Ein tatsächlicher Zusammenhang zwischen massenhafter Reisetätigkeit und deren sozialmedialer Abbildung lässt sich aber freilich herstellen. Das mittlerweile schwer begähnte Phänomen der Filterblase lügt nicht, wenn man Instagram öffnet: Die Erlebnislust der Kernnutzergruppe der Millennials ist ebenso überdurchschnittlich wie deren Hang, Bilder von diesen Erlebnissen zu teilen. Im Jahr 2017 wuchs die Zahl der Reisen, die Menschen der Geburtsjahrgänge 1980 bis 2000 angetreten haben, um 15 Prozent und damit doppelt so stark wie die gesamte weltweite Reisetätigkeit; 40 Prozent des weltweiten Umsatzes der Tourismusindustrie trugen in jenem Jahr Millennials bei, die also mittlerweile die wichtigste Altersgruppe für Reiseveranstalter sind – und nicht etwa rüstige Rentner.  

Die unmittelbarste und belegbare Auswirkung sozialmedialen Bilderteilens auf die reale Welt zeigt sich durch das Geotagging, das Markieren von Orten etwa auf Instagram. Obwohl die gesamte Erdoberfläche längst kartografiert und entsprechend eigentlich von Touristen in Gänze abfotografiert ist – sogenannte Geheimtipps oder unentdeckte Stellen also nicht mehr existieren –, scheint das Bedürfnis, auch noch den letzten vermeintlich unberührten Winkel unseres Heimatplaneten abzulichten, eher noch zu steigen. Ein besonders trauriges Beispiel hat die Nachrichtenseite Vox mit dem Horseshoe Bend dokumentiert, einer extrem fotogenen, aber eigentlich im absoluten Nirgendwo Arizonas befindlichen Flussbiegung des Colorado River: Die Stelle kannten vor ein paar Jahrzehnten nicht mal Einheimische, heute ist sie überlaufen von Touristen, die das immer gleiche eine Bild machen wollen, das längst in unzähligen, nahezu identischen Varianten auf Instagram existiert. Das Geotagging des Ortes auf den Fotos erleichtert es extrem, ihn zu finden; sein vermeintliches Geheimnis ist so verloren gegangen. Das Hashtag #horseshoebend wurde auf Instagram bereits 438.000 Mal gesetzt.

Den Blick, den reisende Menschen auf Orte werfen, hat der britische Soziologe John Urry in seinem 1990 erschienenen gleichnamigen Buch den tourist gaze genannt – in Anlehnung an Michel Foucaults Begriff vom "ärztlichen Blick", der das (Selbst-)Bild des menschlichen Körpers und den Umgang mit dem Tod seit der Entstehung des modernen Klinikwesens fundamental verändert hat. Der touristische Blick hat sich auf unser Selbstbild vielleicht nicht so stark ausgewirkt wie der ärztliche. In die Gestalt der realen Welt allerdings hat der Tourismus sich noch weit mehr eingeschrieben, auch wenn die Errichtung von Krankenhausgebäuden vor allem Großstädte durchaus verändert hat: Der nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Massentourismus hat ganze Regionen und Landstriche bis zur Unkenntlichkeit entstellt, und das wichtigste Gestaltungskriterium etwa von Hotelbauten war dabei die Erfindung einer Idee – die der Aussicht.

Eine Breitseite zum Strand

Die Aussicht bezieht sich noch auf die konkrete Architektur von Gebäuden: Je mehr Zimmer mit Meerblick, desto besser, also stellt man ganze Hotelriegel mit möglichst großer Breitseite zum Strand hin. Mit der massenhaften Verbreitung von Fotokameras jedoch – der Kodakisation, wie Urry das nennt – erweitert sich die Idee der Aussicht bereits Anfang des 20. Jahrhunderts auf den Blick des Touristen überhaupt. Der Mensch hält nicht nur Landschaften und Stadtansichten fotografisch fest, er performt auch vor der Kamera und mit ihr in der Hand sein Touristsein. Der touristische Blick auf die Welt durch die Linse ist immer mitbestimmt davon, etwa professionelle Landschaftsfotografien nachzuahmen, das zeigt sich am Beispiel des Horseshoe Bend bis heute.

