Wer keine Verantwortung übernehmen möchte, immer anderen die Schuld für sein Elend gibt, verhält sich kindisch. Verantwortung ist wohl eine der Versprechungen des Erwachsenenlebens, die am meisten Angst macht. Es scheint für einen Erwachsenen außerdem nicht auszureichen, sich selbst gerade so über Wasser zu halten. Es gehört auch dazu, von den eigenen Bedürfnissen abstrahieren zu können, sich auch für andere verantwortlich zu fühlen, auf sein Umfeld zu achten und darauf eingehen zu können.

Selbst zu denken, selbst verantwortlich zu sein ist anstrengend. Der große Fehler, den viele Erwachsene Kant zufolge deshalb machen, ist, sich freiwillig in Unmündigkeit zu begeben. Indem sie Verantwortung und anstrengende Denkprozesse auf andere Personen, Institutionen oder höhere Mächte abwälzen, werden sie ihrer naturgegebenen Disposition nicht gerecht, den eigenen Verstand zu bemühen. Erwachsenwerden, schreibt die amerikanische Philosophin Susan Neiman in Anlehnung an Kant, sei "ein Problem der Aufklärung". Jene definierte Kant als "Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit" – man könnte auch sagen, der Unmündige verharre in einer selbst gewählten Kindheit.

Die mündige Person unterscheidet sich von der unmündigen auch in ihrem Verhältnis zu Regeln. Während das Kind diese vor allem brechen und gegen sie rebellieren möchte, hat der Erwachsene einen Einblick in ihren Sinn gewonnen. Kant zufolge sind wir genau dann frei, wenn wir uns nur jener Regel unterwerfen, die wir uns selbst gegeben haben, weil wir sie als richtig erkannt haben. Das heißt, wir sind nur dann mündig, wenn wir uns kritisch mit den Gesetzen, Regeln und Normen auseinandergesetzt haben, die uns umgeben. In ihrem Buch "Warum erwachsen werden?" argumentiert Neiman dafür, das Erwachsenwerden positiver zu sehen, nämlich als "subversives Ideal". Wie bitte? Was soll denn am Erwachsensein subversiv sein? Neiman meint: In einer Welt, die alles daransetzt, uns unmündig zu halten, uns zu infantilisieren, uns zu reinen Konsumbürgern zu degradieren, ist der selbst denkende, mündige Erwachsene eine Keimzelle des Widerstands.

Wir seien zwar auch selbst daran beteiligt, wenn wir uns von dem Überangebot an Nebensächlichkeiten, etwa im Internet, von den wirklich wichtigen Fragen ablenken ließen, doch seien die Strukturen auch darauf ausgelegt, uns vom Selbstdenken abzuhalten. Diesen Strukturen gegenüber können wir uns dann behaupten, wenn wir unsere Urteilskraft stärken – und diese wachse mit zunehmendem Alter, man könne sie aber auch gezielt trainieren. Was uns außerdem auf den richtigen Weg leite, seien zum Beispiel Reisen oder Bildung im Allgemeinen. Genauer wird Neiman dabei nicht. Sie ist aber davon überzeugt, dass das Erwachsenwerden einer Rehabilitation bedarf, da wir ohne Erwachsene den äußeren Kräften hilflos ausgeliefert seien.

Neiman macht Erwachsensein nicht am Tragen einer Krawatte oder an einem Bausparvertrag fest. Erwachsenwerden verlange vielmehr, sich der "Kluft" zu stellen, die zwischen den Idealen der Vernunft und der ernüchternden Realität klaffe, "ohne eines davon aufzugeben". Weder scheint es Neiman sinnvoll, blind an Idealen festzuhalten, die mit der Wirklichkeit der Welt nichts zu tun haben, noch, diese einfach fallen zu lassen und sich mit dem Status quo abzufinden. Seine Ideale restlos aufzugeben, ist für die Philosophin also gerade nicht erwachsen, sondern allenfalls feige.

Es braucht also Mut, um im aufgeklärt-idealistischen Sinne erwachsen zu werden. Und man muss es aushalten können, dass die Welt oftmals nicht so ist, wie sie sein sollte, ohne deswegen zu verzweifeln oder aufzugeben. Das Erwachsenenleben verneint den Widerspruch nicht, sondern umarmt ihn.

Der Wiener Philosoph Robert Pfaller ist auch der Meinung, Erwachsene müssten ein Stück weit abgehärtet sein. Wie Neiman sieht auch Pfaller unsere Gesellschaft derzeit von einer Infantilisierung bedroht, doch erkennt er diese nicht in den Massenmedien, sondern in einer allgemeinen Tendenz, sich von jeder Kleinigkeit angegriffen zu fühlen. Sein liebstes Beispiel ist die Political Correctness: Man müsse heute auf jede noch so kleine Randgruppe Rücksicht nehmen, dürfe nicht mehr Wörter wie "Zigeuner" sagen, weil sich sofort jemand darüber echauffiere – und das sei kindisch. Statt um Politik und die Auswüchse des globalen Kapitalismus gehe es im öffentlichen Diskurs nur noch darum, auf persönliche Befindlichkeiten einzugehen. Pfaller wünscht sich stattdessen eine "Erwachsenensprache" zurück, die auf private Gefühle keine Rücksicht nimmt.

Die Kritik an linker Identitätspolitik ist weder neu noch überzeugend, und es leuchtet nicht ein, warum es besonders erwachsen sein soll, Menschen als "Zigeuner" zu bezeichnen, wenn sie sich dadurch diskriminiert fühlen. In meinen Augen zeichnet sich erwachsener Umgang gerade durch ­gegenseitigen Respekt und nicht durch Rücksichtslosigkeit aus. Unreflektiert daherreden können auch Kinder, dafür muss man nicht erwachsen sein.