Die Offenheit schottet sich ab

Bei der Suche nach Erklärungen für die gegenwärtige Polarisierung und Radikalisierung von Politik ist es verlockend, sich auf die Wählergruppen zu konzentrieren, die sich von den Volksparteien abgewendet haben und stattdessen nun populistische Positionen unterstützen. So wird seit einigen Jahren beispielsweise viel über die Nöte und Ängste der einfachen Angestellten, Arbeiter und kleinen Beamten geschrieben, die, bevor sie sich radikalisierten, treue Wähler der politischen Linken gewesen waren. Die Teile des Elektorats, die diesen Kursschwenk nicht mitgemacht haben und heute entweder für die modernisierten Überbleibsel der ehemaligen Volksparteien oder für deren Nachfolger, wie etwa Emmanuel Macrons République en Marche, stimmen, ziehen hingegen deutlich weniger Interesse auf sich. Das ist insofern kurios, als es sich dabei mehrheitlich um gut ausgebildete, international versierte, wirtschaftlich chancenreiche, ökologisch bewusste, oftmals junge, multikulturell eingestellte, urban lebende "liberale Eliten" handelt.

Diese in der politikwissenschaftlichen Forschung als "soziokulturell Berufstätige" ("socio-cultural professionals") bezeichnete Gruppe besitzt die Ausbildung, die (Perspektive auf die) finanziellen Mittel sowie das soziale Kapital, um politische Prozesse deutlich stärker in ihrem Sinne zu beeinflussen, als das den Wählergruppen möglich ist, die zu den Populisten abgewandert sind. Ihr Erscheinen, ihr Erstarken und ihr Einflussgewinn seit den Babyboomern der 1960er Jahre spiegelt die Radikalität des ökonomisch-kulturellen Wandels unserer Zeit mindestens genauso sehr wider wie das Auftreten seiner Verlierer und Opponenten in den populistischen Bewegungen. Umso wichtiger erscheint daher ein Fokus auf gerade diesen Teil des Wahlvolks – und auf den mit seinem Erstarken verbundenen politischen Wandel.

Nostalgievorwurf und liberale Ideologisierung

Wenn die neuen Eliten wirklich ausschlaggebende Wähler sind, woher kommt es dann, dass wir ihnen eine eher reaktive Rolle für den aktuellen Prozess der Polarisierung zuzuschreiben scheinen? Ist es nicht widersprüchlich anzunehmen, dass ausgerechnet die neuen Bildungsoberschichten höchstens durch unbeabsichtigte Fehler, quasi indirekt, zum Erstarken der Populisten beigetragen haben? Wäre es nicht viel eher denkbar, dass diese Gruppe, wie in anderen Fragen auch, ihre Ressourcen und Fähigkeiten aktiv genutzt haben könnte, um die Politik in ihrem Sinne zu gestalten, in diesem Falle also: um sie zu polarisieren?

Dass diese Frage selten gestellt wird, ist sicher auch ein Resultat der (Selbst)Beschreibung der nichtpopulistischen Seite als politische "Mitte". Sowohl die Reste der traditionellen Volksparteien als auch ihre Nachfolger stehen eher für Kontinuität. Daher die Annahme, bei ihren Wählern handle es sich um die Gemäßigten, die Pragmatiker in der Mitte zwischen zwei radikalen Gruppen, den Populisten am linken und am rechten Rand des politischen Spektrums.

Eine gewisse Radikalität der Gemäßigten tritt freilich im Vorwurf der "Nostalgie" an die Populisten und ihre Wähler zutage. Denn mit Nostalgie reagiert ja, wer einen schlechterdings unaufhaltsamen Wandel nicht wahrhaben will. Die Pragmatiker machen sich also einen durchaus tiefgreifenden Wandel zu eigen – oder beschreiben zumindest ihre Akzeptanz dieses Wandels als einen zentralen Unterschied zu den Populisten. Dabei ist die "Nachfrage" nach populistischen Positionen zunächst eine ganz und gar nicht gestrige Realität auf dem aktuellen politischen "Markt". Unabhängig davon, ob man entsprechende Forderungen inhaltlich als rückwärtsgewandt einschätzt, müssten sie also aus einer genuin liberal-demokratischen Perspektive zunächst einmal als Ausdruck von Präferenzen im Hier und Jetzt aufgefasst werden. Anstelle des vielproklamierten "Endes der liberalen Demokratie" spiegelt der Aufstieg neuer Kräfte daher zunächst nur das Funktionieren demokratischer Repräsentationsprozesse wider.