Doch in dem Augenblick, da der Tourist seine Reisebegleitung oder gar sich selbst ins Bild schiebt (bis zur Erfindung des Selfies musste er oder sie noch meist andere Menschen ums Auslösen bitten), entwickelt sich ein eigenes Bildgenre. Der Tourist wird im Foto konkreter Teil der Erinnerung an das Erlebnis Reise. Und mit der Erfindung der Digitalkamera und danach des sozialmedialen Fotosharings schließlich wird aus der persönlichen Erinnerung, die mit dem Analogfilm erst nach Ende des Urlaubs entwickelt wurde, die gemeinschaftliche Teilhabe am Erlebnis in Echtzeit: Solange das Mobilnetz stabil genug ist, vergehen nur Sekunden zwischen dem fotografisch festgehaltenen Erlebnis und dem Moment, da sein Abbild für Instagram-Follower sichtbar wird.

Die größte Postkartensammlung der Geschichte

Der 2016 verstorbene John Urry hat The Tourist Gaze zweimal überarbeitet, zuletzt 2011 gemeinsam mit dem Geografen Jonas Larsen. In der letzten Fassung – The Tourist Gaze 3.0 – taucht die inzwischen bedeutungslose Fotoplattform Flickr bereits auf, Instagram jedoch noch nicht. Urry und Larsen ahnten zwar offenbar vor acht Jahren bereits, dass der touristische Blick durch das massenhafte Bilderverbreiten noch eine weitere Rückkopplung erzeugen könnte, täuschten sich hingegen in der möglichen Konsequenz für die reale Welt. Am Ende ihres Buches fragten sie: "Ist es noch notwendig, über weite Distanzen zu verreisen und zu neuen Orten, obwohl wir doch gezeigt haben, dass vieles am Tourismus sich um eher emotionale Geografien dreht und Familienleben und Freundschaften zu performen, gemeinsam mit Menschen, die einem im Alltagsleben mehr oder weniger täglich nahe sind?"

Heute lässt sich auf Instagram feststellen: Man kann das eine tun (soziale Interaktionen abbilden) und braucht das andere (Reisen) offenbar nicht zu lassen, die steigenden Buchungszahlen beweisen das. Instagram ist zugleich eine Selfiehölle und die größte Postkartensammlung in der Menschheitsgeschichte.

Vor allem hat sich der touristische Blick auf eine Weise ausgedehnt, die vor ein paar Jahren vielleicht noch gar nicht vorstellbar gewesen ist: Das ganz am Anfang erwähnte Frühstückstischstandardfoto vom Avocadotoast nebst Kaffeetasse in sonnigem Licht etwa zeichnet sich durch seine demonstrative Ortlosigkeit aus. Es könnte überall auf der Welt aufgenommen worden sein; tatsächlich wird der konkrete Ort, an dem es entstanden ist, absichtlich ausgeblendet. Touristischer kann ein Blick auf die Wirklichkeit gar nicht sein: Wir haben ihn von unseren Reisen mit in unseren Alltag genommen, auch um ihn, den Alltag, besser aussehen zu lassen, als er in Wirklichkeit ist. Das ganze Leben sieht auf Instagram heute wie ein einziger Urlaub aus. 

Das Bild der Avocado ist also nichts als ein Platzhalter, der die Zeit zu überbrücken hilft, bis wir wieder auf Reisen sind. Dorthin, wo wir eigentlich hingehören. Wo das wahre Leben spielt (das wie eine Sammlung von stock photos ausschaut). Wo die Erlebnisse auf uns warten. Wo wir endlich die Touristen sein dürfen, als die wir die Welt längst betrachten.