Die Madonna vom Prenzlauer Berg

Als der Prenzlauer Berg noch außen grau und innen bunt war, und die Leute dort andere Probleme hatten als die Höhe der Mieten und die drohende Verdrängung, gab es am Helmholtzplatz eine Malerin, die in einem alten Laden lebte und arbeitete, Annemirl Bauer. Den Kinderwagen mit ihrem einzigen Kind stellte sie vor die Tür mit einem Schild "Bitte nicht füttern". Die Straße beschäftigte und unterhielt die Tochter. Die Malerin malte. Sie malte manisch alles und auf allem. Ein Tag ohne Malen war ein verlorener Tag. Sie hatte, schon wegen einer angeborenen Schwerhörigkeit, eine ausgeprägte Beobachtungsgabe, musterte gern und intensiv die Menschen um sich herum. Dass sie nicht stillhielten als Modelle, störte sie nicht.

In dieser Zeit, Anfang der 1970er Jahre, entstand eines ihrer stärksten Gemälde, Die Madonna vom Prenzlauer Berg, gemalt in den Rahmen eines Gründerzeitspiegels, der beim Spiel der Tochter kaputt gegangen war. Im Mittelpunkt des Bildes ist eine Schwangere, viel zu jung, um Mutter zu sein. In einer Notiz schrieb Annemirl Bauer über das Bild: "Mutter im 3. Monat, Kind sichtbar, eingebettet in paradiesische Vollkommenheit, die nach menschlichem Willen unterbrochen werden kann. Mutter eingebettet in unvollkommene Umwelt. Im Rahmen der Wunschvorstellung der Mutter." Die Madonna saß in einer städtischen Landschaft ohne Grün, vor grauen Häusern, Verbotsschildern und Müllautos, am Horizont kein Himmel, sondern ein Soldat an einem Schlagbaum. Den Rahmen aber bildet eine ideale Landschaft, nach der Annemirl Bauer für sich und ihre Tochter suchte.

Die südfranzösische, die ihr nahekam, in der sie sich vor dem Bau der Mauer mit ihrer Tante, auch einer Künstlerin, für eine Malreise aufgehalten hatte, war ihr durch den Bau der Mauer verschlossen. Es brauchte mehr als ein Vierteljahrhundert, bis sie, halb illegal, wieder dort hingelangte und in einen Schaffensrausch geriet. 

Wegen des Zustands ihrer Ladenwohnung am Helmholtzplatz schrieb sie 1969 eine Eingabe an Lotte Ulbricht, die Frau des Staatsratsvorsitzenden. So von Frau zu Frau, um nicht nur ihr klar zu machen, dass die Forderung an sie, doch optimistischere Bilder zu malen, wenn sie öffentliche Anerkennung wollte, schon allein am Zustand ihrer Wohnung scheiterte: "Ich bewohne eine im Winter nicht heizbare Ladenwohnung. Der Schwamm, den ich schon vor 1 ½ Jahren meldete, greift bereits die Wände an. In den wuchernden Gewächsen kriechen Würmer und anderes Getier herum. Die Küchenwand beginnt, feucht zu werden. Täglich fällt mir der Putz auf den Boden. Die Vorhänge sind trieffeucht, dadurch verfaulen auch die Dielenleisten."

Annett Gröschner lebt als Schriftstellerin und Publizistin in Berlin. Sie schreibt Romane, Erzählungen, Essays, Theaterstücke, Radiofeatures und Reportagen. Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © privat

Erst 20 Jahre später bekam sie die schöne neue Atelierwohnung am Bersarinplatz, in die sie dann nicht mehr wirklich einziehen konnte.
Die Malerin hatte nicht viel Geld, sie malte und zeichnete auf alles, was ihr unter die Finger kam, auf Teppiche und Schranktüren, alte Liegestühle und Waschbretter, alles was der Sperrmüllcontainer am Helmholtzplatz oder später die Dorfscheunen des Hohen Flämings so hergaben an Material. Ende der 1980er Jahre bekam sie einen Auftrag für die Gestaltung eines Bauzauns in der Ostberliner Leninallee und bemalte ihn zusammen mit ihrer Tochter. Ein weggeworfener Liegestuhl ist Malgrund für eines ihrer wichtigsten Werke, Alibifrau mit eingeschlossenem Selbst, eine Auseinandersetzung mit Frauenrollen, die Annemirl Bauer in allen ihren Schaffensphasen beschäftigten.