Den Populisten wird ihre Wehmut für eine unwiederbringliche Zeit vorgeworfen, wobei mit dieser Wehmut gleichzeitig das Verschwinden eigener pragmatischer Mehrheiten erklärt werden soll. Was wäre das, wenn nicht Nostalgie der sich selbst in der politischen Mitte verortenden "Pragmatiker" für eine gemäßigte Politik, die, nach der Logik des unaufhaltsamen Wandels, heute als genauso unwiederbringlich verschwunden betrachtet werden müsste wie die traditionelle Gesellschaft, die die Populisten vermissen.

Vor allem aber deutet dieser Umstand auf eine zunehmende Ideologisierung des liberalen Projekts hin. Neue politische Mitbewerber werden als eine so nicht vorgesehene Abweichung von einer implizit vorausgesetzten Norm der Politik aufgefasst. Zudem wird ihnen jedwede inhaltliche Dimension abgesprochen – auch wenn ein solcher Diskurs der liberal-demokratischen Grundlogik zuwiderläuft. Die Errichtung von geschlossenen Weltbildern basiert auf der Ausblendung oppositioneller Positionen. Und so unterläuft gerade dem modernen pragmatischen Projekt, das sich als postideologisch und faktenbasiert versteht, die eigene Ideologisierung: Die liberale Idee der Offenheit wird zum geschlossenen Weltbild ausgebaut – bis hin zum Ausschluss jeglicher Position, die als nicht offen genug identifiziert wird.

Vergemeinschaftung statt Vergesellschaftung

Es greift aus diesem Grund auch zu kurz, den sozialdemokratischen Parteien den Ausverkauf wahrhaft linker Politik vorzuwerfen oder den Christdemokraten die Rückkehr zu einem konservativen Profil anzuraten. Die Polarisierung von Politik entlang der Linien der liberalen Ideologisierung ist vielmehr der Ausweis von etwas genuin Neuem, nicht einfach nur das Ende von – wahlweise – traditionellen Wertvorstellungen oder der Politik der Mitte oder der "liberalen Weltordnung". Vielmehr verweist das Entstehen neuer, ideologisch geschlossener Weltbilder unter den soziokulturell Beschäftigten auf dramatisch veränderte Lebens- und Arbeitswirklichkeiten, auf einen tiefgreifenden Wandel kultureller Werte und wirtschaftlicher Produktionsweisen sowie auf geradezu revolutionäre Entwicklungen im Bereich der Technologie. Das ist auch der Grund, warum dieser (im Übrigen größer werdende) Teil des Elektorats mindestens das gleiche Maß an Aufmerksamkeit verdienen sollte wie die Populisten.

Dieser Artikel stammt aus der April-Ausgabe des "Merkur". © Klett-Cotta

Schauen wir also auf die Substanz der Ideologie dieser neuen Eliten. Die Maßgabe der Befreiung von allem, was potentiell die Offenheit von Politik minimieren könnte, führt zu einer Neujustierung ihrer Reichweite. Mithilfe der Typologie Max Webers in Wirtschaft und Gesellschaft könnte man sagen, dass sich politisches Handeln von der weiter gefassten "Vergesellschaftung" zur enger gefassten "Vergemeinschaftung" zurückzuentwickeln scheint, also von einer Aktivität zum Zwecke des (umfassenden) Interessenausgleichs zu einem Handeln auf der (selektiveren) Grundlage von Zusammengehörigkeitsgefühlen. Die Konfrontation zwischen multiplen Bildungs- und Wertegemeinschaften ersetzt zunehmend gesamtgesellschaftliche Aushandlungsprozesse von etwa Einkommens- und Verteilungsfragen.

Der Untergang der alten Volksparteien

Die liberale Identitätspolitik zeigt, wie sich die Vertreter dieser Politik zunehmend den Belangen von Gruppen und Individuen außerhalb der jeweiligen Identitätsgemeinschaft verschließen – Ironie der liberalen Ideologisierung. Umgekehrt garantiert diese neue Politik den Mitgliedern innerhalb der eigenen Gruppe aufgrund von deren größerer Homogenität eine von den Regeln und Zwängen der Interessenausgleichspolitik relativ unbeschwerte Existenz. Die daraus resultierende Abwesenheit von Einschränkungen und Zwängen der Vergesellschaftung bedeutet, dass die Politik der Vergemeinschaftung sehr viel offener ist für die Selbstentfaltung ihrer konstitutiven Individuen.

