Meine Mutter schleicht sich aus

Meine Mutter hat jeden Morgen Schwierigkeiten, ihre Wirklichkeit im Kopf zusammenzusetzen. Manchmal hat mein Vater ihr morgens beim Aufwachen das Gesicht gestreichelt. Seine Finger haben ihre Aufmerksamkeit liebevoll in den Tag gelenkt. Selbst steuern kann sie die schon lange nicht mehr. Sie hat keine Anhaltspunkte, weil sie ihre Erfahrungen und damit ihre Orientierung verloren hat – oder vergessen. Sie kann sich wohlfühlen oder verloren gehen. Und manchmal kann sie in ihrem Wohlgefühl ein wenig bleiben, ohne orientierungslos zu sein. Sie ist dement.

Gesine Grotrian entwickelt, zeichnet und gestaltet ungewöhnliche Kinder- und Jugendbücher gemeinsam mit den Heranwachsenden. Sie arbeitet als Designerin und Familientherapeutin, das Gemeinsame ist das Zuhören, um dem Anderen zu seiner Gestalt zu verhelfen. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Thekla Ehling

Viele Jahre lang hat die Demenz meine Mutter langsam ausgeschlichen. Mit dem Jahreswechsel aber hat ihr Alzheimer Schwung aufgenommen. Seit einigen Wochen lebt sie nun im Pflegeheim auf einer Station für Demente und Schwerstdemente.

Auf diesen Schritt hatten wir uns vorbereitet. Mein Vater wollte ihr Einrichtungsgegenstände aus der gemeinsamen Wohnung mitgeben, meine Schwester Bilder aus dem gemeinsamen Leben und ich Bilder aus ihrer Kindheit. Pustekuchen. Wir werden sehr deutlich darauf hingewiesen, dass wir uns von Besitzdenken verabschieden sollten. Was wir schön finden, gefällt auch vielen anderen Bewohnerinnen. Das kleine Kissen, mit dem meine Mutter so lange schon schläft, wird eine Zimmernachbarin als ihres erinnern und mitnehmen. Deshalb darf nur weniges mit. Deshalb ist dieses wenige mit Namensschildern versehen, die allerdings nur das Personal lesen wird.

Was man so alles nicht wissen kann beim Begleiten einer Dementen. Keine Frage, wir haben viel Literatur dazu gelesen, um unsere eigenen Erlebnisse zu sortieren. In Dement, aber nicht bescheuert nennt Michael Schmieder die ganz Unvernünftigen, Verwirrten "Out-Laws". Mit der gleichen liebevollen Akzeptanz gibt es im Sonnweid, seiner Einrichtung, auch mal extra Pfannkuchen in der Nacht. Der alte König in seinem Exil von Arno Geiger hat vorweggenommen, wie das Sich-zu-Hause-Fühlen verloren geht und dass "nach Hause gehen" zum Ausdruck für den Wunsch wird, sich wohl oder eben wie zu Hause zu fühlen. Die Erdbeeren von Antons Oma von Katharina Hacker haben mich begleitet, als meine Mutter begann, die Fähigkeit des Strickens zu verlieren. Es hatte ihre Tage ausgefüllt. Als es wegfiel, wurde sie sehr traurig und fühlte sich nutzlos. Und durch die Unvollständigen Erinnerungen von Inge Jens dachte ich, mich gut in meinen Vater einfühlen zu können, der seine Frau verliert. Wir dachten, wir wüssten.

Das Personal begrüßte uns mit den Worten "Wir wissen es nicht, es ist bei jedem anders". Der Tag, auf den wir uns so ausführlich vorbereitet hatten und der Moment des Umzugs, mit dem wir verschiedene Ängste verbanden, begann um 12 mit einem Mittagessen zu dritt. Wir saßen in einem der kleineren Räume, in dem bereits sechs andere Frauen saßen. Eine begrüßte uns mit dem Satz: "Das wird aber voll hier." Recht hatte sie. Und ich war erstaunt, wie klar sie noch auf ihre Umwelt reagieren konnte.

Ganz anders als meine Mutter. Erst hier realisiere ich, wie weit ihre Demenz fortgeschritten ist, dass sie am weitesten fortgeschritten ist von allen – schwerstdement. Wir haben ihr natürlich erzählt, dass wir sie in das Pflegeheim bringen, aber ich weiß nicht, ob sie es verstanden hatte. Lange saß ich noch mit ihr im Flur, der wie ein Begegnungsort angelegt war, mit vielen Sitzgelegenheiten. Als eine andere Tochter sich von ihrer Mutter verabschiedet hatte und zögernd hinter einer Trennwand stehenblieb, sagte meine Mutter, deutlich und mit Schreck in der Stimme: "Geht sie jetzt?" Ich war baff. Da bin ich mir sicher, dass sie genau Bescheid weiß, nur – was ist Wissen?

Am Abend ging unsere Hausärztin zu ihr, um nach ihr zu sehen. Meine Mutter stand auf, um sich bei ihr zu bedanken. Und die Ärztin erklärte uns, dass die Angehörigen spüren, das sie eine Last sind, für die, die sie lieben, und dass sie die Erleichterung bemerken. Tatsächlich ist es eine große Erleichterung, dass sie nun endlich von anderen gepflegt wird, unter gleich Aufgestellten. Und es ist ein großer Schmerz, diesen Schritt zu realisieren.

