ZEIT ONLINE: Sehr gern. Grundkurs Nummer zwei.

Weber: Helvetica gehört zu den serifenlosen Schrifttypen, auch Sans Serif genannt.

ZEIT ONLINE: Serifen sind die kleinen Querstriche an den Enden der Buchstaben. Wie bei Times New Roman zum Beispiel oder der Schriftart Franziska, in der dieses Interview hier erscheint.

Weber: Genau. Bis ins 18. Jahrhundert wurden nur Serifenschriften verwendet. Sie entsprachen dem antiken Idealbild, haben eine gewisse Stabilität, durch die Füßchen, und unterstützen den Lauf des Auges. In langen Texten wie in Büchern sind sie angenehmer zu lesen. Ende des 18. Jahrhunderts hat man angefangen, die Schriften zu vereinfachen: Das Wort "Notausgang" braucht keinen guten Lesefluss, sondern muss ins Auge springen. Hier begann der Übergang vom Textdesign zum Informationsdesign.

Roth: Serifenschriften wirken meist elegant, Sans Serifs eher funktional. Die meisten Leitsysteme der Welt sollen nicht elegant sein, die sollen verstanden werden. Wenn ich aber zum Beispiel die Vogue durchblättere, sehe ich viele lang gezogene Serifenschriften. Das ist für die Vogue ein Mittel, um Weiblichkeit und Sinnlichkeit auszudrücken. In einem Magazin wie Beef hingegen oder einem Mountainbike-Heft trifft man oft auf sogenannte Slab Serifs, die ganz dicke Füßchen haben, wie Arbeitsstiefel.

ZEIT ONLINE: Die Serifenschrift Times New Roman kennt eigentlich jeder. Wenn sie ein Designobjekt wäre und Sie sie mit Helvetica Now vergleichen müssten, was käme Ihnen in den Sinn?

Weber: Die Times New Roman ist vielleicht der formelle Anzug, mit dem ich in die Oper gehe. Helvetica wäre der schwarze Rollkragenpullover, schlicht, einfach, neutral.

Roth: Helvetica in der Displaygröße, also auf Plakaten, ist für mich so etwas wie ein Citroën DS. Ein Auto mit vier Rädern, aus Stahl, das aber in seinen Formen absolut sinnlich ist. Das Gegenteil von einem Volvo, der wäre eine Slab Serif. Den Citroën will man anfassen, weil er so schön ist. Das erinnert mich an die Formen der Helvetica. Sie sieht zwar aus, als hätte man bloß einen Draht gebogen, aber wenn man sich zum Beispiel diesen kleinen Tropfen im a anguckt und das angeschrägte Beinchen beim R – das muss man so nicht gestalten, das ist reine Zier.

Weber: Die Helvetica ist ja keine rein geometrische Schrift, sie hat ja auch sehr bewegte Züge, die sie sympathisch machen. Das kleine a mit diesem Weißraum in Form eines Auges ist eben so ein Markenzeichen der Schrift. Ich denke, es war ein natürlicher Weg, dass sich viele Marken diese Schrift angeeignet haben.

Roth: Der Erfolg von Helvetica beruhte damals aber auch auf glücklicher Fügung und Strategie. Es lag nicht nur an den Designern, die damals als die besten der Welt galten. Auch am Marketing.

ZEIT ONLINE: Wie vermarktet man eine Schrift?

Roth: Die Entwickler haben damals zum Beispiel eng mit pharmazeutischen Unternehmen gearbeitet, die Testfonts bekommen haben, um auszuprobieren, ob die Schrift zweckmäßig ist. Und dann wurden Lizenzverträge mit Herstellern von Setzmaschinen geschlossen, sodass fast jeder, der etwas drucken wollte, Helvetica benutzen konnte.

ZEIT ONLINE: Das ist natürlich eine Zugangsbeschränkung, die man sich heute kaum noch vorstellen kann.

Nicht bloß funktional: der Tropfen im a und das Bein vom R © Monotype/​Illustration: Christoph Rauscher für ZEIT ONLINE

Roth: Ja, heute kauft man einfach eine Schriftart, lädt sie runter und sie funktioniert dann zu Hause auf Mac oder Windows. Das ging früher so nicht. Dass Helvetica aber damals schon so leicht verfügbar war, hat die Grafikdesigner beflügelt, sie konnten gut mit ihr arbeiten. Oft heißt es, Helvetica habe den Zeitgeist getroffen und sei deshalb so erfolgreich geworden. Aber ohne das Marketing … wer weiß, welche andere Schrift sonst so populär geworden wäre. Vielleicht die Gill Sans.

ZEIT ONLINE: Angesichts dieses kulturhistorischen Erbes – ist es Reiz oder Bürde, die Helvetica zu überarbeiten?

Weber: Ich würde es vielleicht mit der Restaurierung eines gerühmten Gemäldes vergleichen: Ob man den Firnis abzieht oder ihn erhält, weil wir das Gemälde seit Jahrzehnten so kennen, das ist schon eine große Herausforderung. Es gab deshalb auch ein richtiges Komitee aus Schriftdesignern, das entschieden hat, was wir gemeinsam anfassen und was wir lieber so lassen.

ZEIT ONLINE: Sie haben jetzt mehr als 500 neue Zeichen gestaltet, die vorher nicht zum Schriftsatz von Helvetica gehörten. Was kam alles dazu?