"Vielleicht", sagt mein guter Freund, während wir in einer Kneipe sitzen, "sind wir doch bald erwachsen?" Sofort verziehe ich das Gesicht. "Erwachsen? Wir? Ich?" Na schön, wir sind Ende 20, beziehungsweise Anfang 30, da ist das gar nicht so absurd. "Aber richtig erwachsen – so wie unsere Eltern?" Gerade hatten wir ein längeres Gespräch über die Zukunft geführt, über langfristige Perspektiven, über den Sinn und Zweck eines "richtigen" Jobs – mit regelmäßigen Einkünften und Sozialversicherung, einem Job, der einem sogar erlaubt, etwas für später zur Seite zu legen, der einigermaßen sicher ist und dafür wahrscheinlich auch ziemlich langweilig. Mein Kumpel glaubt, er müsse seinen Idealismus der Jugendjahre nun langsam aufgeben und der knallharten Realität ins Auge sehen, sich einfügen in die Struk­turen, die doch nicht zu ändern sind. Während wir auf die Bierflaschen in unseren Händen schauen, denke ich an die Zeit an der Uni, als wir Philosophie studierten und glaubten, aus uns würde zwar nie etwas "Anständiges" werden – aber das wollten wir ja auch nicht.

Erwachsenwerden – das klingt nach Ernsthaftigkeit, Vernunft und, ja, auch nach Resignation: Der Erwachsene hat den Kopf nicht mehr in den Wolken, sondern ist auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Wer mit 20 kein Marxist sei, habe kein Herz, wer es mit 40 noch sei, keinen Verstand, soll Winston Churchill gesagt haben. Die darin enthaltene Aufforderung scheint klar zu sein: Irgendwann muss jeder erwachsen werden und einsehen, dass die Welt so ist, wie sie ist. Du wirst weder den Kapitalismus abschaffen noch die Weltrevolution lostreten – also suche dir einen ordentlichen Job, baue ein Haus für deine Familie und kaufe dir ein respektables Auto. So ein klassisch-spießiges Erwachsenenleben schreckt viele verständlicherweise eher ab, als dass es sie in Ekstase versetzt. Schließlich möchte man als junger Mensch ja alles – nur nicht das Leben der ­eigenen Eltern kopieren. Und doch sehnt man sich als Kind beziehungsweise heranwachsender Mensch nach der Freiheit der Erwachsenen. Endlich alles dürfen, selbst entscheiden, den eigenen Weg gehen. Sich lossagen von den Eltern, selbstständig sein – wer würde darauf verzichten wollen? Denn das bedeutet Erwachsenwerden offenbar auch: Eigenständigkeit, Verantwortung, Anerkennung. Doch wie wird man erwachsen? Oder woran merkt man, dass man es bereits ist?

Dieser Artikel ist erschienen in "Hohe Luft" 03/2019

Auf juristischer Ebene ist man bei uns mit 18 Jahren voll­jährig. Man gilt damit im formalen Sinn als erwachsen, als geschäftsfähige Person, die wählen und grundsätzliche Entscheidungen über das eigene Leben selbst fällen darf. Auto fahren, heiraten, Sex haben, mit wem man will, einen Mietvertrag unterschreiben, harten Alkohol trinken, Pornos gucken – mit 18 Jahren fallen so gut wie alle Beschränkungen der Jugendzeit weg. Aber dass man an seinem 18. Geburtstag aufwacht und plötzlich erwachsen ist, scheint so gut wie niemandem so zu gehen. Mit 18 ging ich noch zur Schule und wohnte bei meinen Eltern. Ich hatte keine Ahnung, was ich nach dem Abitur tun würde, und meine obersten Prioritäten waren: Party, Freunde und coole Klamotten. Nicht gerade erwachsen. Und so habe ich mich auch nicht gefühlt.

