Weber: Akzente, Pfeile, Zahlen. Wir haben uns gefragt: Was brauchen Designer heute, um mit dieser Schrift zu gestalten? Jetzt können sie die quadratischen Punkte in Buchstaben und Satzeichen durch runde ersetzen. Es gibt Ziffern auf Kreisflächen und im Ring, zum Beispiel für Leitsysteme. ​Das vor 20 Jahren ergänzte Euro-Zeichen hatte nicht die bekannte Helvetica-Stabilität. Jetzt fügt es sich harmonisch ins Schriftbild.

ZEIT ONLINE: Es gibt inzwischen so viele Wörter, in denen das @ als phonetischer Buchstabe vorkommt, und meistens sieht es aus wie ein Störkörper.

Roth: Das @ haben wir komplett neu gestaltet. Dieses Zeichen gab es ja früher nicht und es wurde einfach generisch aus einer anderen Schriftart eingefügt. Es ist ein sehr komplexer Buchstabe, es passiert sehr viel auf kleinem Raum. Und je fetter der Schriftgrad, desto schwieriger und interessanter für uns. Man sieht dann viele Zeichen mit anderen Augen. Das Rautezeichen zum Beispiel hat früher keiner benutzt. Jetzt als Hashtag ist es wichtig und deshalb haben wir genau hingeguckt: Ist das ein schöner Rhombus in der Mitte, sieht es gut aus?

ZEIT ONLINE: Gibt es jetzt ein großes ß?

Roth: Oh ja, das Versal-sz. Das wurde ja erst vor zwei Jahren eingeführt. Es gibt dafür auch keine richtige Konvention, wie das zu entwerfen ist. Man hat sehr viel Spielraum. Wir fanden es schön, wenn man das z und das s miteinander in einem Zeichen spielen lässt.

Das neue Versal-ß vereint die Formen von s und z. © Monotype/​Illustration: Christoph Rauscher für ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Ah, daher der Zacken oben und der geschwungene Bauch unten. Was für eine schöne Symbiose. Apropos Großbuchstaben: Es ist doch auffällig, dass viele Lifestyleprodukte für eine Instagram-affine Zielgruppe mit serifenlosen Versalienschriften vermarktet werden. Was bedeutet das?

Roth: Ich finde es großartig, dass sich die Logos kaum noch unterscheiden. Denn alle Marken haben trotzdem ihre eigene Bildwelt, alle Läden riechen anders, die Verkäufer sind freundlich oder unfreundlich, je nachdem, wie sie bezahlt oder ausgebildet sind. Und im Social-Media-Bereich ist deine Marke nicht das Logo, es ist die Story, die du erzählst.

Weber: Ich finde es schon problematisch, dass sich die Schriftlogos irgendwann kaum noch voneinander unterscheiden. Es ist tatsächlich ein Trend und ein Bedürfnis der Designer selbst, ein möglichst cleanes und cooles Design zu entwickeln. Man sieht das zum Beispiel im neuen Schriftzug von Douglas – der alte geschwungene wurde ersetzt, einfach weil es ein Trend ist. Ich bin davon überzeugt, dass sich das wieder beruhigt. Das ist ja ein Ergebnis der Globalisierung, man kann online weltweit beobachten, was die anderen machen. Und viele Designbüros wollten eben möglichst einfach und sleek werden.

ZEIT ONLINE: Helvetica soll ja sicherlich auch weltweit funktionieren. Ist das eine besondere Schwierigkeit?

Roth: Man geht ja leichtfertig davon aus, dass die lateinische Schrift überall auf dieselbe Weise gelesen wird. Aber schon in Italien wird sie anders, feinfühliger wahrgenommen. Im arabischen Raum ist es dann richtig schwer, die richtige Tonalität zu finden. In Beirut werden sehr moderne Formen akzeptiert, in Saudi-Arabien ist man etwas traditioneller eingestellt. Weil typografische und technische Entwicklungen aus dem Westen dort im Grunde erst ankamen, als man wirtschaftliches Potenzial darin gesehen hat.

ZEIT ONLINE: Wie gehen Sie denn vor, wenn Sie eine lateinische Schrift für den arabischen oder indischen Raum designen sollen, ohne all diese kulturellen Sensibilitäten zu kennen?

Roth: Wir haben Berater vor Ort, die uns dann sagen: Leute, der nordafrikanische Font, euer Maghribi, funktioniert bei uns im Mittleren Osten nicht. Man kann auch online recherchieren, aber nicht bei Wikipedia. Wir suchen zum Beispiel nach Restaurant-Menüs in dem jeweiligen Land und schauen, wie die Zeichen gesetzt sind. Das kann eine Pommesbude sein, an deren Rupienzeichen wir uns orientieren. Denn da passiert das Leben. Dann wissen wir: Wenn die Leute in Neu-Delhi das so benutzen, können sie es auch lesen.