Gabriel Bach hat eine große Karriere gemacht: 1969 wurde er zum Generalstaatsanwalt Israels ernannt, 1982 wechselte er als Richter an den obersten Gerichtshof des Landes. Er war an vielen bedeutenden Prozessen beteiligt, saß in diversen Gremien auf höchster Ebene. Seine wichtigste Rolle aber: Als stellvertretender Generalstaatsanwalt sowie Leiter der Voruntersuchung half er 1961 im Prozess gegen Adolf Eichmann, die Schrecken der Schoah aufzuarbeiten. In seiner Wohnung in Jerusalem, in der er mit seiner Frau Ruth lebt, spricht er fast 60 Jahre später in einem klaren, beinahe harten Deutsch über den Gerichtsfall, nach dem den 92-Jährigen noch heute Menschen aus aller Welt fragen. Seine Erinnerungen sind sehr detailreich, Bach gerät selten ins Stocken. Nur einmal hält er während des dreistündigen Gesprächs länger inne.

ZEIT ONLINE: Gabriel Bach, Sie wurden 1927 in Halberstadt geboren und sind in Berlin aufgewachsen. Vor den Nazis flohen Sie mit Ihren Eltern über Holland nach Palästina, Verwandte von Ihnen wurden während der Schoah ermordet. Welche Rolle spielte das, als Sie als Ankläger im Eichmann-Prozess auftraten?

Gabriel Bach: Es gab Momente während des Eichmann-Prozesses, die mich an meine Familie erinnerten. Mein Onkel beispielsweise lebte in den Dreißigerjahren in einer kleinen deutschen Stadt mit gerade einmal 17 Juden. Er hatte im Ersten Weltkrieg in der deutschen Armee gedient und eine besondere Auszeichnung für seine Verdienste erhalten. In der Pogromnacht dachte er: Wenn ich diese Auszeichnung auf meiner Jacke zeige, werde ich verschont. Im Gegenteil: Die SS-Leute haben ihn die Treppe heruntergeworfen und seine Brille kaputt geschlagen. Sie brachten ihn nach Dachau. Danach zwangen sie ihn, für die Fahrt dorthin zu bezahlen: 18,20 Mark. Er hatte noch 20 Mark in der Tasche. Meiner Tante haben die Nazis später das Rückgeld erstattet.

ZEIT ONLINE: Sie bekam tatsächlich 1,80 Mark zurück?

Bach: Es ist schwer zu glauben, aber diese makabre Bürokratie hat sich durch den gesamten Krieg gezogen. Darauf wollte ich gerade hinaus. Im Eichmann-Prozess habe ich später Aussagen von Nazis gelesen wie: "Wir können es den Deutschen nicht zumuten, dass die Juden ihre Haftstrafen nicht absitzen." In Auschwitz gab es daher ein Lager für Juden mit Gefängnisstrafen. Das Kuriose: Genau dieses Lager hat viele der Insassen vor dem Gas gerettet.

ZEIT ONLINE: Was wussten Sie vor dem Prozess über Adolf Eichmann?

Bach: Sein Name war mir in vielen anderen vorherigen Prozessen schon begegnet. Es war klar, dass er der Einzige war, der den ganzen Krieg über seinen Posten behalten hatte. In vielen Dokumenten wurde die Tötung aller Juden "Operation Eichmann" überschrieben. Zwei Tage nach Eichmanns Ergreifung in Argentinien hat mir der israelische Justizminister mitgeteilt, dass ich einer der Ankläger sein und die Voruntersuchung leiten würde. Sie sollte in einem leeren Gefängnis in Haifa stattfinden. So wurde ich nach Eichmanns Verhaftung sein einziger Kontakt zur Außenwelt.

ZEIT ONLINE: Wie verlief Ihr erstes Treffen mit Eichmann?

