2. Verschwörungstheoretische Settings

Neben gewaltbegünstigenden Hassformaten fallen neurechte Gruppierungen vor allem durch verschwörungstheoretische Ambitionen auf. Nazismus, Rassismus und Partikularismus bieten seit jeher Akteuren Raum, die davon ausgehen, hinter allen Dingen und Menschen den großen Zusammenhang ermitteln zu können. Das sieht oft ziemlich anrührend und unfreiwillig komisch aus: Kaum etwas wirkt putziger als ein hartgesottener Rechtsextremist, der mit trotzigem Eifer an ein machtvoll-steuerndes Jenseits glaubt.  

Wer allerdings immer nur das Niedliche im Extremen betont, neigt dazu, dessen kommunikative Wirkung zu unterschätzen. Das erweist sich im Fall bewusst designter Verschwörungstheorien als ausnehmend folgenreich. Es wird besonders deutlich angesichts jüngerer Postings, die etwa die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg dazu benutzen, das Narrativ der jüdischen Weltverschwörung zu propagieren.

George Soros als dunkle Macht hinter Greta Thunberg in einem Tweet © Screenshot: Twitter

Auf Twitter und Facebook zirkulieren Hunderte plakatähnliche Collagen, die – mithilfe digitaler Bildbearbeitung – sämtliche Formen des eliminatorischen Antisemitismus ausgestalten. Eine der meistgeteilten zeigt Thunberg vor einer schwarzen Tafel. Im Hintergrund zeichnen sich die Konturen des Investors George Soros und ein glühendes Augenpaar ab, im Vordergrund prangen Statistiken und Kommentare. Ganz offenkundig dient Soros dabei als Urtyp des ewigen Juden, als Strippenzieher des Kapitals, der nationale Souveränität unterwandern will, um sein Weltjudentum in Machtapparaten zu installieren. Thunberg, von vielen Rechten notorisch als "behindert" deklariert, wird als dessen Opfer präsentiert.

Thunbergs Kritik an der Klimapolitik westlicher Staaten wird zum Mittel versteckter Zwecke umgedeutet: Im Klimaaktivismus entfalte der bedrohliche Jude seine machtbesessene Verschlagenheit. Er reagiere opportunistisch auf die Zeichen der Zeit und vereine Mehrheitsgesellschaften hinter sich, um sie hernach besonders wirkungsvoll unterdrücken und ausbeuten zu können.

Die Funktion solcher Designlösungen unterscheidet sich von den oben genannten impliziten Gewaltaufrufen. Rechtsextreme Verschwörungsbotschaften wollen Gemeinschaften aus Wissenden und Erkennenden schaffen und sie ideologisch festigen. Es geht nie darum, konkrete Beziehungen und belastbare Einflussnahmen nachzuweisen, sondern einzig darum, über eine allgemein zugängliche, hinlänglich diffuse Ästhetik einen vorgeblichen Gesamtzusammenhang ins Gespräch zu bringen.

Indem das Weltjudentum als ebenso hartnäckige wie vielfach unerkannte Gefahr dargestellt wird, will man einen inneren Zirkel der letzten Aufrechten beschwören und Gefühle der Teilhabe erzeugen: Wer die Verschwörung als gegeben annimmt, erlangt Zugang zur Gruppe der Offenbarenden. Es sind solche kryptoreligiösen, neonazistisch-esoterischen Dynamiken, die die Hasskommunikation in den sozialen Medien bestimmen.

Folglich überrascht nicht, dass ihre Wirkung weit über die digitale Sphäre hinausreicht. Gerade der Verschwörungshass der Neuen Rechten ist ein kommunikatives Mittel, das wegen seiner Bedienfreundlichkeit auf allen Ebenen der Bewegung ausgespielt wird. So war es nur eine Frage der Zeit, bis sich AfD-Politiker anschickten, einen Verschwörungsmythos auf höchster parlamentarischer Ebene nachzubeten.

Marc Jongen, kulturpolitischer Sprecher der AfD, sprach am 15. März im Bundestag davon, "genauer hinzuschauen auf die Hintermänner und -frauen" der "Klima-Greta". In seiner Rede ging es um "geschäftstüchtige Eltern" und "findige NGOs", um die "mächtige Klimalobby", um "ein krankes Kind", das am "Asperger-Syndrom" leide und zudem in einer "professionell inszenierten Kampagne missbraucht" werde. Bis in Stil und Begriffe hinein glichen Jongens Äußerungen im Parlament jenen Hassmustern, die in Facebook und Twitter ausgeprägt werden.