In Algerien gehen seit zwei Monaten jeden Freitag Hunderttausende Menschen auf die Straßen, in verschiedenen Städten, im ganzen Land. Sie möchten sich von einem politischen System befreien, dass Algerierinnen und Algeriern ihrer Würde beraubt. Die Stimmung auf den Straßen ist ausgelassen, es wird gelacht und gesungen, man beglückwünscht sich gegenseitig zu kreativ gestalteten Plakaten und Schildern. Restaurants spendieren Essen und Wasser, Medizinstudierende und Freiwillige stehen als Ersthelferinnen bereit und nach den Demonstrationen werden die Straßen sauber gemacht. Es ist eine soziale Bewegung entstanden, die auf Stärke durch Einheit vertraut. Menschen jeden Alters, ungeachtet ihrer sozialen Klasse oder Schicht, ethnischen oder politischen Zugehörigkeit, nehmen an den Demonstrationen teil. In Algerien und auch in der Diaspora, in Paris, Berlin, London und New York.

"Haben auch Frauen an den Demonstrationen teilgenommen?", hatte mich eine Freundin nach meiner Rückkehr aus Algerien gefragt. "Auf den Fotos, die du mir geschickt hast, sind nur Männer zu sehen …", fügte sie rasch hinzu, so, als wäre ihr schon beim Aussprechen der Frage selbst klar geworden, wie klischeehaft und anmaßend sie auf mich gewirkt haben muss.

Amel Ouaissa ist Soziologin und als Referentin für akademische Veranstaltungen in der Barenboim-Said-Akademie tätig. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Peter Adamik

Sie hatte mir in der Tat einen kleinen Stich versetzt. Ich störte mich nicht am Inhalt der Frage, ganz und gar nicht. Auf den Fotos waren sie ja wirklich nicht zu sehen. Aber sie waren da, wohl wissend, wie notwendig ihre Beteiligung an Algeriens Neugestaltung ist. Sie sind unmittelbar betroffen, von einer Familiengesetzgebung, die sie aus dem öffentlichen Raum verbannen und zum Eigentum von Männern erklären möchte. Von einer Justiz, die toxische Männlichkeit in all ihren Facetten legitimiert, wenn nicht sogar heranzüchtet, und knapp 21 Millionen Algerierinnen unsichtbar machen möchte. In den Gesprächen, die ich mit den Frauen aus meiner Familie und aus meinem Freundeskreis führe, ist diese Unsichtbarkeit gegenwärtig. So auch Wut, manchmal Verzweiflung, darüber, als Einzelne gegen dieses strukturelle Monster angehen zu müssen. Entrüstung über die faulen Früchte, die dieses System hervorbringt. Aber auch kreative Alltagsstrategien, um Solidarität von Männern einzufordern und jene Beziehungen, die einem lieb und teuer sind, nicht davon vereinnahmen zu lassen.

Mich traf der skeptische Unterton, den ich aus der Stimme meiner Freundin heraushörte. Es war dieser die Menschlichkeit der anderen infrage stellende Skeptizismus. "Können die Algerierinnen sich überhaupt selbst befreien?" Das war wohl, was sie eigentlich auszudrücken versuchte. Und ich sah mich auf einmal in die Rolle gedrängt, jeder einzelnen Algerierin Handlungsmacht und Handlungswillen bescheinigen zu müssen, mich inbegriffen.

Es ist schwierig zu berichten, wenn alles im Fluss ist. Während es in einem Moment so scheint, als würden die beharrlichen Proteste politische Schlüsselfiguren der Regierung von Abdelaziz Bouteflika zum vollständigen Rückzug zwingen, so wird in anderen Momenten deutlich, dass diese politischen Schlüsselfiguren aus dem alten System heraus immer wieder neu besetzt werden können. Die Ereignisse überschlagen sich, und in welche Richtung sich die Dinge entwickeln werden, ist kaum abzusehen. Die Angst vor einem Gewaltausbruch scheint sich von Tag zu Tag weiter zu verstofflichen und droht, die Hoffnung auf politischen und gesellschaftlichen Wandel zu ersticken.

Die Angst vor Gewalt ist eine historische, eine im kollektiven Gedächtnis Algeriens tief verankerte: 132 Jahre französische Kolonialherrschaft, inklusive einer blutigen achtjährigen Revolution von 1954 bis 1962. Und auch nach der Unabhängigkeit sind alle Versuche der Bevölkerung aufzubegehren in Gewalt eskaliert, so etwa der sogenannte Berber-Frühling 1980, die Proteste im Oktober 1988, die nach anfänglicher Hoffnung auf eine Öffnung des politischen Systems in einen jahrzehntelangen Bürgerkrieg mündeten, und schließlich der Schwarze Frühling im Jahr 2001. Insbesondere der Bürgerkrieg in den Neunzigerjahren hatte die Algerierinnen und Algerier traumatisiert und sie vorübergehend politisch handlungsunfähig gemacht.

Mit den Protesten am 22. Februar 2019 begann also auch der Heilungsprozess der algerischen Bevölkerung. Bei den Demonstrationen handelt es sich nicht nur um eine Reaktion auf die ursprünglich für April 2019 angesetzte Präsidentschaftswahl, die eine Fortsetzung des Systems Bouteflika erwarten ließ. Vielmehr war es die bewusste Entscheidung der Bevölkerung, aus ihrer revolutionären Geschichte Kraft zu schöpfen und gleichzeitig aus ihr zu lernen. Man ist zu einer "Revolution des Lächelns", so wird sie inzwischen genannt, übergegangen und darauf bedacht, den kampferprobten Sicherheitskräften keinen Vorwand zu bieten, die Demonstrationen gewaltvoll zu unterbinden. Man ist einander verpflichtet und bereit, füreinander einzustehen.

Und vorn mit dabei: Algeriens Frauen. So wie die inzwischen 83-jährige Unabhängigkeitskämpferin Djamila Bouhired, die mit den Demonstrierenden durch Algier läuft und ihrer Revolution historische Legitimität verleiht. Wie die 17-jährige Balletttänzerin Melissa Ziad, die zu einer Ikone der sozialen Bewegung geworden ist und, zumindest symbolisch, den Platz der Algerierin im öffentlichen Raum zurückerobert hat. Und schließlich all jene Frauen, die sich organisieren, an den Demonstrationen teilnehmen und unermüdlich daran erinnern, dass es ohne sie kein neues Algerien geben kann.

In Algier versammeln sich die Menschen inzwischen täglich an der Grande Poste, um konkrete Ziele für die Bewegung zu erarbeiten. Man möchte gemeinsam ein neues Algerien imaginieren. Trotz inzwischen zunehmender Einschüchterungsversuche seitens der Sicherheitskräfte, trotz Wasserwerfern, Tränengas und Gummigeschossen. Sie fordern die Ausarbeitung einer neuen Verfassung unter Mitwirkung der zivilen Bevölkerung. In den sozialen Medien sowie in der Öffentlichkeit ist eine neue Feminismusdebatte entfacht. 

"Können die Algerierinnen sich überhaupt selbst befreien?" Ich beobachte sie aus der Ferne. Ich sehe sie. Und ich höre sie.