Sie ließ sich nicht festlegen und nicht eingrenzen, auch wenn das für sie nicht nur angesichts der kaum einen halben Kilometer von ihrem Atelier entfernten Berliner Mauer hieß, immer wieder gegen Grenzen zu stoßen. 1980 malte sie Der Himmel über Berlin ist unteilbar, ein Altarbild, das sich mit der geteilten Stadt auseinandersetzte – kein Bild, das gezeigt werden konnte. Der Versuch, sie als Inoffizielle Mitarbeiterin der Staatssicherheit (IM) anzuwerben, scheiterte. Sie lehnte jede Kollaboration ab. Später wurde sie selbst überwacht.

1976 wandte sie sich an den Präsidenten des Verbands Bildender Künstler, den Maler Willi Sitte, um gegen Wolf Biermanns Ausbürgerung zu protestieren, mit einem Satz, der ihre Eigenständigkeit betonte: "Ich stimme nicht in allen Fragen mit Biermann überein. Dass er hinterwäldlerisch mit Frauen umgeht, mich in meiner politisch andersartigen Kunst nicht anerkennt, hindert mich nicht daran, in Fragen der Überarbeitung mich mit ihm solidarisch zu erklären." Schwerer wog 1983 ihre Eingabe gegen die Wehrpflicht von Frauen, die in der DDR per Gesetz eingeführt worden war und Frauen im Mobilmachungsfall einbezog. Die ersten waren schon gemustert worden. Sie unterstützte damit auch in aller Offenheit ihre Kollegin Bärbel Bohley, die Monate zuvor mit sechs anderen Frauen einen Protestbrief an den Staatsrat eingereicht hatte und dafür verhört und bedroht worden war. Als Bohley 1984 verhaftet wurde und Annemirl Bauer eine Reise in den Westen vom Verband Bildender Künstler nicht genehmigt wurde, eskalierte die Situation. Bauer schrieb einen fünfseitigen Brief an Willi Sitte, mit Kopie an das Kulturministerium der DDR und das ZK der SED, in dem sie Reisefreiheit für alle forderte, die Entmündigung und Deformierung der Persönlichkeit anklagte und die Eingrenzung eines ganzen Volkes als Gewaltanwendung beschrieb. Der Brief schloss mit einem Nachtrag: "Ich möchte Sie animieren, mein offenes Stellungnehmen nicht mit finanzieller Trockenlegung und Verhaftung zu honorieren, wie es meiner Kollegin Bärbel Bohley geschehen ist."

In der Folge wurde sie trotz Fürsprache von Kolleginnen und Kollegen aus dem Verband Bildender Künstler ausgeschlossen, was in der DDR faktisch einem Berufsverbot gleichkam. Sie wurde aus der Öffentlichkeit gedrängt, die Staatssicherheit leitete Zersetzungsmaßnahmen ein, mit dem Ziel, sie zu isolieren. Das Land auf Dauer zu verlassen, wie ihr angeboten wurde, mochte sie trotz der Schikanen nicht. Bei einer Aussprache im Verband gab sie zu Protokoll: "Ich möchte kein gefangener Vogel im Käfig sein. Die Mauer ist überflüssig und überholt. Wenn man sie natürlich sofort wegnähme, würden bei uns wie bei Öffnung eines Korsetts alle Muskeln und Bänder zusammenfallen. Deshalb meine Forderung für die nächsten fünf Jahre, ein für alle überschaubares System zur Öffnung der Mauer zu schaffen." 1986 wurde Annemirl Bauer wieder in den VBK aufgenommen. Die Auftragslage blieb dünn. Die Familie lebte von der Hand in den Mund und von dem, was der Garten hergab. 

