Wenn ich groß bin, werde ich Tourist. Das habe ich irgendwann mal gesagt und fand es lustig. Jetzt sitze ich hier mit meinen Freunden in dieser Hotellobby in Beirut und finde, dass das eigentlich ein dämlicher Spruch war und ich über Touristen nicht mehr lachen kann. Vor allem nicht dann, wenn ich selbst einer bin. Ich bin die schlimmste Sorte Tourist. Nämlich die, die nichts weniger sein will als Tourist. Ich bin ein Nichttourist-Tourist.

Vor zwei Wochen sind wir angekommen, mit der Billig-Airline sind wir von Berlin nach Beirut geflogen, in diese Stadt, in der bis vor ein paar Jahren noch der Bürgerkrieg tobte, weshalb es hier noch immer fast keine Touristen aus Europa gibt. Außer eben uns, zumindest fühlt es sich so an, und das ist gut, denn echte Nichttourist-Touristen hassen nichts mehr als Touristen. Und jetzt sind wir hier und lümmeln in den blass-silbrigen Samtsesseln dieses alten Grand Hotels namens Phoenicia herum (in dem wir nicht wohnen, aber in dem wir uns für ein paar Minuten so fühlen können, als täten wir es, weil wir für das Tonic Water neun Euro bezahlen) und machen uns lustig über die verkitschten Armaturen und die umgreifende Verschandelung dieses historischen Schauplatzes.

Aus den Boxen säuselt leise Lounge-Musik, während wir die trägen Rudel Louis-Vuitton-behangener Hotelgäste bestaunen. Dazu knabbern wir die Nüsschen, die man umsonst bekommt zum Tonic Water, das wir trinken, weil wir finden, dass es sich anfühlt, als wären wir wichtige Auslandskorrespondenten aus einer längst vergangenen Zeit, in der man noch dachte, Tonic Water helfe gegen irgendwelche Mücken, die einen in fremden Ländern heimsuchen.

Es ist irgendwie okay hier, finden wir. Obwohl alles viel zu groß und viel zu viel ist und nichts von der zurückhaltenden Grandezza eingelöst wird, die wir von einem Grand Hotel erwarten, so, wie es uns die ganzen alten Filme versprochen haben.

Früher war alles besser

Früher war jedenfalls alles besser, das kann man auf den Fotos in den Korridoren hier sehen. Mittlerweile prangt über der atemraubenden Marmortreppe, die vom Eingang in die Lobby führt, eine furchterregende zeitgenössische Wandmalerei, hinter den perlmuttgetäfelten Rückwänden der Rezeption strahlt indirekte Beleuchtung. Die Männer tragen Double Denim und Aftershave-Wolken, die Frauen alle die gleiche Nase, die gleiche Frisur und Designer-Jogginghosen.

Während ich darüber nachdenke, ob das mit den Jogginghosen und den Nasen etwas mit den Kardashians zu tun hat, lacht einer meiner Freunde, schiebt seine Hornbrille nach oben und sagt, dass das Geld an allem schuld sei, um das es allen hier ginge. Und dass das kein Wunder sei, weil die Leute eben keine Ahnung hätten vom Wert des Alten und deshalb alles mit Neuem verschandeln würden. Und dann lache ich zurück, denn ja, es ist wahr, das Hotel ist ziemlich verschandelt, so wie fast alle Hotels hier verschandelt sind, so wie die Marina auch verschandelt ist und die Innenstadt verschandelt ist. Zumindest finden meine Freunde und ich das. Und wenn man uns so zuhört, könne man meinen, die Leute hätten das hier absichtlich alles verschandelt, um uns zu ärgern.

Im Gegensatz zu denen haben wir nämlich eben gerade schon Ahnung vom Alten. Denn wir sind gekommen, um das Echte zu sehen. Echte Grand Hotels, echte Geschichte, echte Menschen, echte Ruinen, echtes Plastik. Der Nichttourist-Tourist ist ein Authentizitätsconnaisseur. Er reist, um das zu bestaunen, was aus den Werbekampagnen im Lufthansa-Magazin rausgeschnitten wurde. Und er verfällt angesichts von Müllbergen und Baustellen, die für seine am zivilisatorischen Fortschritt geschulten Augen aussehen wie Konzeptkunst-Installationen, in Stendhal’schen Schwindel.