibt Appelbaum. Und macht damit letztlich das Gleiche wie Trump selbst: eine abstrakte heile Welt beschwören, die es für einen Großteil der US-Bevölkerung nie gab.

Praktisch täglich warnen Kolumnisten der großen Zeitungen nun davor, die US-Linke sei "zu radikal" geworden. Stellvertretend wurden auch die Anti-Amazon-Aktivisten beschuldigt, der Stadt New York Chancen auf wirtschaftlichen Fortschritt geraubt zu haben. Nachdem das Unternehmen seinen Rückzug bekannt gegeben hatte, veröffentlichte das Editorial Board der New York Times einen flehenden Brief mit der Überschrift Amazon, die Tür ist immer noch offen

"Lebhafte Demokratie und lebhafter Kapitalismus sollten nebeneinander bestehen können", hieß es im Leitartikel der New York Times. Für viele Amerikaner scheint diese Idee mittlerweile gestorben.