EU-Ratspräsident Donald Tusk hat die Mitgliedsstaaten des Bündnisses aufgefordert, Frankreich beim Wiederaufbau der durch den Großbrand verwüsteten Kathedrale Notre-Dame zu helfen. Das Feuer erinnere Europäer daran, "wie viel wir verlieren können", sagte er zu Abgeordneten. "Es geht hier um mehr als nur materielle Hilfe. Das Brennen der Kathedrale Notre-Dame hat uns wieder bewusst gemacht, dass wir durch etwas Wichtigeres und Tiefgründigeres als Verträge verbunden sind." EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani schlug EU-Abgeordneten vor, ihr Tagesgehalt für die Finanzierung des Wiederaufbaus zu spenden.

Deutschland kündigte Unterstützung für sein Nachbarland an. Der französische Präsident habe zur Hilfe für den Wiederaufbau weit über Frankreich hinaus aufgerufen, twitterte Außenminister Heiko Maas. "Deutschland steht dazu in engster Freundschaft bereit", schrieb der SPD-Politiker. "Wir sind in Trauer vereint. Notre-Dame ist kulturelles Erbe der Menschheit und Symbol für Europa."

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bat die Menschen in Deutschland, den Wiederaufbau von Notre-Dame zu unterstützen. Er nehme gerne die entsprechende Bitte Macrons an die Europäer auf, sagte Steinmeier. "Es ist nicht nur ein großes Bauwerk, es ist ein großes europäisches Wahrzeichen, Wahrzeichen europäischer Kultur und ein wichtiges Dokument europäischer Geschichte." Frankreich sei in dieser Stunde nicht allein.

Der Brand war am Montagabend ausgebrochen und hatte sich dann sehr schnell auf rund 1.000 Quadratmeter ausgebreitet. Die Flammen verwüsteten den Sakralbau, der Dachstuhl stand lichterloh in Flammen. Das Feuer konnte erst am Dienstagmorgen komplett gelöscht werden. Das genaue Ausmaß der Zerstörungen war noch nicht bekannt. Die Pariser Staatsanwaltschaft leitete eine Untersuchung wegen unbeabsichtigter Zerstörung durch Feuer ein, von Brandstiftung war bislang nicht die Rede. Der Brand könnte mit Bauarbeiten auf dem Dach der Kirche zusammenhängen. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte am Abend erklärt, das Schlimmste sei verhindert worden.  

Wie sich der Brand in Notre-Dame entwickelte

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Eine internationale Geberkonferenz soll nun Geld für den angestrebten Wiederaufbau sammeln. Einen entsprechenden Vorschlag verkündete die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo per Twitter. Sie wolle die Spenderkonferenz im Rathaus von Paris veranstalten, um die notwendigen Mittel für den Wiederaufbau der Kathedrale zusammenzubekommen.

Russland und Polen wollen Experten nach Paris schicken

So wie Tusk forderte auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer eine europaweite Spendenbereitschaft. "Ich wünsche mir die gleiche Solidarität und Unterstützung, die wir für die Frauenkirche hier in Dresden bekommen haben, jetzt auch für Notre-Dame", sagte der CDU-Politiker im MDR. Dies sei "ein Moment, wo man es nicht dem Staat überlassen sollte, sondern wo wir alle miteinander unseren Beitrag leisten können, mit einer Spende". Notre-Dame gehöre "zu uns allen in Europa".

Erste Großspender gibt es bereits: Die Familie des französischen Unternehmers und Milliardärs Bernard Arnault kündigte über Arnaults Luxuslabel LVMH an, sich mit 200 Millionen Euro an der Rekonstruktion beteiligen zu wollen. Zuvor hatte bereits die französische Milliardärsfamilie Pinault 100 Millionen Euro für den Wiederaufbau versprochen. Die extrem wohlhabenden Franzosen Arnault und Pinault sind als Kunstliebhaber, Mäzene und Konkurrenten bekannt.

Hilfsangebote kamen auch aus Russland. Dort bot Präsident Wladimir Putin die Hilfe von russischen Spezialisten beim Wiederaufbau von Notre-Dame an. "Er schlug vor, die besten Experten nach Frankreich zu schicken. Sie haben große Erfahrung in der Restaurierung von Weltkulturerbe", teilte der Kreml mit. Die Kathedrale sei ein unschätzbarer kultureller Wert für Europa und die ganze Welt, sagte der russische Präsident in einem Schreiben an seinen französischen Kollegen Macron. "Das Unglück, das in dieser Nacht geschehen ist, schmerzt auch in den Herzen der Russen."

Auch der polnische Präsident Andrzej Duda habe seinem französischen Amtskollegen Unterstützung angeboten, sagte ein Sprecher. Als Geste europäischer Solidarität könne Polen etwa Restaurierungsexperten nach Paris schicken.

Paris - Brand zerstört Dachstuhl von Notre-Dame Die Kathedrale Notre-Dame de Paris stand bis in die Nacht in Flammen. Die Ermittlungsbehörden gehen aktuell von einem Unglück aus. © Foto: Benoit Tessier/Reuters

"Es geht da um Jahrzehnte"

Architekten und weitere Experten wollen nun darüber beraten, ob die Kathedrale stabil ist. Wie lange der Wiederaufbau dauert, ist noch unklar. Der Kölner Dombaumeister Peter Füssenich rechnet mit Jahrzehnten. "Jetzt zu spekulieren, wie lange der Wiederaufbau dauern und was er kosten wird, ist ein Blick in die Glaskugel", sagte Füssenich. "Aber allein wenn man die Fernsehbilder gesehen hat, weiß man, dass es nicht nur Jahre sein werden, bis der letzte Schaden beseitigt ist, sondern dass es da um Jahrzehnte geht."

Die nächsten Tage seien nun entscheidend, sagte der Experte. Die steinernen Deckengewölbe unterhalb des verbrannten Dachstuhls hätten sich mit Löschwasser vollgesogen. "Das hat dazu geführt, dass es zu einer Gewichtszunahme der überwölbten Decken um ein Vielfaches gekommen ist. Man wird die nächsten Tage abwarten müssen, ob die Gewölbe standhalten trotz dieses Gewichts." Die Zerstörung des Dachstuhls von Notre-Dame sei ein besonders großer Verlust, weil er überwiegend noch aus dem 13. Jahrhundert gestammt habe.

Notre-Dame - "Wenn man eine Kirche brennen sieht, ist das immer ein tragisches Ereignis" Den Großbrand in der Pariser Kathedrale nennt der Kölner Dombaumeister Peter Füssenich eine europäische Tragödie. Für den Kölner Dom gebe es vorbeugenden Brandschutz. © Foto: Oliver Berg