Postkartenansicht: Das Phoenicia wurde im Jahr 1962 offiziell eröffnet, vom damaligen libanesischen Ministerpräsidenten Rashid Karami. © Phoenicia Hotel Beirut

Von dort, wo wir sitzen, kann man hinter den grauen Polyestervorhängen das Meer sehen, das leere St. Georges Hotel nebenan und das Denkmal, das zu Ehren des einstigen libanesischen Ministerpräsidenten Rafiq Hariri errichtet wurde, der dort Opfer eines Mordanschlags wurde. Die Druckwellen der Bombe, die genau an dieser Stelle zwischen den beiden Hotels hochging, waren so stark, dass die Fensterscheiben aller umliegenden Gebäude herausgeflogen sind. Nur der Kronleuchter im Eingangsbereich des Phoenicia, erzählt man sich, der hätte nicht einmal gewackelt; der hätte zuvor sogar den ganzen Bürgerkrieg von 1975 bis 1990 schadlos überstanden. Es war etwa fünf Jahre nach Kriegsbeginn, als Volker Schlöndorff begann, hier seinen Film Die Fälschung zu drehen. Den Kronleuchter sieht man darin nicht, weil die Innenaufnahmen allesamt ein paar Kilometer weiter im Casino du Liban aufgenommen werden mussten, da die Innenräume des Phoenicia zu diesem Zeitpunkt schon bis zur Unkenntlichkeit zerstört waren.

Ein paar Jahre zuvor, also bevor alles erst zerstört und dann verschandelt wurde, sah hier alles noch so aus, wie wir es jetzt gerne immer noch hätten: wie in der goldenen Ära der Sechzigerjahre, als der Libanon noch als "die Schweiz des Nahen Ostens" galt und das Stadtbild Beiruts noch ganz und gar vom Flair der französischen Mandatszeit geprägt war, die 1943 zu Ende gegangen ist, mit der uniliteralen Unabhängigkeitserklärung der damaligen libanesischen Regierung. Und ein bisschen nostalgisch wird man ja wohl noch sein dürfen, da ist es auch nicht so schlimm, dass wir Nichttourist-Touristen angesichts der vor sich hin gammelnden Arto-Deco-Paläste unsere sonst so vehement formulierte kolonialismuskritische Überzeugung zugunsten ästhetischer Kategorien über den Haufen werfen. Schließlich sind wir ja im Urlaub. 

Wie herrlich glanzvoll das alles gewesen sein muss, sieht man auf den alten Aufnahmen, die auf die Planen rund um das Baustellenareal auf der anderen Straßenseite gedruckt wurden und die für irgendein neues Luxuswohnprojekt werben. Schlöndorffs Filmszenen spielen genau dort, wo jetzt die Baustelle und der neue, blankgeputzte Yachthafen sind. Bruno Ganz spielt in Die Fälschung einen Hamburger Journalisten, der nach Beirut kommt, um über den Bürgerkrieg zu berichten. Alles brennt, er stolpert durchs Kreuzfeuer und versteht dabei nie so richtig, wer gerade gegen wen kämpft, aber das ist auch egal, denn vor allem geht es ihm darum, "authentisches" Material für seine Reportagen zu sammeln. Zwischendurch verliebt sich der Protagonist dann auch noch in eine Deutsche, die von Hanna Schygulla gespielt wird. Daraus aber wird irgendwie nicht so richtig was. Jedenfalls kommen dem eigentlich verheirateten Mann seine privaten Irrungen ähnlich kompliziert vor wie der Krieg, über den er berichten soll. Vielleicht war er ein Nichttourist-Tourist der ersten Stunde.

Als der Libanon noch als die Schweiz des Nahen Ostens galt: der Pool des Phoenicia in den Sechzigerjahren. © Bettmann Archive/Getty Images

Wenn man auf die glattgebügelte Promenade schaut, fällt es schwer sich vorzustellen, dass hier wirklich mal Krieg war. Vor allem dann, wenn man Krieg nur aus dem Fernsehen kennt wie ich. Heute Vormittag, bevor wir uns vor dem anbrechenden Gewitter in die Hotellobby retteten, sind wir die Marina entlanggestolpert, immer wieder auf Abwegen runter zum Meer, an Schutthaufen vorbei und durch Hinterhöfe von Hafenindustrieanlagen. So wie es sich für Nichttouristen-Touristen gehört, während die richtigen Touristen (die aus dem Umland) oben im Starbucks mit Blick auf den berühmten Raouché-Felsen sitzen und Selfies auf der Promenade machen. Wir fotografieren lieber die alten Jugendstilruinen mit den Einschusslöchern, die noch nicht der Immobilienspekulation zum Opfer gefallen sind – um die Fotos unseren Freunden in Neukölln zu schicken, die denken, die Hisbollah lauere hier hinter jeder Schawarmabude. 

Auf halber Strecke kamen wir auf unserer Flaniererei zu einer riesigen verlassenen Pool-Anlage voller rostiger Schirmgerippe, an deren Rändern alte Männer mit kleinen Eimern herumstanden und ihre langen schwarzen Angeln wie Antennen in den Himmel reckten. Ich musste mich hinsetzen und rauchen und weinen, weil ich es so schön fand, dass es weh tat. Besonders schmerzhaft, dachte ich, ist es vielleicht vor allem deshalb, weil es gerade der Verfall ist, der mich so kriegt. Dessen Schönheit tut sich womöglich nur für meine Augen auf, die schon Hunderte Abbildungen verlassener Ruinen in aufpolierten Bildstrecken irgendwelcher Coffeetable-Wälzer gesehen haben.

Wenn man nämlich genug Bildbände angeschaut und alte Filme gesehen hat, sodass man irgendwann ein europäisch getrimmtes Faible fürs Verstaubte entwickelt hat, dann drängt sich einem diese miese Schönheit des Niedergangs regelrecht auf. Und dann versteht man auf einmal überhaupt nicht mehr, wie die Leute, die hier in Plastikfellwesten und strassbesetzten Hijabs aus ihren Porsches steigen, die ganze alte Schönheit preisgeben können zu Gunsten der hässlichen, leerstehenden Wohntürme und der Coffeeshops mit Meerblick.