Die Zahl 18 scheint eine relativ willkürliche Altersgrenze zu sein, was man auch daran erkennt, dass andere Länder andere Regeln dafür haben, wer was ab wann darf oder nicht darf. Auch hierzulande kann ein volljähriger Straffälliger bis zum 21. Lebensjahr nach dem Jugend- statt nach dem Erwachsenenstrafrecht behandelt werden, wenn ausreichend Gründe dafür sprechen, dass die Person als noch nicht entsprechend "reif" angesehen wird. Trotzdem scheint mir auch die Schwelle von 21 Jahren nicht besonders hilfreich zu sein. Ich kenne extrem unreife 31-Jährige und 17-Jährige, die schon sehr erwachsen wirken.

Reife. Das Wort hat viel mit dem Erwachsenwerden zu tun. Es erzeugt das Bild von uns als Früchte an einem Baum, die heranreifen, bis sie den optimalen Reifegrad erreicht haben. Es braucht dafür einiges an Ressourcen, Sonne, Regen und Zeit. Bevor es wieder ans Verwesen geht, sind wir auf dem Höhepunkt unseres Lebens angelangt: fertige, ausgewachsene Menschen. Es gibt die Geschlechtsreife und die Hochschulreife; in dem Film Die Reifeprüfung besteht jene Prüfung für einen College-Absolventen wohl darin, erst eine Affäre mit einer älteren Dame einzugehen und später auch noch mit ihrer Tochter. Wer reif ist, ist bereit für die Herausforderungen des Lebens, heißt es. Der hat schon etwas erlebt, einen Prozess hinter sich und die kindliche Naivität abgelegt. Lebenserfahrung spielt dabei eine Rolle und ein bestimmtes Maß an Wissen – über sich selbst, die Gesellschaft, in der man lebt, aber auch über die Welt hinter dem eigenen Horizont.

Vor allem jene Art von Erfahrung, die einem die Hindernisse im Leben bewusst macht, beschleunigt das Erwachsenwerden. Gemeint sind Erfahrungen, die einem vor Augen führen, dass nicht immer alles so läuft, wie man es gern hätte. Darum geht Erwachsenwerden wohl zwangs­läufig mit einer gewissen Ernüchterung einher, die einen die Lebensrealität mit der Zeit lehrt. Als Kind denkt man, alles sei möglich und die Welt drehe sich um einen selbst und die eigenen Bedürfnisse. Zum Erwachsenwerden gehört die Erkenntnis, dass das nicht so ist, dass vieles im Argen liegt und man niemals alles bekommt, was man gern haben möchte.

Ich weiß noch, wie ich mir als Jugendliche das Erwachsensein vorgestellt habe: Wenn ich 30 bin, dann weiß ich genau, was ich will, bin eine gefestigte Persönlichkeit und kenne mich aus im Leben. Ich werde ein ganz anderer Mensch sein. Ich bin dann kein Kind mehr, sondern eine ernst zu nehmende Frau, selbstsicher und souverän. Jetzt bin ich fast 30 und fühle mich eigentlich gar nicht so anders als mit 20, jedenfalls ist der erwartete Erweckungsmoment ausgeblieben, und mittlerweile glaube ich auch nicht mehr, dass er kommen wird. Wenn ich über die Jahre erwach­sen(er) geworden bin, dann muss das nebenbei passiert sein, ganz leise und unauffällig.

Ein Sprichwort sagt, man werde erst mit dem Tod der eigenen Eltern wirklich erwachsen. Obwohl ich denke, dass das nicht in jedem Fall zutrifft, weist es auf die entscheidende Rolle der Eltern für das Erwachsenwerden hin: Eltern sind die Fixpunkte, auf die man, jedenfalls im Idealfall, jederzeit zurückgreifen kann, die einen auffangen, wenn man sich in der großen weiten Welt verkalkuliert hat und mit eingezogenem Schwanz wieder zurückkommt, um sich ein warmes Mittagessen und tröstende Worte abzuholen. Man sagt über Menschen, die schon als Kinder oder Jugendliche auf sich gestellt waren, weil ihnen die elterlichen Fixpunkte fehlten, sie hätten sehr schnell erwachsen werden müssen.