Trotz der Vorbehalte kann man dem Aufeinandertreffen des Philosophen Slavoj Žižek und des Psychologen Jordan Peterson am vergangenen Karfreitagabend nicht ohne Superlative gerecht werden. 3.000 Zuhörer kamen in Torontos Sony Center, weltweit haben 6.000 für einen Livestream bezahlt. So gesehen war es wohl die in Echtzeit meistrezipierte philosophische Debatte der Geschichte, inklusive einiger Stadionrockmomente wie dem Jubel über Žižeks zwei Doktortitel. In Stimmung kommen sollte das Publikum dieses vermeintlichen Spektakels mit Durchsagen wie: "Let’s give it up for psychoanalysis!"

Was die Vorbehalte anbelangt: Žižek gilt als links, Peterson als rechts. Das war die Prämisse der Debatte, die unter dem Titel stand: Happiness: Capitalism vs. Marxism. Allerdings schien es in der Vorberichterstattung und auch vorab in den sozialen Medien wichtiger zu sein, was beide Diskutanten eint: die Ablehnung der sogenannten Political Correctness. Implizit, so schien es manchen Kommentatoren schon vor dem Ereignis, werde hier an einer Querfront gegen progressive Kräfte gebastelt. Die wohlkalkulierte Provokation ist ohnehin eine Popularitätsgrundlage beider Kontrahenten.

Jordan Peterson wird derzeit von einigen, etwa von der New York Times, als wichtigster Intellektueller der Gegenwart beschrieben. Das scheint vor allem quantitativ gerechtfertigt. Obwohl der kanadische Psychologieprofessor schon seit Langem zum Beispiel in TV-Shows das Rampenlicht sucht, kannte ihn bis vor drei Jahren kaum jemand. Der heutige Ruhm des 57-Jährigen geht auf einige Reden zurück, die er 2016 anlässlich eines Gesetzentwurfs gegen die Diskriminierung von Transgenderpersonen hielt. Darin sagte er zum Beispiel, die Sprachregelungen zu geschlechtsneutralen Pronomen bereiteten den Totalitarismus vor. Anschließend publizierte Peterson das immens erfolgreiche Selbsthilfebuch 12 Rules for Life, das weltweit insbesondere von vielen Männern gelesen wurde. Auf YouTube hat er fast zwei Millionen Abonnenten, auf der Crowdsourcing-Website Patreon erhält er 80.000 Dollar Spenden pro Monat.

Ein paar Lektüretipps

Eine frappierende Asymmetrie zwischen beiden zog sich durch die Debatte, die der slowenische Philosoph initiiert hatte: Peterson, der in fast allen seinen Einlassungen gegen "postmodernen Kulturmarxismus" wetterte, welcher für die angeblich zerstörerische LGBT-Identitätspolitik verantwortlich sei, musste gleich zu Anfang gestehen, er wisse eigentlich gar nicht, was Marxismus sei. Zur Vorbereitung habe er das Kommunistische Manifest gelesen. Und daraus hat er seine hemdsärmelige Dekonstruktion des Marxismus destilliert: Marx charakterisiere die Bourgeoisie als böse, die Proletarier als gut. Und das sei zu einseitig gedacht, da doch Marx selbst die Dynamik der Bourgeoisie hervorhebe, sagte Peterson.

Dass marxistische Sozialkritik nichts mit Moral zu tun hat, versuchte Žižek Peterson später immer wieder zu erklären. Aber Marx sei die Blaupause der LGBT-Identitätspolitik gewesen, meinte Peterson daraufhin, woraufhin Žižek erwiderte: "Ich denke bei Marxisten an Leute, die ökonomische Analysen durchführen. Können Sie mir auch nur einen einzigen Marxisten nennen, der Ihrer Beschreibung entspricht? Ich frage das jetzt nicht, um auf höfliche Art zu sagen, Sie sind ein Idiot und Sie wissen nicht, worüber Sie reden." Herablassend gab Žižek Lektüretipps für Peterson, damit der sich ein besseres Bild vom Marxismus machen könne.

Warum sich Žižek diesen Gegner überhaupt ausgesucht hat, wurde jedoch relativ zügig deutlich: So wie Žižek bereits als Wahlhelfer für die griechische Syriza eingesprungen war, ging es ihm nun offensichtlich auch darum, Stimmung für Bernie Sanders zu machen. Wer wie Peterson und seine Anhänger gegen die Postmoderne sei, müsse gegen Trump und für Sanders sein. Trump sei ein Performer, Sanders ein altmodischer idealistischer Politiker. Žižek konnte sich damit des Jubels der linken Fankurve sicher sein.

Am Ende ist der Mensch doch gut

Ein anderer, etwas dubioser Grund für Žižeks Interesse an diesem Gespräch lag am Schulterschluss gegen die sogenannte Political Correctness. In seinem Eingangsplädoyer sagte Žižek: Er und Peterson würden von linksliberalen Redeverboten und "LGBT-Ideologie" heimgesucht. Sie würden marginalisiert vom akademischen Betrieb. Es fällt allerdings schwer, da eine Marginalisierung zu erkennen: Žižek ist in seinem Metier weltberühmt, Professor für Philosophie in Ljubljana, Institutsdirektor an der University of London sowie regelmäßiger Autor der weltweit wichtigsten Zeitungen.

Okay, und was war nun mit dem Kapitalismus? Der sei schlimm, sagte sogar Peterson, aber ein besseres Wirtschaftssystem würden wir derzeit nicht kennen. Beide waren sich einig, dass die Zerstörung der Natur letztlich einen Haken habe, und auch Peterson musste zugeben, dass verdreckte Meere nicht ganz so toll seien. Peterson, der sich sonst von Moral verfolgt fühlt, wenn sie etablierte Kräfte infrage stellt, klang nun selbst wie ein Moralist: Er vertraue bei den ruinösen Folgen des Kapitalismus am Ende auf das Gute im Menschen.