Demenz betrifft die gesamte Familie

Wenn ich sie jetzt besuche, ist sie meist in sich zusammengesunken und schlafend eingenickt. Ich muss sie jedes Mal neu finden. Wenn ich sie anschaue und wir uns anlachen – und ich meine Tränen auf dem Weg über meine Wange spüre –, taut sie langsam auf. Dann passiert etwas, irgendwann, steigt langsam hoch. Dann ist sie so froh, dass ich weinen mag. Dann ist sie nicht verloren und spürt unsere Beziehung. Wer auch immer ich dann bin für sie. Doch wenn ich gehe, geht sie wieder verloren – bis zu unserer nächsten Begegnung.

Meiner Mutter ist vor zwölf Jahren eine fortschreitende Demenz diagnostiziert worden. Nachdem sie als Grundschullehrerin den Dienst beendet hatte und sich auf die gemeinsamen Zeiten mit ihrer frisch geborenen Enkeltochter freute, begannen erste Schusseligkeiten und Vergesslichkeiten. Das war verbreitet in unserer Familie. Doch auf einer Radtour stand sie an einem anderen Treffpunkt als dem verabredeten, sie am Frisör, mein Vater auf dem Marktplatz, und als sie sich nach langer Zeit endlich trafen, brach ihre ganze Sorge weinend aus ihr heraus. Und wir fassten uns ein Herz, sie untersuchen zu lassen. Demenz lässt sich nur im Verlauf feststellen, sodass zwischen dem ersten und dem zweiten Termin ein halbes Jahr verstreichen muss.

Demenz betrifft die gesamte Familie. In den ersten Jahren trafen wir Geschwister uns regelmäßig, um uns auszutauschen, wie es uns dabei geht. Meine Eltern änderten ihre Lebensplanung und zogen nach Berlin in unsere Nähe, um sich auf eine neue Art des gemeinsamen Altwerdens vorzubereiten, in dem mein Vater meine Mutter pflegen wird.

Vor bald zwei Jahren verließ meine Mutter unbemerkt diese neue Wohnung. Wahrscheinlich, um nach Hause zu gehen. Mein Vater hatte sich kurz hingelegt, womöglich hat sie ihn nicht gleich gefunden, und so ging sie halt, vermeintlich zu ihm – nach Hause. Wir haben auf der Straße mit vielen gesprochen, doch niemand hatte sie gesehen: eine alte gepflegte Frau fällt in der Stadt nicht auf. Nach acht Stunden bekamen wir einen Anruf von der Polizei, dass sie auf der Polizeistation zehn Kilometer entfernt auf uns warten würde. Sie war die Autobahn entlanggegangen, zum Glück, denn dort fiel sie auf. Nun wussten wir, dass die Krankheit fortschreitet, und wussten doch nicht, was auf uns zukommen wird.

In einem ersten Beratungsgespräch hatte uns eine Frau von der Alzheimer Gesellschaft darauf vorbereitet, dass wir eines Tages alle Spiegel abhängen müssen, weil es vorkommt, dass die Erkrankten ihr eigenes Spiegelbild nicht mehr erkennen und sich erschrecken. Diese Beschreibung hat mich sehr beeindruckt. Und ich habe mich ertappt, wie ich meine Mutter immer beobachtet habe, ob und wie sie in den Spiegel schaut. Ein großer hängt, eine Seitenwand füllend, im Fahrstuhl der Seniorenresidenz, in die meine Eltern damals gezogen sind. Meine Mutter erschreckte sich nie, sie sah vermutlich einfach weitere Leute dort stehen. Sie weiß nicht mehr, wer sie ist, auch nicht auf Fotos.

Jetzt, nachdem sie fast alle Fähigkeiten verloren hat – nicht mehr spült, weder recht noch schlecht, wie zum Schluss; sich die Wollfäden nicht mehr um die Finger wickelt, was noch vom Stricken übrig geblieben war; Messer und Gabel kaum noch zu nutzen weiß und nur noch den Löffel nimmt oder ihre Finger; manchmal nicht weiß, was sie auf dem Klo soll –, jetzt wundere ich mich über diesen Satz "in den Spiegel schauen". Sie schaut gar nicht mehr. Schon das Verb "schauen" passt nicht. Schauen bedeutet, einen eigenen Impuls haben, um etwas zu sehen. Sie sieht nur noch, und auch das nur manchmal, meistens sinkt ihr Kopf vornüber. Es soll sehr anstrengend sein, dement zu sein. Ich will es anders nennen: Es ist wahnsinnig anstrengend, orientierungslos zu sein und die Reize nicht einordnen oder zuordnen zu können.

Sie ist woanders, am anderen Ufer, stand irgendwo geschrieben. Sie ist im letzten Jahr endgültig dorthin gegangen und jetzt ist sie ohne Raum und Zeit. Sie ist jetzt eine Gesetzeslose, wie Michael Schmieder sie nennt – Gesetzeslose haben keine Regeln mehr. Sie halten sich an gar nichts, und sie haben gar keinen Halt.

Ihr Verstand ist verloren gegangen und ihre Persönlichkeit. Das, was meine Mutter für mich war, ist ausgeschlichen, bereits abgesetzt. Doch was ich so lieben gelernt habe, ist, wie klar und unverstellt ihr Herz jetzt ist: Meine Mutter hat mich in den letzten Jahren in Präsenz und Aufrichtigkeit geschult, ihr lässt sich nichts verheimlichen. Sie erlebt die Gefühle und Stimmungen des Gegenübers unmittelbar.