Konkret wurde diese Logik in der Migrationspolitik sichtbar. Für die Fragen des gesamtgesellschaftlichen Interessenausgleichs – von der kulturellen Integration bis hin zur Konkurrenz unter Niedrigverdienern um ohnehin gekürzte Sozialleistungen – hatte die Bundeskanzlerin ein wenig originelles "Wir schaffen das" in petto. Besser als in diesem "Wir", das diejenigen ausschließt, die nicht an die Schaffbarkeit glauben, kann man die Reduktion der Reichweite von Politik kaum auf den Punkt bringen. Diese fehlende politische Nachhaltigkeit im Hinblick auf die gesamtgesellschaftliche Unterstützung für den Kurs der Offenheit schien aber wenig ins Gewicht zu fallen. Denn in der ohnehin überzeugten liberalen Gemeinschaft avancierte Angela Merkel unterdessen von einer kalten Pragmatikerin zur passionierten Verteidigerin humanitärer Werte.

Derweil zeigte sich bei der Abstimmung zur "Ehe für alle", dass gerade die Sozialdemokratie weiterhin bereit ist, für ihre Ziele einzustehen. Das war ehrenwert. Allerdings belegte es auch, wie unter diesen Zielen Wertüberzeugungen der liberalen Offenheit mittlerweile Fragen des gesamtgesellschaftlichen Interessenausgleichs übertrumpfen. Schließlich trat Angela Merkel 2017 in das zwölfte Jahr ihrer Kanzlerschaft ein. Während acht dieser Jahre hatte eine numerische Mehrheit für eine rot-rot-grüne Koalition im Bundestag bestanden – welche die SPD aber nie zu nutzen bereit gewesen war, obwohl man so sozial- und wirtschaftspolitische Anliegen der (angeblichen) Kernwählerschaft viel entschiedener hätte umsetzen können. Zur Nutzung dieser Mehrheit kam es eben zum ersten (und einzigen) Mal bei der Liberalisierung des Eherechts. Für diese Wertefrage riskierte die SPD den Koalitionsbruch, aber warum nicht auch für die Bürgerversicherung? 1919 hatte die SPD noch gewusst: Eine nachhaltige Mehrheit für liberale Meilensteine wie das Frauenwahlrecht schafft nur, wer über einen vergleichbaren Einsatz für die Verteilungspolitik auch die Unterstützung etwa der traditionellen Arbeiterschaft sicherstellt. Ungebildete Männer, die für das Frauenwahlrecht einstehen. Ein aus heutiger Perspektive geradezu genialer Schachzug – oder einfach nur angewandte Vergesellschaftung?

Heute findet Politik als Prozess der gesellschaftsweiten Aushandlung von Interessen immer weniger statt. Gesamtgesellschaftlich führt das zu Radikalisierung und Polarisierung – als Gegeneinander unterschiedlicher Logiken gruppeninterner Vergemeinschaftung. Und so erreichen auch im Namen der Offenheit verfolgte Politiken schnell die Grenzen dieser Offenheit – nämlich dort, wo andere Gruppen die Dinge anders sehen. Im Extrem kann dies bis zu Überlegungen zur Wiedereinführung des Klassenwahlrechts führen, diesmal nicht mehr entlang von Einkommens-, sondern eben von Bildungsniveaus.

Sterbende Volksparteien

Nirgendwo wird das Ende der interessenausgleichenden Vergesellschaftung deutlicher als im langsamen Sterben der Volksparteien. In ihnen sind soziokulturell Berufstätige über die Jahre immer zahl- und einflussreicher geworden und haben diese programmatisch zu Institutionen der Vergemeinschaftung umgebaut. Gerade die Sozialdemokratie ist so zu einer Bewegung der Gebildeten und des kulturellen Liberalismus geworden. Sie hat dadurch große Teile der schrumpfenden Arbeiterschaft erst an Wahlenthaltung, Konservative und Populisten verloren, bevor die soziokulturell Berufstätigen dann selbst zu grünen oder macronistischen Parteien weitergezogen sind. Zurück bleibt überaltertes, wohl wirklich nur noch nostalgisch zu nennendes Restelektorat.

