Die Sache mit den Rechten nahm ihren Lauf im Februar, als Yang in der Onlinetalkshow von Joe Rogan zu Gast war, die auf YouTube läuft und auch als Podcast vertrieben wird. In den Jahren 2017 und 2018 landete The Joe Rogan Experience jeweils auf Platz zwei der Podcast-Charts von iTunes, Millionen Menschen hören zu, wenn Rogan Gäste wie Elon Musk oder Twitter-Chef Jack Dorsey interviewt, aber auch den einstigen Vice-Mitgründer und heutigem Proud-Boys-Chef Gavin McInnes, der mittlerweile eine Art Hipster-Neonazi ist. Rogan redet mit solchen Leuten gern über seine Lieblingsthemen: free speech, Identitätspolitik, Männerrechte, "radikaler Feminismus" und "radikaler Islam".

Knapp zwei Stunden lang unterhielt sich Rogan mit Yang über dessen Wahlprogramm, insbesondere über Yangs Hauptforderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen von monatlich 1.000 Dollar für jeden Amerikaner. Eine radikale, ursprünglich linke Idee, mit der Yang aus dem Feld der Präsidentschaftskandidatinnen und -kandidaten inhaltlich heraussticht. Yang vertritt grundsätzlich zumeist Positionen, die eher dem linken Flügel der Partei zugerechnet werden. Dazu gehören etwa die Forderung nach Einführung einer Bürgerversicherung oder Alexandria Ocasio-Cortez‘ Pläne für einen Green New Deal.

In Rogans Sendung sagte Yang, einer der Hauptgründe für Donald Trumps Sieg sei gewesen, "dass wir vier Millionen Industriejobs wegautomatisiert haben". Und das Schlimmste stünde noch bevor: Straßenschlachten drohten, sollte die Regierung nicht bald Antworten auf die "vierte industrielle Revolution" finden. Die weitere Automatisierung, die mit dem digitalen Fortschritt verbunden ist, beschrieb Yang als geradezu apokalyptisch. Der Sound passt gut in Rogans alarmistisches Programm.

Erstmal gibt das Aufmerksamkeit

Yang bekam dadurch die Aufmerksamkeit, die er als eher Unbekannter braucht. Followerzahlen, Websiteklicks, Zahl der Medienberichte: Nach der Rogan-Sendung schoss alles nach oben. 90.000 Privatspenden hat der Politanfänger Yang, der noch kein öffentliches Amt innehatte, bis jetzt nach eigenen Angaben gesammelt. Damit würde er eine der beiden Bedingungen erfüllen, die die Parteiführung der Demokraten möglichen Kandidaten zur Teilnahme an den ersten beiden Fernsehdebatten der Demokraten im Juni und Juli gestellt hat: Mindestens 65.000 Einzelspenden müssen die Bewerber eingeworben haben, egal wie hoch die Summen sind. An der zweiten Bedingung, in Umfragen mindestens ein Prozent Zustimmung in der Wählerschaft zu haben, arbeitet Yang noch.

Die Fernsehdebatten – eine wird von NBC übertragen, eine von CNN – sind das erste große Ziel aller Kandidatinnen und Kandidaten aus dem Feld der Demokraten. Höchstens 20 werden eingeladen. Wer dort nicht auf der Bühne stehen wird, kann seine Kandidatur im Grunde sofort beenden; wer es aber dorthin schafft, selbst als bis dahin weitgehend Unbekannter, kann mit lediglich zwei Auftritten zu nationaler Prominenz aufsteigen. 

Ein paar Tage nach seinem Auftritt bei Rogan verfasste Yang einen Tweet, der sich für viele seiner neuen Fans auf der sehr rechten Seite des politischen Spektrums wie eine Bestätigung angefühlt haben muss. "In mehr als der Hälfte der US-Bundesstaaten ist die Sterberate unter Weißen größer als die Zahl der Geburten", schrieb Yang und lieferte dazu gleich die Erklärungen: Drogen, Suizide und geringe Geburtsraten. "Unsere Lebenserwartung sinkt seit drei Jahren. Wir müssen noch viel mehr tun."

Wusste Yang denn nicht, wessen Hymne er da einstimmte? Oder tat er es bewusst?

Das vermeintliche "Sterben der Weißen" ist unter Rechtsextremen, ob in den USA oder Europa, seit langem eine zentrale Verschwörungstheorie. Sie raunen vom "weißen Genozid", von "Umvolkung", "Invasoren" und vom "großen Austausch" – ein Begriff, den der französische Rechtsradikale Renaud Camus geprägt hat und der sich pauschal gegen alle Muslime und Araber richtet. Ausgerechnet Yang, Sohn taiwanesischer Einwanderer und selbst diskriminierungserfahren, lieferte weißen Nationalisten also das, was sie hören wollen: dass sie die eigentlichen Opfer der Gegenwart seien, eine bedrohte Spezies, die gerettet werden müsse.