Mädchen und junge Frauen haben im letzten Jahrzehnt das Blockbuster-Kino erobert: als Amazonen, Superheldinnen und Erlöserinnen, als fighting girls. Aber diesen Aufstieg bezahlten sie teuer – er brachte sie um ihre Sexualität. Katniss Everdeen in den Tributen von Panem ist so rein wie die Jungfrau von Orleans; der fetischistische Look der peitschenschwingenden Wonder Woman wird durch mütterliche Wärme abgefedert und selbst in der Twilight-Vampirromanze ist der Sex ein schmerzhaftes Opfer, das auf dem Altar der reinen Liebe gebracht werden muss – Edwards edler Marmorkörper löst bei der Heldin Bella Verletzungen aus. Da ist es kein Wunder, wenn sich das weibliche Publikum auf Erotik-Seller wie die Fifty Shades of Grey-Serie oder jetzt After Passion stürzt: Es muss da draußen einen Hunger nach Sinnlichkeit geben, den Wunsch, es möchte mal was anderes fließen als Blut und Tränen. 

Sabine Horst lebt in Frankfurt, hat als Kulturjournalistin unter anderem für die "Frankfurter Rundschau" gearbeitet und ist seit 2002 Redakteurin bei "epd Film". Nebenbei schreibt sie für DIE ZEIT, "chrismon.de" oder den "Tagesspiegel" über Kino, Fernsehen und alltagskulturelle Themen. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Dabei wissen auch die Fans, dass Fifty Shades und After Passion alles andere als Selbstermächtigungsmanifeste sind, dass sie auf der Jagd nach der verlorenen Lust in trüben Gewässern fischen. Und sie sind auch weniger ästhetische Phänomene als soziale, Produkte einer Kultur, die keine "Werke" mehr hervorbringt, sondern vom Murmeln der Texte und Kommentare im Resonanzraum des Internets lebt, vom Remix und Medien-Crossover. Shades of Grey und After Passion sind die ersten Erotikserien für junge Frauen, die den Sprung vom Bucherfolg zum Mainstreamfilm geschafft haben, also regelrechte Franchises geworden sind.

Und vielleicht ist es kein Zufall, dass sie ihre Wurzeln in der Fanfiction haben, der nichtkommerziellen, zum privaten Vergnügen geschriebenen Literatur vor allem weiblicher Medienfans. Hier erproben Millionen von Autorinnen, ausgehend von Figuren, Motiven und Weltentwürfen, die ihnen die Populärkultur an die Hand liefert, seit 30 Jahren ein eigenes Schreiben über Sexualität, Beziehungen, Gender Trouble; hier hat sich eine neue Pornografie von verblüffender Bandbreite entwickelt – straight oder queer, traditionell oder transgressiv, hart oder herzlich.

Längst haben nicht nur Studios und Verlage begriffen, dass Fanfiction ein Indikator ist für das, was ein junges, pop- und technikaffines Publikum interessiert – es hat sich auch die Idee verbreitet, dass man darauf Karrieren gründen kann. Eine ganze Reihe von Fanautorinnen schärfte in der Szene ihr Talent und ist mit Eigenschöpfungen auf dem Buchmarkt erfolgreich, vor allem in der Sparte Fantasy – eine erfreuliche Entwicklung. Problematischer ist es, wenn die Fanfics selbst mit wenigen Handgriffen, durch die Entfernung gröbster Hinweise auf die Vorlagen – etwa die Namen der Originalfiguren –, für den Markt aufbereitet werden, wenn also mit urheberrechtlich geschütztem Material Geld verdient wird.

E.L. James hatte ihre drei Shades of Grey-Romane ursprünglich unter Pseudonym im Netz veröffentlicht – als Twilight-Fic, in dem die ursprünglichen Charaktere Bella und Edward in ein BDSM-Szenario versetzt werden. Für die Buchversion wurden aus Bella und Edward Anastasia und Christian. Die Twilight-Autorin Stephenie Meyer erhob keine Ansprüche.

Und auch die After-Serie entstand im Dickicht der Millionen Fanfiction-Stories. Anna Todd war 24, als sie begann, in täglichen kurzen Kapiteln, immer mit der Bitte um Kommentare, ihre erotische Fantasie zu posten: eine Geschichte um eine strebsame, jungfräuliche 19-Jährige, Tessa, die gerade von Zuhause ausgezogen ist und sich an der Universität in einen umwerfend attraktiven Kommilitonen mit vielen Tattoos, einer problematischen Vergangenheit und einem Hang zu gefährlichen Stimmungsschwankungen verliebt. Nun ja, verliebt ist nicht ganz der richtige Ausdruck. Es handelt sich um eine manische On-and-Off-Beziehung; er drängt – und sie fällt immer wieder um. 

Todds Story dockt an eine Nebenlinie der Fanfiction an: Es handelt sich um ein "Real Person Fic", kurz RPF. Da leihen sich die Autorinnen keine Figuren aus Filmen, Serien, Comics oder Originalromanen aus, sondern sie bevölkern ihre Fantasien mit Personen des öffentlichen Lebens – Schauspieler, Popmusiker, gelegentlich Sportler. Tessas unberechenbarer Lover heißt Harry Styles; auch ein Liam, Niall, Louis und Zayn treten auf – die Gründungsmitglieder der britisch-irischen, heute zerbröselten Boygroup One Direction. RPF oder spezielle Band-Fiction ist selbst unter Fans nicht unumstritten. Aber es ist ebenso ein Spiel mit narrativen Mustern, mit popkulturellen Topoi, wie es in der "klassischen" Fanfiction der Fall ist: Schließlich treten uns Stars nie ungeschminkt entgegen, sondern als inszenierte Charaktere, in Form von Images.