Enissa Amani betrat die Bühne. Ihr Thema war die fehlende Trennschärfe zwischen dem Begriff des Komikers und dem Stand-up-Comedian, den die "alteingesessene Presse" partout nicht kapieren wolle. Die Pointe des Vortrags bestand in der Drohung, falls man sie noch einmal Komikerin nennen würde, dann: "Al’la, ich geh’ nach Nicaragua und züchte Papaya, Al’la, wir sind Staaand-upppp’a, Al’la!"

Al’la steht hier übrigens nicht für die islamische Gottheit, sondern für "Alter". Man versucht, zu verstehen, wer mit Amanis Auswanderung nach Nicaragua bestraft werden soll. Die Papayas? 

Enissa Amani wird später behaupten, das Publikum habe ihren Vortrag wahnsinnig komisch gefunden ("Alle haben sich total kaputtgelacht"), und noch später wird sie behaupten, Anja Rützels kleine Fopperei ("Nach dieser Rede kann einfach keiner wollen, dass wir diese Komikerin an die Fruchtproduktionsbranche verlieren") sei Hetze.

Amani wird als Reaktion auf Rützels Text, der alles in allem eine zärtliche Beobachtung einer alles in allem strunzpeinlichen Show ist, in vielen Beiträgen auf ihren Social-Media-Kanälen dafür sorgen, dass die Kritikerin von der empörten Amani-Gefolgschaft auf vielfältige Weise attackiert wird. Rützel wird nun zur Nazibraut degradiert, die Amani aus dem Land ekeln wolle. Im Rahmen dieses Kommentarkuddelmuddels schaltete sich auch noch ein rechtsextremer Politiker ein, der Rützels Text dafür missbraucht, um sich an Amani mit genau jener ekeligen Botschaft anzuwanzen, die sie eigentlich der Rützel unterstellte, die diese aber gar nicht meinte. 

Unter uns Witzbolden

Und überhaupt, so die zutiefst gekränkte Amani, ginge es doch darum, dass "erstmalig Frauen mit Migrationshintergrund und anderer Hautfarbe verdiente Preise absahnten". Das stimmt natürlich genauso wenig, wie ihre Behauptung, dass Stand-upper die einzigen Künstler seien, die allein mit einem Mikrofon und ihren Geschichten neunzig Minuten lang das Publikum unterhalten würden. Sie hat offenbar nie eine Lesung besucht oder einen Bühnenmonolog geschaut. Stand-up und Open Mic sind Fortführungen dieser Künste.

Groteske Einschätzung, dass eine Preisverleihung für Konsumgüterdarsteller eine Art Adelbert-von-Chamisso-Preis für Komiker mit Stand-up-Hintergrund und Migrationsgirlande sei, die deshalb unkritisierbar sind. Dass sie aber meint, dass Nicaragua deshalb Höchststrafe sei, weil man Papayazucht betreiben wolle und nicht aufgrund der aktuellen politischen Situation dort, ist – wirklich nur unter uns preisgekrönten Witzbolden gesprochen – vergleichbar mit allen Spaßvögeln, die glauben, die besseren Witze über die Herkunft anderer machen zu dürfen.

Hannah Arendt sagte mal, man kann sich nur als das verteidigen, als was man angegriffen wurde. Was aber, wenn man gar nicht als "das" angegriffen wurde? Enissa Amani hat das große Glück, dass Anja Rützel das gemacht hat, was sich Generationen von Künstlern in diesem Land wünschen. Nämlich mit genau den gleichen Maßstäben beurteilt zu werden, wie all jene, die Deutsch als Muttersprache lernten. Rützels Kritik kam ohne Hinweis auf Herkunft, Aussehen, Religion aus. Und natürlich ist die Beurteilung von Humor keine alleinige Angelegenheit von Geschmack, sondern hat Regeln und Filter. Das unterscheidet die Meinung, den Like, das Herz und den Daumen von der professionellen Kritik. Rützel sei nicht konstruktiv, klagte Amani. Auch das ist ein seltsames Missverständnis unserer Zeit. Kritik ist kein Seminar dafür, wie man etwas besser macht. Es handelt sich hier um kein DIY-Ding, es gibt auch keine Infobox. Kritik ist Kritik.