Der Untergang der alten Volksparteien ist das Korrelat des Aufstiegs der Populisten. Einerseits ist er die Folge strategischer Koalitionsbildungen und parteipolitischer Umorientierungen der Wählerschaft, andererseits Ausdruck der von den Pragmatikern betriebenen Abwicklung von Politik als institutionalisiertem Interessenausgleich. Denn je mehr sich die soziokulturell Berufstätigen von Vergesellschaftung abgewandt haben (erst durch die Umformung, dann durch das Verlassen der Sozialdemokratie), desto weniger moderiert und kanalisiert noch irgendjemand das, was als Folge dieses Mangels an Moderation ungefiltert auf der politischen Bühne erscheint – von Verschwörungstheorien bis hin zum blanken Fremdenhass.

Historisch konnte etwa der von Didier Eribon in Rückkehr nach Reims (2016) so treffend analysierte traditionelle "Alltagsrassissmus" der links wählenden Arbeiterschaft noch moderiert werden, solange soziokulturell Berufstätige bereit waren, sich den "Mühen der Ebene" (Brecht) auszusetzen und in der Vergesellschaftung regelmäßiger Volksparteiarbeit, über Bildungs- und Wertehorizonte hinweg, am institutionellen Interessenausgleich mitzuwirken. Herausforderungen wie etwa Zuwanderung bei gleichzeitiger Abwicklung der Schwerindustrie konnten noch moderiert werden, ohne zu offen rassistischem Populismus zu führen. Heute zeugen Überalterung und damit einhergehend das langsame Wegsterben der Mitglieder der einstigen Volksparteien davon, dass die neuen Eliten für solch institutionalisierten Interessenausgleich nicht mehr zu haben sind.

Wie heute dem Populismus antworten?

Stattdessen tun die entsprechend Ausgebildeten aus der Ferne ihre empörte Abscheu über das in der Provinz zutage tretende Unwesen von Rassismus, Misogynie und Autoritarismus kund. Und so ist das Sterben der Volksparteien auch eng verbunden mit sozialen Absetzungsbewegungen wie etwa dem Wegzug aus der Peripherie in die für weniger Ausgebildete schlicht nicht mehr bezahlbaren Metropolen als zentrale Cluster der neuen Wissensgesellschaft. Analysen zu dieser Zweiteilung des Landes in Zentren und Peripherie haben gerade besonders in Frankreich Konjunktur. Eben dort machte man auch früh mit dem Rechtspopulismus Bekanntschaft, sah dann die Volksparteien verschwinden und ist nun mit den Gelbwesten konfrontiert.

Die Idee der Sozialdemokratie

Die Sozialdemokratie ist immer soziale Demokratie gewesen, im Sinne von inhaltlichen Kernforderungen wie Gerechtigkeit und Solidarität. Noch viel mehr ist sie aber wohl Sozial-Demokratie gewesen, verstanden als ein grundsätzliches, über spezifische Verteilungs- und Umverteilungspolitik hinausgehendes Bekenntnis zur Idee des gesamtgesellschaftlichen Ausgleichs. Anders lässt sich die historische Entscheidung für die Demokratie und gegen die Diktatur einer einzelnen Gemeinschaft, des Proletariats, kaum verstehen. Der sozial-demokratische Anspruch zeigte sich historisch auch in individuellen Politikerbiografien, die beide Seiten der interessenausgleichenden Wählerkoalition in sich trugen und diese dadurch zusammenführen konnten: in Arbeiter- und Kleinbürgermilieus geborene Politiker, die durch Bildung in die erst im Entstehen begriffene Gruppe der soziokulturell Berufstätigen aufgestiegen waren. Politiker wie Willy Brandt standen so gerade für die Sozialdemokratie als integrative, vergesellschaftende Kraft.

Trotz heftiger Anfeindungen von rechts aufgrund seiner Vergangenheit als im Ausland das Naziregime bekämpfender Sozialist führte Brandt, darin ganz "Visionär und Realist" (Peter Merseburger), die SPD 1966 an den Kabinettstisch des CDU-Kanzlers und einstigen NSDAP-Mitglieds Kurt Georg Kiesinger. Anstelle des Rückzugs in die Gemeinschaft der Antifaschisten bemühte sich Brandt um Ausgleich (und nebenbei, ganz pragmatisch, um weiteren Stimmengewinn auf dem Weg ins Kanzleramt). Das bedeutete die Zusammenarbeit mit einer für ihn und viele in seiner Partei zutiefst verdächtigen Seite der Gesellschaft – ein Grundsatz, dem Brandt bekanntlich als Kanzler auch gegenüber den kommunistischen Diktaturen im Osten folgen sollte.

