Die neosexuelle Revolution

Nicht jeder Meldung lässt sich sogleich ansehen, ob es sich dabei um etwas begrüßenswert Fortschrittliches oder einen beklagenswerten Missstand handelt – zumal, wenn es um das hart umkämpfte Feld des Sexuellen geht, in dem Lust und Leid sich unübersichtlich vermengen. Verhältnismäßig einfach war noch die Diagnose bei der jüngsten Nachricht aus dem britischen Königreich zu fällen: Der  57-jährige Richter Sir Anthony Paul Hayden hatte in einem Urteil vor ein paar Tagen verkündet, er könne sich kein offensichtlich grundlegenderes Menschenrecht vorstellen, als dass ein Mann mit seiner Ehefrau schlafen dürfe ("I cannot think of any more obviously fundamental human right than the right of a man to have sex with his wife.") In diesem konkreten Einzelfall war die Ehefrau sogar wehrlos. Da ging allseits und einvernehmlich ein Sturm der Entrüstung auf den guten Sir Hayden nieder. Männerrecht als Menschenrecht, im Jahr 2019, crazy shit!

Schwieriger ist jedoch der aktuelle Befund einer US-amerikanischen Daten-Erhebung zu deuten, des neuen General Data Survey: Was soll man davon halten, wenn jetzt bekannt wird, die US-Amerikaner hätten heute weniger Sex denn je, insbesondere die jungen? Der Anteil aller 19-29jährigen US-Amerikaner, die in den vergangenen zwölf Monaten den sogenannten Beischlaf nie vollzogen haben, so sagt es die Statistik, war auf ein Rekordhoch gestiegen, er hat sich seit dem Jahr 2008 mehr als verdoppelt, auf 23 Prozent, und die Pointe lautet so: Unter den Männern dieser Kohorte hat sie sich sogar verdreifacht, auf fast 28 Prozent.

Im Expertenstreit, der daraufhin losbrach, hieß die latent besorgte Frage: Good or bad, Fortschritt, Verfall, und wenn ja, für wen? Betrachtet man es als Normalität, dass jeder Mann nach dem Modell des fordistischen Familienernährers verheiratet ist und jede Woche mit (s)einer Frau schläft, dann sind die aktuellen Nachrichten nicht günstig, das stimmt. Sieht man sie aber aus der Perspektive der jüngsten Revolution, in der die freiwillige Nahbarkeit und die Lust aller Geschlechter den Sieg über die Verfügbarkeit der Frauen davontrugen, dann wirkt die Bilanz eher vielversprechend.

Alle sexuellen Verhältnisse verflüssigen sich

Denn was seit kurzer Zeit erst gedeiht, ist etwas historisch eher Neues, nämlich die freiwillige sexuelle Wahl, zumal der Frauen. Die dürfen als die Siegerinnen jener Revolution gelten, die der große Frankfurter Sexualforscher und Menschenkenner Volkmar Sigusch die "neosexuelle" nennt: Sie ist erkennbar daran, dass ausgesprochen viel Sex am Computer stattfindet (E-Sex), dass alles Sexuelle durch und durch kommerzialisiert ist, Waren und der Job etwa so erregend wirken wie früher mal Menschen, zudem millionenfach mehr Haustiere gestreichelt werden, im Übrigen viel selbsttätig am eigenen Leibe geschieht (Self-Sex) und überdies die vielfältigsten sexuellen Varianten sich aus den Engpässen heterosexueller Paarnormen befreien, ohne deshalb als pathologisch zu gelten oder gar strafbar zu sein. Alle sexuellen Verhältnisse verflüssigen sich.

Sigusch spricht nüchtern davon, was heute jeder ahnt: "Paarbildung, in welcher Form auch immer, garantiert keinen sicheren Unterschlupf." Und er feiert die fragile Errungenschaft der Epoche, die der Realität kaum je standhielt und Liebe heißt, genauer: "die Liebe als freie Übereinkunft autonomer Subjekte, als ein Menschenrecht beider, des Mannes und der Frau, ebenso erregend wie gewissenhaft." Selten, kostbar.

