Anzeichen für diese Verschiebung finden sich in der Tat schnell. Da wären all die kapitalismuskritischen Organisationen wie Our Revolution, Hoosier Action oder Democratic Socialists of America, deren Außenstellen sich mittlerweile übers ganze Land verteilen. Da wären linke Magazine wie Jacobin, Dissent und Commune, die in den vergangenen zwei Trump-Jahren enorm an Diskursmacht hinzugewonnen haben. Da wären die Umfragen, nach denen die Mehrheit der Sympathisanten der Demokraten "Sozialismus" gegenüber "Kapitalismus" bevorzugt. Und da wären natürlich die neuen Kongressmitglieder AOC, Ilhan Omar und Rashida Tlaib, die mit ihren Forderungen nach Umverteilung die Themensetzung der politischen Talkshows bestimmen (wenn nicht gerade eine neue Trump-Enthüllung ihnen die Schau stiehlt).

Laut Piven könne man diese Phänomene als Lockerung einer ideologischen Blockade interpretieren. Lange Zeit sei die vorherrschende Haltung gewesen, "dass ein reformerischer Kapitalismus die sozialen Fragen lösen könnte", sagt sie. Der Diskursraum sei begrenzt gewesen und dadurch seien die Forderungen linker Aktivisten als reines Randphänomen wahrgenommen worden. "Die hyperkapitalistische Zuspitzung, auch Neoliberalismus genannt, hat diese Umstände aufgehoben", sagt Piven. 

Wenn es also stimmt, dass in den USA wieder verstärkt über den Kapitalismus gestritten wird, stellt sich die Frage, warum das so lange nicht der Fall war. Eine ähnliche Erklärung wie Piven heute lieferte der Kulturtheoretiker Mark Fisher bereits vor zehn Jahren in seinem Buch Capitalist Realism, in dem er das Phänomen einer politischen Atmosphäre beschrieb, in der die Menschen das sie umgebende System quasi als Naturgesetz betrachteten und ein Bewusstsein für Alternativen gar nicht mehr entwickeln könnten. "Der kapitalistische Realismus hat in den letzten 30 Jahren erfolgreich eine ‚Business-Ontologie’ verpflanzt, in der es offenkundiges Ziel ist, jeden Bereich der Gesellschaft, einschließlich Gesundheitswesen und Bildung, als Business zu führen", schrieb Fisher 2009.

Trump ist Fanal und Katalysator zugleich

Unter dieser Prämisse könnte man ein Jahrzehnt später die Präsidentschaft des Geschäftsmannes Donald Trumps zugleich als Fanal und Katalysator verstehen. Mit Trump, der einst das bereits prächtige Immobiliengeschäft seines Vaters erbte und heute eine seiner Töchter und deren Ehemann (noch ein Immobilienerbe) als Berater engagiert hat, sitzt im Weißen Haus die perfekte Antithese zu der Behauptung, Wohlstand und Macht würden im fairen Wettbewerb erworben und verteilt im gegenwärtigen Amerika. Das Business-Ontologische an Trump als Politiker ist, dass er den dealmaker auch im Amt weiterspielt, denn seine Qualitäten als Darsteller waren schon immer größer als die als Macher. Der Trumpismus ist das Gegenteil von Meritokratie. Er ist der Sieg der Schamlosigkeit über einen Leistungsgedanken, der allerdings schon immer nur bestimmte Leistungen belohnt hat. 

Wie Fisher stellen auch die Philosophinnen Nancy Fraser und Rahel Jaeggi in ihrem 2018 veröffentlichten Buch Capitalism: A Conversation in Critical Theory fest, dass "der Kapitalismus in politischen und intellektuellen Debatten lange Zeit abwesend war". Ein Grund dafür laut Jaeggi: Jahrzehntelang sei die kapitalistische Ökonomie wie eine Blackbox betrachtet worden. Geschaut wurde, was herauskommt, aber nicht, was hineingeht. Auch der "spektakuläre Aufstieg des Poststrukturalismus" habe eine Rolle gespielt. "Während der Kapitalismus von der Bildfläche verschwand, entstand Raum, um ein breites Spektrum kultureller Angelegenheiten zu behandeln, wie etwa Fragen nach Geschlecht, Rasse, Sexualität und Identität", so Fraser.

Und heute? Seit Donald Trump dieses Land beherrscht, kann man bezüglich der Debattenkultur zwei Dinge beobachten: Einerseits ist sie noch schriller geworden. Der Präsident liefert in betäubender Regelmäßigkeit Skandale, Lügen, Absurditäten. Manche Fernsehsender schaffen es, über Tage hinweg einen einzigen Tweet auseinanderzupflücken, zwischen Atomkrieg und Friedensnobelpreis liegt oft nur eine Runde Golf. Dass Trump und sein Haussender Fox News – schon lange symbiotisch in der Feindbeschwörung – derzeit wie besessen vor dem "Aufstieg des Sozialismus" warnen, passt also gut in die alarmistische, hochtourige Atmosphäre.

Andererseits aber wurde in der amerikanischen Öffentlichkeit selten so ausgiebig und ernsthaft über strukturelle Probleme des Kapitalismus und deren mögliche Behebung diskutiert wie in letzter Zeit. Dass Trump mehr Symptom als Ursache ist, scheint als Erkenntnis gewachsen zu sein. Es gibt ein Bedürfnis nach anderen Fragen und größeren Antworten, weil die anderen Antworten auf die kleinen Fragen noch weniger befriedigen als früher.

What is Democracy? heißt eine Dokumentation, die gerade in den US-Kinos läuft. Eine Frage, die zunächst fast banal daherkommt, doch während sich Filmemacherin Astra Taylor präzise, empathisch und differenziert durch ihren Film tastet, wird deutlich, wie dringend diese Frage ist. Man muss sie den Leuten nur stellen.

Taylor tat das in Raleigh, der Hauptstadt des US-Bundesstaates North Carolina. November 2016, eine der letzten Veranstaltungen von Trump vor der Präsidentschaftswahl: "Diese Wahl wird darüber entscheiden, ob wir von einer korrupten politischen Klasse oder von den Leuten regiert werden", tönt Trump im Stile des diabolischen Batman-Gegenspielers Bane in The Dark Knight Rises und die Zuschauer kreischen. Taylor spricht in der Folge mit zwei jungen, weißen Wählern über Trumps Immigrationspolitik. Die Mauer zu Mexiko sei notwendig, damit Amerika wieder erstarken könne, sagen die beiden. Was Demokratie für sie bedeutet, will Taylor wissen. "Mich inspiriert nicht der Begriff Demokratie, sondern der amerikanische Traum. Die Möglichkeit, aufzusteigen", antwortet die Frau.