Dass Brandt sich dann mit der Generation seiner sozialdemokratischen "Enkel" ausgerechnet über deren Zögern in der Frage der Wiedervereinigung fast überwarf, mag man als reinen Zufall abtun. Oder man betrachtet die Parallelen zu dem Argument, dass die deutsche Sozialdemokratie seit den 1980er Jahren zunehmend von soziokulturell Berufstätigen gelenkt wurde, die mit entsprechenden Ideen von Gesamtgesellschaft (oder gar "Nation") immer weniger anfangen konnten. Ins Bild passt umgekehrt auch, dass es stattdessen der Spanier Felipe González war, in dem Brandt in den achtziger Jahren seinen politischen Ziehsohn zu erkennen glaubte: ein junger Sozialdemokrat, der die Transition seines Landes zur Demokratie zu gestalten hatte, dabei aber immer einen Blick auf die nur langfristig zu überwindende Realität autoritär-nationalistischer Traditionen in der Gesellschaft behalten musste. "Wandel durch Annäherung" (Egon Bahr) blieb essentiell für dieses Verständnis von Sozialdemokratie.

Von organischen zu mechanischen Gesellschaften

Wie heute dem Populismus antworten? Sich mit den kulturellen Unterschichten gemein machen, wie im sozialdemokratischen Zeitalter, möchten sich die neuen Eliten jedenfalls nicht mehr, und schon gar nicht dauerhaft. Je weiter der Prozess fortschreitet, desto kategorischer wird vielmehr die elitäre Ablehnung: Mit denen ist kein Ausgleich denkbar. So wird es immer weniger möglich, den sich weiter entfaltenden Extremismus noch irgendwie zu moderieren.

Stattdessen greift man auf andere liberal-demokratische Mittel zurück, wie etwa im Fall von Macrons "großer Debatte" als Reaktion auf die Gelbwesten. Allerdings spiegeln diese Mittel eher das Problem selbst wider, anstatt es zu lösen. Denn die Debatte ist ein innovatives Forum, das sicherstellen soll, dass die peripheren bildungskulturellen Unterschichten besser gehört werden. Das ist ehrenwert, aber es demonstriert vor allem einen unveränderten Glauben daran, dass man die individuellen, "richtigen" (also nachgefragten und wirkungsvollen) Inhalte wirksam herausfiltern könnte.

In Anlehnung an Hannah Arendts Definition des Politischen als "acting in concert" könnte man sagen: Die gemäßigte Antwort auf den Populismus erschöpft sich in attending a concert. Man besucht die Unterschichten, um strukturiert zuzuhören. Fragen der dauerhaft institutionalisierten Vergesellschaftung zum nachhaltigen Interessenausgleich, des gemeinsamen Aushandelns, der integrativen Repräsentation, letztlich des täglichen Zusammenlebens, werden allerdings kaum gestellt. An diesen Punkten wäre schließlich der eigentliche Kern der liberalen Ideologie einer gerade von den Zwängen der institutionalisierten Vergellschaftung befreiten Politik betroffen.

Ein radikal-ideologisches Projekt

Was das letztlich für die Form der Gesellschaft bedeutet, lässt sich im Rückgriff auf Émile Durkheim besser verstehen. Im Lichte seiner Theorie erscheint das liberale Projekt letztlich wie ein Unternehmen zum Rückbau der Gesamtgesellschaft selbst, vom "organischen" zum "mechanischen" Niveau. Hatten sich mechanische Gesellschaften noch hauptsächlich entlang der Gemeinsamkeit von Individuen in Gruppen (Stämmen) organisiert, so beruhen moderne, organische Gesellschaften auf der (wirtschaftlichen) Interdependenz ihrer nunmehr funktional differenzierten Teile.

Die Orientierung der soziokulturell Berufstätigen weg von Vergesellschaftung und hin zu Vergemeinschaftung erscheint im Rückgriff auf Durkheim als ein Rückbau von einem einst stärker gesamtintegrierten auf ein zunehmend substrukturiertes Niveau, wie es dereinst für weniger fortgeschrittene Gesellschaften typisch war. Innerhalb der neuen Subgemeinschaften mögen organische Formen teils weiterbestehen – soweit das notwendig ist, denn ihre größere Homogenität führt ja zu der von den Pragmatikern angestrebten geringeren Notwendigkeit von Interessenausgleich und damit zu einer in diesem Sinne "offeneren" Politik.