Bei näherem Hinsehen ist in den trockenen Zahlen der aktuellen Datenerhebung eben dieser revolutionäre Umbruch zu erkennen, in dem die Liebe in Zeiten des cholerahaften Kapitalismus ihr Doppelgesicht zeigt, uneindeutig, je nach Geschlecht changierend: Das letzte Vergleichsjahr 2008 der US-Daten war ja das Jahr des Finanzcrashs, mit dem die ohnehin krisenhafte klassische männliche Industriearbeit zusammenbrach. Das wirkt sich seither auch in den Betten aus: Über die Hälfte der Arbeitslosen sind ohne stetigen Partner (unter den Beschäftigten liegt diese Zahl deutlich niedriger).

Der Fortschritt ist das Sorgenkind der Moderne

Stattliche 35 Prozent der jungen Männer leben noch bei den Eltern, ohne feste Bindung, sind am Markt der Paarbildungen bis auf weiteres nicht vermittelbar oder schrecken vor ihm zurück, bleiben lange alleinstehend, konkret: Auch die Zahl der masturbierenden Männer, ist zu lesen, habe sich so glatt verdoppelt. Gleichheit herrscht immerhin in dieser praktischen Hinsicht: Auch die Frauen nehmen sexuell doppelt so oft mit sich selbst vorlieb wie vor zehn Jahren. Viele Zahlen, das mag nach untypischer empirischer Evidenz für ein Feuilleton klingen: Trivial sind solche Zahlen nicht. Belegen sie doch, dass man diese beischlafsarme Kohorte jedenfalls nicht asexuell nennen kann. Sie ist tätig, bloß anders. Frauen wählen nun, wen sie wollen und ob sie überhaupt wollen, sie warten, sie ziehen im Zweifelsfall fort, sie kaufen sich einen Hund, sie wählen andere Frauen, den coolen Job und eben sich selbst. Das ist in Deutschland kaum anders als in den Vereinigten Staaten.  

Blendet man einen Moment zurück in die Epoche vor 1968 in Deutschland, mithin in ein Zeitalter anderer Normen, dann trifft man auf die Üblichkeiten, die auch ein Licht auf die Gegenwart des Jahres 2019 werfen. Kann sich jemand heute noch vorstellen, wie damals ein hohes Gericht über die weibliche Verfügbarkeit in der Ehe urteilte?

Die Grundstimmung ist dahin

"Die Frau genügt ihren ehelichen Pflichten nicht schon damit, dass sie die Beiwohnung teilnahmslos geschehen lässt", so urteilen die Richter des 4. Zivilsenats des Bundesgerichtshofs noch 1966 über die weiblichen Pflichten. "Wenn es ihr infolge ihrer Veranlagung oder aus Gründen, zu denen die Unwissenheit der Eheleute gehören kann, versagt bleibt, im ehelichen Verkehr Befriedigung zu finden, so fordert die Ehe von ihr doch eine Gewährung in ehelicher Zuneigung und Opferbereitschaft und verbietet es, Gleichgültigkeit oder Widerwillen zur Schau zu tragen." 

Das galt nicht im strittigen Einzelfall, siehe Sir Antony Hayden, sondern generell, für alle Ehen. Ende der 60er Jahre, so belegt es Volkmar Sigusch, haben noch 90 Prozent aller Mädchen nicht aus eigener Lust, sondern nach eigener Auskunft nur "dem Jungen zuliebe" mit ihm den ersten Sex. Aus den Lautsprechern waren unterdessen, während die Pille schon auf dem Markt war, die Stones zu hören: "I can get no satisfaction."

Der Fortschritt ist längst zum Sorgenkind unter den Hoffnungen der Moderne geworden, deren vielversprechender Erstgeborener er lange war. Mit gutem Grund lässt die Vernunft heute jeden zögern zu behaupten, dass endlich etwas besser sei als es gestern noch war oder dass doch immerhin morgen eine Besserung zu erwarten sei. Lange war dies die Grundstimmung der Moderne, die ist gründlich dahin, und der barocken Klage, dass die Welt ein Jammertal sei, fehlt es gegenwärtig an spätmodernen Anhängern nicht.

Doch diese Errungenschaft immerhin wäre zu feiern, ein Fortschritt, ein Freiheitsversprechen, das zumindest die halbe Menschheit betrifft: Menschen jeden Geschlechts spüren, dass sie sexuell nicht dulden müssen, was ihnen nicht gefällt, weder wenn es Fremde einem zufügen noch wenn es die Allernächsten sind. Die Philosophin Martha Nussbaum hat diese Errungenschaft das Menschenrecht eines jeden genannt, keine sexuellen Übergriffe erleiden zu müssen und zudem sexuelle Zufriedenheit erleben zu dürfen: satisfaction.