Ende der 1970er Jahre hatte sich Bauer ihren Traum vom Land erfüllt. 1976 war sie in den Hohen Fläming in ein renovierungsbedürftiges Pfarrhaus gezogen, das ihre Tochter nach der Wende über viele Jahre Stück für Stück saniert hat. Heute ist das Haus Künstlerhof, Archiv und bewohnbares Museum zugleich. Amrei Bauer hat ihr eigenes Leben mit der Nachlassarbeit verbunden. Etwa 16.000 Werke hat Annemirl Bauer hinterlassen, einige Stücke sind in ihrem Bestand gefährdet, müssten dringend umgelagert bzw. restauriert werden. 

Wohlstandsmüll, Wolkenkratzer und Wegwerf-Frau

Annemirl Bauer ist eine Malerin, die immer wieder entdeckt werden muss, sie teilt dieses Schicksal mit vielen bildenden Künstlerinnen.
Dass sie eine Frau war, spielte am Anfang ihrer Laufbahn kaum eine Rolle, das kam erst später, als es um Ruhm und Macht und Reisen in den Westen ging. Schon ihre Mutter, Tina Bauer-Pezellen, war Malerin gewesen und wegen ihrer Zugehörigkeit zum sozialkritischen Verismus unter den Nationalsozialisten als entartet verfemt. Annemirl Bauer war kaum 16 und hochtalentiert, als sie ein Studium an der Fachschule für angewandte Kunst Sonneberg aufnahm. Erst wurde sie Spielzeuggestalterin, danach besuchte sie die Abendschule an der Dresdner Kunstakademie und studierte schließlich an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, die sie 1965 mit einem Diplom für baugebundene Kunst verließ. Seitdem war sie freiberuflich tätig. Sie malte, zeichnete, collagierte und nahm zwischen 1974 und 1981 mehrere Auftragsarbeiten für architekturbezogene Wandbilder in öffentlichen Gebäuden an.

Die Geschichte des Verschwindens baubezogener Kunst in Ost wie West muss noch geschrieben werden. Vieles ist spurlos getilgt, bei Bauarbeiten, Abrissen, Renovierungen im Bauschutt gelandet. Auch viele der Arbeiten Annemirl Bauers gibt es heute nicht mehr. Der Bauzaun in der Leninallee wurde zerstückelt, die Bemalung über die Jahre teilweise zerstört. Weniges ist gerettet worden, weil es schlichtweg vergessen oder übersehen wurde. So hing das großformatige Bild Fliegendes Pferd noch lange nach der Wende im Eingang der Egon-Erwin-Kisch-Bibliothek, bis ein Investor es gegen zwei Flurlampen austauschte. Seit Kurzem hängt es zusammen mit dem auf Teppich gemalten Ölbild Männliche Herrlichkeit Gottes von 1988, das sich mit dem Wehrpflichtgesetz für Frauen in der DDR, den "Frauen für den Frieden", aber auch mit der in der Bundesrepublik inhaftierten Feministin Ingrid Strobl auseinandersetzt, im Flur des Hauptgebäudes der Humboldt-Universität vor dem Winckelmann-Institut für, wie passend, Archäologie.

Annemirl Bauer hat sich zu einer Zeit mit feministischen Positionen auseinandergesetzt, als der Begriff im Osten noch verpönt war, bei Frauen wie Männern. Ein Bild widmete sie der westdeutschen Zeitschrift Emma, durch Zufall war eine Ausgabe in ihre Hände geraten. "Über das Weibliche möchte ich sprechen, weil ich in einer männlichen Welt lebe", schrieb sie in den 1980er Jahren. Sie thematisierte die Schönheit und Vielgestaltigkeit des Weiblichen genauso wie die Gewalt, der es ausgesetzt war, ob es nun die staatliche, die strukturelle oder die männliche Gewalt war. Aber sie beschönigte auch nicht die Rollen, die Frauen spielten. Ihr Blick auf sie war nicht unkritisch.