In manchen Wirtschaftssektoren besitzen etwa Arbeitgeber und -nehmer auch weiterhin ein gemeinsames Interesse an organisch anmutenden Arrangements wie etwa Tarifpartnerschaften. Gesamtgesellschaftlich waren solch ökonomische Beziehungen entlang der traditionellen Links-rechts-Achse der Politik allerdings zentral für die organischen, säkularisierten Gesellschaften der Nachkriegszeit. Heute erscheint die Wiederkehr der zweiten Dimension von Bildungs- und Wertekonflikten als ein Indiz für die Rückkehr zu früheren, mechanischen Gesellschaftsformen. Das Ende der Industriegesellschaft, die bei Durkheim noch die aufziehende organische Moderne verkörpert hatte, scheint auch eine ideologische Bewegung zur Abwicklung des entsprechenden Gesellschaftstypus mit sich zu bringen.

Populistische Rätsel

Die angeblich gemäßigte Politik der Mitte ist also selbst ein radikal-ideologisches Projekt, das auch als solches analysiert werden sollte. Im Populismus findet sie ihr Spiegelbild: die radikale Einforderung einer Gesellschaft voller Regeln und Zwänge und Grenzen. Das Resultat des pragmatischen Projekts ist die Polarisierung von Gesellschaft in einen Teil, der mit ihr bestenfalls keinen Zweck mehr verbindet oder sie im schlechtesten Fall zurückbauen will; und einen anderen Teil, der sie dagegen verteidigen oder gar ins Totale projizieren will.

Der radikal-ideologische Gehalt des pragmatischen Projekts zeigt sich zum Beispiel in der Ratlosigkeit gegenüber dem Verhalten von Wählern populistischer Parteien, etwa in Bezug auf Migrationsfragen. Ein gängiges Rätsel in diesem Zusammenhang ist die Frage, warum Wähler migrationsfeindlicher Parteien oftmals in Regionen leben, in denen die Zuwanderung niedrig ist.  Offenbar werden Wahlentscheidungen nur dann als valide betrachtet, wenn sie auf das individuelle Erleben des direkten, eigenen Umfelds zurückgeführt werden können. Ähnliches gilt für das Erstaunen über die anhaltende politische Bedeutung der Migrationsfrage für viele Wähler, trotz der mittlerweile wieder gesunkenen Zahl neu ankommender Migranten. Normativer Streit über die Gesamtgesellschaft außerhalb des individuell, direkt und momentan erfahrbaren Umfelds wird offenbar  ausgeblendet. Stattdessen sieht man in ihm den Beleg für die Demagogie der Populisten und die Ignoranz ihrer Wähler.

Die Liberalen haben auch darum so große Schwierigkeiten, den Populismus zu verstehen, weil viele Kommentatoren selbst mittlerweile in vielen ihrer Grundannahmen fest auf einer Seite der neuen Polarisierung verankert sind. Das kann nicht überraschen, denn Akademiker, Journalisten, Analysten gehören ja zum Kern der soziokulturell Beschäftigten. In der praktischen Politik wird organische Vergesellschaftung also als tendenziell "nicht offen genug" abgelehnt; analog dazu werden in der Analyse normativ-gesellschaftliche Aspekte von Politik zunehmend als Störfaktoren wegreduziert und ersetzt durch einen Fokus auf vorgelagerte Präferenzen von Individuum oder Gruppe.

Über den Wandel von Gesellschaftskonzeptionen als zentralem Aspekt von Politik sagen uns entsprechende Zugänge aber wenig. Und so können diese Analysen denn auch suggerieren, die Idee der Sozialdemokratie sei noch zu retten – solange das Label noch existiere. Vergewissern wir uns aber noch einmal der Möglichkeit, dass die neue Polarisierung gerade entlang der Frage des Bestehens von Gesellschaft selbst auftritt. Vor diesem Hintergrund zeichnen viele Kommentare zum Populismus Bilder von Politik und Gesellschaft, die einfach zu gut korrelieren mit der normativen, letztlich gesellschaftsskeptischen Auffassung auf der selbsternannt gemäßigten Seite.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Merkur, Heft 839/2019.