Gewisse Meilensteine und Erfahrungen, die den Prozess der Abnabelung von den Eltern vorantreiben, sind offenbar wichtige Wegbereiter des Erwachsenwerdens. Von dem Ethnologen Arnold van Gennep (1873–1957) stammt das Konzept der Übergangsriten, die in so gut wie allen Kulturen vorkommen und die Überleitung von einer Lebensphase in die nächste begleiten. Auch wenn es meist keine institutionalisierten Riten mehr sind, gibt es doch auch bei uns bestimmte Entwicklungsstufen, die darauf hinweisen, dass man sich dem Erwachsenwerden nähert. Mit dem Auszug aus dem Elternhaus lernt man zum Beispiel, seinen eigenen Haushalt und Alltag zu organisieren. Man muss sich auf einmal selbst bei den Wasserwerken anmelden, den Kühlschrank füllen und sich das Geld bis zum Monatsende einteilen.

Finanzielle Unabhängigkeit ist auch ein Faktor, den man mit dem Erwachsensein verbindet – und den man nur durch eine bezahlte Arbeit erreicht. Als ich meine ersten Gehälter bekam, fühlte ich mich schon ein wenig erwachsen und war stolz darauf, mein eigenes Geld zu verdienen. In ­einem Arbeitsverhältnis hat man eine ganz andere Rolle als in der Familie, man wird als arbeitnehmende Erwachsene ­behandelt und nicht wie das ältere Kind. Zu erleben, wie Kollegen und Vorgesetzte einen ganz selbstverständlich als erwachsen wahrnehmen, rührt auf lange Sicht auch an dem eigenen Selbstverständnis. Stationen auf dem Weg zum Erwachsenwerden können auch eine Heirat sein, die Geburt eines Kindes, der ­Abschluss einer Lebensversicherung, eine Weltreise. Nicht jeder Mensch macht alle Schritte mit, mancher keinen davon. Und wiederum andere sind verheiratet, haben sogar ein Kind und benehmen sich trotzdem nicht so, wie man es von einem Erwachsenen erwarten würde.

Als "Peter-Pan-Syndrom" beschrieb der amerikanische Therapeut Dan Kiley (1942–1996) das Phänomen, wenn sich Männer im Erwachsenenalter wie Kinder verhalten. Symptome sind laut Kiley zum Beispiel, sich vor Verantwortung zu drücken, mit der Partnerin keine Beziehung auf Augenhöhe führen zu können, da diese in die Mutterrolle gedrängt werde, oder ein Hang zur Selbstverherrlichung. Wie die Romanfigur Peter Pan, der im fantastischen Nimmerland lebt, möchten die von Kiley beschriebenen Männer in den Tag hineinleben, Spaß haben, lose Kontakte knüpfen und vor dem Ernst des Lebens fliehen.

Ob es sich bei dem Peter-Pan-Syndrom wirklich um so etwas wie eine Entwicklungsstörung handelt, muss hier nicht geklärt werden. Viel interessanter ist die Feststellung, dass Erwachsensein offenbar nichts ist, das sich ausschließlich anhand äußerer Faktoren wie Job, Haus, Ehe, Kind oder Auto entscheidet, sondern ebenso an Charaktereigenschaften, Handlungen, Fähigkeiten sowie sozialer Interaktion. Jemand kann von außen das Leben eines Erwachsenen führen und doch ein verkapptes Kind bleiben.

Kindsköpfe, Muttersöhnchen, Nesthocker oder Riesenbabys – all diese Ausdrücke handeln davon, dass die Gesellschaft von uns erwartet, dass wir erwachsen werden, dass wir den Rücken durchstrecken und mitmachen. Der Fairness halber sei zudem gesagt, dass sich natürlich auch Frauen kindisch benehmen oder vor dem Erwachsenwerden davonlaufen. Und ist das nicht bis zu einem gewissen Grad auch verständlich?

"Eigentlich sollten wir erwachsen werden" war das Gründungsmotto der im letzten Jahr eingestellten Zeitschrift Neon. Das Magazin richte sich an "junge Leserinnen und Leser, die schon lange volljährig sind, aber ihre jugendliche Unbeschwertheit bewahren möchten", hieß es dazu 2003 im Editorial des Stern. Mich sprach dieses Lebensgefühl damals sehr an: Älter werden und doch jung bleiben, die Vorteile der Volljährigkeit genießen, aber sich insgeheim ein Vetorecht gegen das Erwachsensein vorbehalten. Wieso ernst werden, wenn es auch spielerisch und locker geht? Wieso Verantwortung für sich und andere übernehmen, wenn man noch so viel vorhat? Warum unbegrenzte Möglichkeiten gegen Reihenhaus und 30 Urlaubstage eintauschen?

Weil Erwachsensein im Idealfall bedeutet, mündig zu sein – so würde wohl die Philosophie, jedenfalls jene im Sinne Immanuel Kants (1724–1804), antworten. Wenn in der Philosophie von Subjekten, Akteuren, Personen gesprochen wird, ist wie selbstverständlich ­immer von Erwachsenen die Rede. Das ist auch insofern nachvollziehbar, als wir die meiste Zeit unseres Lebens offiziell als Erwachsene verbringen und Kinder nicht im gleichen Maße wie Erwachsene zur Verantwortung gezogen werden.

Kinder genießen Welpenschutz, man traut ihnen nicht zu, die Konsequenzen ihres Handelns so gut abschätzen zu können, wie man es von Erwachsenen verlangt. Kein Moralphilosoph würde an ein Kind die gleichen ethischen Maßstäbe setzen wie an eine erwachsene Person. Kinder haben zwar Rechte, doch sind sie nicht mündig, sondern darauf ­angewiesen, dass ihre Eltern für sie entscheiden. Es hat gute Gründe, dass wir mit bestimmten Aufgaben und Ämtern nur Erwachsene betrauen.

Da im Mittelpunkt der westlichen Philosophie seit der Aufklärung das Individuum steht, und zwar das vernunftbegabte, autonome Individuum, muss dieses auch als erwachsen gedacht werden. Erst dann ist es zumindest potenziell so frei, wie es Kants Philosophie proklamiert. Doch wenn man davon ausgeht, ein autonomes Individuum zu sein, dann ist man für sein Leben und seine Handlungen auch selbst verantwortlich – davor kann einen niemand bewahren.