1989 beschrieb sie in einem Interview in der Untergrundzeitschrift Bizarre Städte ihre Arbeit: "Ich mache immer öfter Bilder in Korrespondenz zu klassischen Werken, meist in kritischer Auseinandersetzung mit ganz subtiler Frauenfeindlichkeit. Die drei diskutierenden Frauen in Arles erinnern an Picassos Frauen von Avignon. Sie haben schöne römische Jünglinge in den Händen. Sie fühlen sich groß und stark, sie sind unter sich, beflügelt ist die eine, sie sprechen über Freiheit, umgeben vom Meer, Fandarole, der Provinzzeitung, Arena und Stierkampf, eine im 4. Jahrhundert geborene Sensationsfreudigkeit für Zerstörung. Die Schrift im Bild lautet: Schwestern zur Sonne, zur Gleichheit – Schwestern zur Freiheit empor – als Hexen im Feuer vergangen – steht auch in Zukunft bevor. Darüber diskutieren die Frauen, ausgeschlossen selbst aus den Freiheitsliedern." Aber auch im Westen schaute sie genau hin: "Immer und überall der Tingel-Tangel-Kram, Berge von Wohlstandsmüll, Wolkenkratzer und Wegwerf-Frau."

Ihr handschriftlicher Entwurf für Frauen in Leitungsfunktionen, verfasst vor den Wahlen im Verband Bildender Künstler 1988 liest sich wie ein gegenwärtiger Diskussionsbeitrag für Parität in der Politik. Ihr Satz: "Frauen, wenn wir heute nichts tun, leben wir morgen wie vorgestern", ist leider ein Evergreen.

Drei Monate, bevor im Oktober 1989 das Ende der DDR begann, ist Annemirl Bauer in Berlin an Krebs gestorben, gerade mal fünfzigjährig. Zwischen der Diagnose und dem Tod lagen nur wenige Monate. Ihre Kollegin Bärbel Bohley wurde eine der Protagonistinnen der Wende. Annemirl Bauer hätte die Bürgerbewegung sicherlich kritisch-solidarisch begleitet.

Die Tochter Amrei Bauer hat sich die vergangenen dreißig Jahre um das Werk und das Andenken ihrer Mutter bemüht. Es ist mühsam und mit Rückschlägen verbunden, aber es gibt immer wieder Phasen der Aufmerksamkeit. Gerade hat das Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) anlässlich ihres 80. Geburtstages zwei Werke von Annemirl Bauer in die Dauerpräsentation des Hauses aufgenommen. 2012 widmete sich eine Ausstellung der Kunstsammlung im Deutschen Bundestag vor allem der Malerin als Dissidentin, in Dresden wurden gerade vier ihrer Werke in der Ausstellung Medea muckt auf gezeigt. 2007 gab es eine Personalausstellung im Museum Junge Kunst in Frankfurt (Oder), 2015 im Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus, und auch im Leipziger Museum für Bildende Künste werden noch in diesem Jahr Werke der Künstlerin zu sehen sein. Der Westen des Landes muss sie noch entdecken.

Angesichts des beeindruckenden Werkes der Künstlerin stellt sich die Frage, warum es eigentlich so schwer ist, Frauen in der Kunstgeschichte dauerhaft zu verankern. Nicht nur saisonbedingt (Jahrestage, Frauenausstellungen), sondern eingebettet in einen Kanon, der offen ist dadurch, dass sich Menschen mit den Werken beschäftigen und darüber diskutieren.

Amrei Bauer hat mit ihrer Beharrlichkeit erreicht, dass es in Berlin-Friedrichshain einen Platz gibt, der nach ihrer Mutter benannt ist. Der Annemirl-Bauer-Platz ist eine Wiese mit Spielplatz am Bahnhof Ostkreuz. Aus der Berliner Wohnung kann die Tochter dem Treiben da unten zusehen. Bis tief in die Nacht sitzen und liegen, klönen und trinken, tanzen und streiten hier Menschen aus aller Welt. Annemirl Bauer hätte das sicher gefallen.


Auf dieser Website finden sich Bilder, Zeichnungen und Collagen von Annemirl Bauer.