Das Café Wahlen liegt zwischen Rudolfplatz und Zülpicher Platz. Der Zülpicher Platz ist gar keiner, sondern bloß eine Kreuzung. In Köln heißt so manche Kreuzung Platz. Wahrscheinlich, weil da mal einer war. Und wenn etwas nicht mehr da ist, kann man ja trotzdem weiterhin so tun, als ob. In Köln allemal.

Heike-Melba Fendel ist Autorin und Inhaberin der Künstler- und Veranstaltungsagentur Barbarella Entertainment. Sie lebt in Köln und Berlin. Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © Dagmar Morath

Was ich an meinem Vater immer geschätzt habe, ist, dass er nie so getan hat, als ob ihm seine Familie etwas bedeutete. Also zum Beispiel ich und unsere seltenen Verabredungen. Als er mich am Karnevalsdonnerstag nicht wie vereinbart im Büro abholt, ist mir das auch recht. Ich gehe in den nahe gelegenen Biosupermarkt, wo mich an der Gemüsetheke der Anruf eines Mitarbeiters erreicht: Mein Vater sei da.

Mist. Wir waren nicht im Büro, sondern direkt im Café Wahlen verabredet gewesen. Er hatte auf mich gewartet und sich dann in mein Büro aufgemacht. Klaglos begrüßt er mich und kündigt seinen Rentnerbeutel schwenkend an, er habe mir etwas mitgebracht. Wahrscheinlich die Apotheken Umschau, denke ich. Mein Vater schenkt mir seit jeher nichts. Nicht einmal zum Geburtstag. Dann bahnen wir uns durch Horden angetrunkener Verkleideter den Weg ins Café Wahlen.

Meine Wahl war auf dieses Café gefallen, weil Interieur und Speisen seit den Sechzigerjahren unverändert geblieben sind. Samtene Polsterstühle vor Butzenscheiben und auf der Karte stehen Königinnenpastete mit Ragout fin. In solchen Cafés habe ich mir, 15-jährig, das erste Geld verdient. Mit Spitzenschürze und schwarzem Rock, das breite schwarze Portemonnaie randvoll mit Wechselgeld. Solche Cafés gibt es aber in Köln schon lange nicht mehr. Nur noch das Café Wahlen. Mit Speisen, die mein Vater allesamt gern mag. Vor gar nicht so langer Zeit war ich mit ihm beim Italiener.

Keine gute Idee. Er war noch nie bei einem Italiener gewesen. Italiener, hatte ich gedacht, seien neutral, die gab es immer schon, von wegen Fünzigerjahre, Rita Pavone und so. 2 kleine Italiener, das war ja von Conny Froboess, einer Deutschen. Aber mein Vater mochte hier gar nichts. Was er denn überhaupt möge, fragte ich. "Gutbürgerliches", sagte er.

Also Café Wahlen. Dass hier auch viele Schwule verkehren, stört ihn nicht. Mein Vater hat nichts gegen Schwule. Er hat auch nichts gegen Schwarze oder Türken. Auch nichts gegen Russen. Trotz der russischen Kriegsgefangenschaft. Und nichts mehr gegen Katholiken. Dieser Abneigung wegen wurde ich seinerzeit evangelisch getauft, aber das ist nun auch schon lange her.

Auf den Marmortischen des Café Wahlen liegen Luftschlangen, die Kellnerin trägt eine bunt gemusterte Krawatte. Falls mein Vater enttäuscht über ihr Alter ist – sie mag etwa 60 sein –, so lässt er sich das nicht anmerken und lobt ihre, nun ja, Verkleidung. Überhaupt macht er, was er immer schon gemacht hat, wenn er einer Frau begegnet: Er flirtet. Die blondierte Kellnerin reagiert, wie ich seit jeher Frauen auf meinen Vater habe reagieren sehen: leicht verlegen und leicht erfreut. Beim Flirten ist er so schmerzfrei wie wahllos. Allein die Wirkung zählt, ob sie eintritt oder nicht. Eigentlich ist das ja gar kein Flirten. Eher das Bestreben herauszufinden, was geht.