Vielleicht ist es so: Von richtig und falsch zu reden ist meistens falsch, aber in seltenen Fällen auch das einzig Richtige. Und manchmal ist es auch richtig und falsch zur gleichen Zeit, genauso wie das demokratische Einschwören auf das Aushalten von Ambivalenz selber ambivalent sein kann. 

In der jetzigen Situation jedenfalls scheinen die Demokratien auf der Welt regelrecht in Zugzwang: Sie müssen unter Beweis stellen, dass sie sich der Klimakrise nun endlich wirksam entgegenstellen können. Andernfalls versagt diese Regierungsform vor ihrer bislang größten Herausforderung. Und das könnte bei weiter steigenden Temperaturen die Sehnsucht nach jenem ökoautoritären Durchregieren befördern, das schon jetzt in China mit beachtlichem Erfolg ins Werk gesetzt wird. Die verstörende Schlussfolgerung lautet: Demokratien, die unter allen Umständen an Ambivalenz festhalten und damit ihr Lebenselixier bejahen, setzen gerade damit dieses Lebenselixier aufs Spiel.

Wobei verschärfend hinzukommt, dass die demokratisch verfassten Gesellschaften ja auch noch Großartiges geleistet haben, während sie unter der Hand die Klimakrise vorantrieben. Ein weitgehend soziales, weltoffenen Europa haben sie zum Beispiel geschaffen, einen nicht gekannten Wohlstand; sie haben fantastische technologische Errungenschaften hervorgebracht und ein Bildungsniveau wie nie zuvor. So erscheint es selbstverständlich, dass jeder und jede, der und die an diesem Prozess in den vergangenen sieben Jahrzehnten seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs mitgewirkt hat, ein gewisses Maß an Systemvertrauen entwickelt hat.

Dies Vertrauen ist jedoch – und das ist eine Qualität, die sich üblicherweise mit zunehmendem Alter einstellt – meist mit Skepsis durchwirkt. Wer schon länger auf dieser Welt lebt, hat höchstwahrscheinlich erfahren, wie sich Leute geirrt haben; wie er oder sie sich selbst geirrt hat; wie sich Institutionen und Expertinnen geirrt haben – mit Vorhersagen, die nicht eintrafen; mit Überzeugungen, die sich später als unbegründet herausstellten; mit Handlungen, die gut gemeint waren, aber schlimme Folgen gezeitigt haben. 

Man möchte ja nicht als Alarmist dastehen

Bestenfalls wird man durch diese Erfahrung bescheiden, was das eigene Urteil und das der Anderen betrifft, und wird vorsichtiger mit eigenen Aussagen. Könnte die Klimakatastrophe also nicht auch weniger katastrophal ausfallen als behauptet, denn auch die Klimawissenschaft könnte sich ja irren? Wer allen ihren apokalyptischen Warnungen Glauben geschenkt hat, würde dann womöglich rückwirkend als bloßer Alarmist dastehen.

Die Bereitschaft zum Zweifeln mag unterschiedlich groß ausgeprägt und ein individuelles Persönlichkeitsmerkmal sein. Sie lässt sich aber auch mit geistesgeschichtlichen Gedankenfiguren flankieren. Beginnt unsere Epoche Hannah Arendt zufolge nicht eben mit Descartes Satz "de omnibus dubitandum", an allem sei zu zweifeln? Ist nicht nach Nietzsche und Karl Mannheim ohnehin jedes Wissen verschleiert von Illusionen, perspektivisch, standortgebunden – und geht notwendig mit Unwahrheit und blinden Flecken einher? Ist nicht auch Wissen nur ein Sprachspiel (Wittgenstein) oder ein Machtspiel (Foucault), ganz sicher aber sozial konstruiert? Sodass auch die Vorhersagen und Ansichten der Klimawissenschaftler vielleicht mehr über den Wissenschaftsbetrieb und den homo academicus (Bourdieu) aussagen als über das kommende Klima?