Nichtsdestotrotz betont Pfaller einen bedenkenswerten Aspekt des Erwachsenseins, wenn er sagt, der Erwachsene müsse dazu in der Lage sein, die eigenen privaten Gefühle hinten anzustellen, wenn er sich in einem professionellen Miteinander unter Gleichen bewegen möchte. Pfaller sieht gerade in dieser Fähigkeit einen Grundpfeiler des Selbstverständnisses mündiger Bürger. Übertriebene Rücksichtnahme werde diesem Selbstbild nicht gerecht: "Wir sind erwachsen", schreibt Pfaller, "und wir wollen gefälligst auch so behandelt werden."

Tatsächlich würde man einer Person, die jede Kritik persönlich nimmt und sich andauernd beleidigt zeigt, kein sonderlich erwachsenes Verhalten nachsagen. Wir erwarten von Erwachsenen, dass sie ihre Impulse kontrollieren können und etwa im Arbeitskontext eine gewisse Professionalität an den Tag legen. Dennoch gibt es einen Unterschied zwischen diskriminierender Sprache, die auf historisch gewachsenen Unterdrückungsstrukturen beruht, und gerechtfertigter Kritik. Pfallers stellenweise wütendes Buch zeigt, wie verletzt auch Erwachsene sein können, wenn sie sich in ihrem Erwachsensein nicht ernst genommen fühlen.

Wir möchten zwar wie Erwachsene behandelt und nicht bevormundet werden, und doch wehren wir uns mit Händen und Füßen gegen das Altern. Das Erwachsenwerden hat laut Susan Neimans Betrachtung nicht nur darum einen so schlechten Ruf, weil es einem langweilig und spießig vorkommt, sondern auch aufgrund des grassierenden Jugendwahns. Mit teilweise absurden Mitteln versuchen wir, die Jugend zu konservieren, und verherrlichen sie als Zeit der Sorglosigkeit und Freiheit – und tun damit auch so, als sei es besonders leicht, jugendlich zu sein. Das hat aber eine Kehrseite: Wenn man jungen Leuten ständig sagt, sie steckten in der besten Zeit ihres Lebens, ist das nicht gerade eine Ermutigung zum Erwachsenwerden. Es kann ja alles nur schlimmer werden.

Vielleicht fehlen uns einfach die richtigen Vorbilder, um ein Erwachsenenideal anzustreben, wie es zum Beispiel Susan Neiman entwirft – eines, das nicht von Resignation geprägt ist. Oft kommt es einem ja alternativlos vor: Egal, was du tust, du wirst am Ende doch so, wie du nie werden wolltest. Was du früher spießig und schrecklich fandest, wirst du später praktisch und gar nicht so schlimm finden. Was du so ­vehement kritisiert hast, wirst du schließlich auch selbst tun.

Ist es die Angst vor dem Erwachsenenleben, die meine Generation dazu verleitet, die Jugend zu verlängern? Wir bekommen zum Beispiel viel später Kinder als damals unsere Eltern, im Schnitt wird auch später geheiratet. Was mich an dem Begriff "erwachsen" so stört, ist, dass er den Eindruck vermittelt, man sei dann fertig. Wenn man erst einmal erwachsen ist, gibt es nichts mehr zu ergänzen, man kann so bleiben, wie man ist, schlimmer noch, man muss so bleiben, denn angeblich gilt: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.

Wenn Erwachsensein Stillstand bedeutet, dann möchte ich gar nicht erwachsen werden. Dann wundert es mich auch nicht, dass das Erwachsenwerden für viele Heranwachsende Stress bedeutet.

Plausibler scheint es, Erwachsenwerden als Prozess zu sehen, der vielleicht schon beginnt, wenn man sich das erste Mal die Schuhe selbst zugebunden hat, und der niemals wirklich endet. Es kann sogar sein, dass dieser Weg nicht ­linear verläuft, sondern man unterwegs wieder zurückfällt oder eine Schleife dreht. Oder dass man in einigen Dingen schon sehr erwachsen ist und in anderen es entweder noch nicht ist oder es auch niemals sein wird.

Niemand muss sich der puren Vernunft verschreiben, um erwachsen zu werden; und man braucht dafür auch nicht unbedingt ein Reihenhaus. Von solchen Vorstellungen kann sich unsere Generation getrost verabschieden. Wahrscheinlich haben wir viel mehr Angst vorm Erwachsenwerden als wir müssten. Aber vielleicht ist ein wenig Angst davor auch gut, damit wir uns wenigstens darum bemühen, einen Teil unserer Jugendlichkeit zu bewahren, damit wir auf der Hut bleiben vor denen, die uns den letzten Rest unseres Idealismus madig reden wollen.

Mein Kumpel und ich stoßen an: "Wenn wir schon erwachsen werden, dann aber wenigstens coole Erwachsene, okay?" Das haben sich unsere Eltern bestimmt auch schon vorgenommen.

Dieser Artikel ist zuerst erschienen im "Hohe Luft Magazin" Nr. 03/2019.