Bach: Das werde ich nie vergessen. Ich saß in dem Büro des Gefängnisses in Haifa unweit seiner Zelle und las die Biografie des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß. Er beschrieb, wie die Nazis über 1.000 jüdische Kinder pro Tag getötet hatten. Die Kinder hätten auf dem Boden um ihr Leben gefleht. Höß schrieb, wie er Kniezittern bekam, während er sie in die Gaskammern stieß – und wie er sich für diese Schwäche schämte. Schließlich habe ihm Obersturmbannführer Eichmann erklärt: "Wir müssen die jüdischen Kinder zuerst töten. Denn wo ist die Logik, wenn man eine Generation von älteren Menschen umbringt, aber die Keimzelle dieser Rasse am Leben lässt?" Ich war entsetzt. Zehn Minuten später klopfte ein Polizist und sagte, dass Eichmann mich sprechen wolle. Da fiel es mir schwer, eine ruhige Miene aufzusetzen.

ZEIT ONLINE: Worum ging es in diesem Gespräch?

Bach: Zunächst habe ich ihm gesagt, dass er mit mir über persönliche und gesundheitliche Themen sprechen könne, aber nicht über seine Vergehen. Denn dadurch wäre ich vom Ankläger zu einem Zeugen geworden. Außerdem sollte er mir seinen Anwalt nennen. Eichmann wollte Robert Servatius, der schon bei den Nürnberger Prozessen als Verteidiger gearbeitet hatte. Ich stimmte sofort zu. Da fragte er, ob ich mich nicht zuerst mit der israelischen Regierung beraten wolle. "Das ist nicht nötig", sagte ich knapp. Denn die Regierung ließ ihm in der Frage seines Anwalts freie Wahl. Das stimmte Eichmann sehr zufrieden. Aber ich stand immer noch unter Schock von dem, was ich zuvor gelesen hatte.

2011 zeigte Gabriel Bach beim Besuch einer Ausstellung in der Berliner Topographie des Terrors ein Bild, auf dem man ihn vor Eichmann sieht. © John MacDougall/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Sie selbst wären Eichmanns Tötungsmaschine als Kind beinahe zum Opfer gefallen. Mögen Sie uns etwas über Ihre frühen Erfahrungen erzählen, angefangen in Halberstadt?

Bach: Halberstadt habe ich leider nicht wirklich kennengelernt. Im jugendlichen Alter von zwei Monaten habe ich mich entschieden, die Stadt zu verlassen, um das mal etwas scherzhaft auszudrücken. Mein Vater war der Generaldirektor einer der größten Kupferfabriken in Deutschland. Die Firma zog im Jahr meiner Geburt nach Berlin und wir als Familie mit. Vor einiger Zeit habe ich bei einem Besuch in Deutschland zum ersten Mal mein Geburtshaus besucht. Im Stadtzentrum fand ich später eine Statue zum Gedenken an die deportierten Juden, auf einer Tafel waren die Namen verzeichnet, darunter der Satz: "Keiner kam zurück."

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie die Naziherrschaft in Berlin gespürt?

Bach: Ich kann mich noch relativ klar erinnern: Wir wohnten in der Konstanzer Straße nahe dem Preußenpark, ich ging in eine zionistische Schule, die Theodor-Herzl-Schule am Adolf-Hitler-Platz. Welch eine Ironie! In den Parks standen Bänke in den Farben Rot und Grün, etwas daneben welche in Gelb mit der Aufschrift: "Nur für Juden." Dort mussten wir sitzen.

ZEIT ONLINE: War ansonsten ein halbwegs normales Leben möglich – zumindest anfangs?

Bach: Die Wochenenden haben wir meist im Grunewald verbracht. Wir haben Fußball gespielt, sind spazieren gegangen oder auch mit Motorbooten auf dem Wannsee gefahren. In der Konstanzer Straße gab es einen Zeitungsstand, wo Der Stürmer auslag. Auf dem Titel musste ich irgendwann ein Foto unserer Familie bei einem dieser Ausflüge sehen und die Überschrift lesen, in etwa: "Juden fahren immer noch auf dem Wannsee spazieren!"

ZEIT ONLINE: Wie alt waren Sie da? Haben Sie schon verstanden, was passierte?

Bach: Das war 1935, da war ich acht Jahre alt. Das Bewusstsein kam erst nach und nach. Auch ein Jahr später, als Zuschauer bei der Olympiade 1936, habe ich die Propaganda noch nicht so wahrgenommen. Aber als wir Deutschland verließen, war mir schon klar, warum wir das machen mussten.

ZEIT ONLINE: Wann geschah das?