3. Interaktive Bastelarbeiten 

Darüber hinaus ist ein drittes Phänomen zentral: der Versuch, über interaktive Werkzeuge anderen zu ermöglichen, eigene Hassmuster unendlich oft zu wiederholen. Konkret handelt es sich um grafische Vorlagen, die sich dazu benutzen lassen, mit immer neuen Inhalten gefüllt zu werden. So artikuliert sich beispielsweise die Hetze gegen Muslime seit 2015 oft auf besonders zynische Weise in einer wiederum schwarzen Tafel: Mit der phonetisch-grafischen Anspielung "Der goldene Surensohn" soll ein diskriminierender "Integrationspreis für ganz besondere Muslime" vergeben werden.

Entscheidend ist dabei ein kleines integriertes Fenster. In dieses sollen aufgefundene Hassbotschaften und Hetzkommentare irgendwelcher Personen einkopiert werden, die offenbar der Gruppe der Muslime in Deutschland zugeordnet werden. Somit kommt es zu einer verschachtelten, aber gerade deshalb dem Fremdenhass äußerst zuträglichen Kommunikationspraxis: Nicht der eigene Hass wird thematisiert, sondern es geht darum, die verbalen Entgleisungen der anderen zu finden und einzurahmen. Stellt man die Aggression anderer mithilfe dieses Tools aus, erhebt man sich selbst in die Position eines plattforminternen Aufklärers, der für ausgleichende Verhältnisse sorgt.

Tatsächlich aber bedient, wer solche Tools befüllt und verbreitet, ein rechtsextremistisches Denunziantentum. Er bestätigt als Teil einer konzertierten Aktion, dass Muslime wegen ihrer angeblichen Verachtung alles Abendländischen aus westlichen Gesellschaften herauszuhalten seien. Damit zeigt sich auch hier der Hass nicht explizit. Vielmehr spielt er mit der Unbeholfenheit einer nutzergenerierten Bastelarbeit. Was vergleichsweise harmlos wirkt, ist ein medienästhetisches Schmiermittel, das den Hass auf andere zu popularisieren hilft. Diese auf den ersten Blick so unbedarfte Hetze streift Springerstiefel und Bomberjacke ab – und vermählt sich mit der vermeintlichen Leichtigkeit einer herrschenden Populärkultur.  

Was ist zu tun?

Der Hass in den sozialen Medien ist kein Hass, der sich in den Netzwerken erschöpft. Hier werden ästhetische Modelle der Hetze eingeübt, um ideologische Setzungen zu verstärken und reale diskriminierende Handlungen vorzubereiten. Nur: Wie ist diesen Praktiken zu begegnen, ohne sie gleichsam zu legitimieren?

Es bräuchte eine ästhetische Rückeroberung jener Felder, die die Neue Rechte mit ihren Hassaktionen in den sozialen Medien zu besetzen versucht. Wer ihren Hass schwächen möchte, muss verstehen, wie er funktioniert. Dann ist es auch möglich, souverän darauf zu reagieren: durch ironische Brechungen, satirische Überformungen, hyperaffirmative Überdrehung oder durch bloße Analysen.  

Gerade letztere erweisen sich als besonders wirksame Mittel. Wer solche Ausdrucksformen des Hasses in ihre Strukturen zerlegt, steht kaum mehr in der Gefahr, sich von ihnen vereinnahmen zu lassen. Der reflektierte Umgang mit rechtsextremistischem Hass entzieht ihm die Kraft, die er sich selbst zuweist. Empörungen hingegen verstärken nur, wogegen sie sich wenden.