Die liberale Identitätspolitik zeigt, wie sich die Vertreter dieser Politik zunehmend den Belangen von Gruppen und Individuen außerhalb der jeweiligen Identitätsgemeinschaft verschließen – Ironie der liberalen Ideologisierung. Umgekehrt garantiert diese neue Politik den Mitgliedern innerhalb der eigenen Gruppe aufgrund von deren größerer Homogenität eine von den Regeln und Zwängen der Interessenausgleichspolitik relativ unbeschwerte Existenz. Die daraus resultierende Abwesenheit von Einschränkungen und Zwängen der Vergesellschaftung bedeutet, dass die Politik der Vergemeinschaftung sehr viel offener ist für die Selbstentfaltung ihrer konstitutiven Individuen.

Konkret wurde diese Logik in der Migrationspolitik sichtbar. Für die Fragen des gesamtgesellschaftlichen Interessenausgleichs – von der kulturellen Integration bis hin zur Konkurrenz unter Niedrigverdienern um ohnehin gekürzte Sozialleistungen – hatte die Bundeskanzlerin ein wenig originelles "Wir schaffen das" in petto. Besser als in diesem "Wir", das diejenigen ausschließt, die nicht an die Schaffbarkeit glauben, kann man die Reduktion der Reichweite von Politik kaum auf den Punkt bringen. Diese fehlende politische Nachhaltigkeit im Hinblick auf die gesamtgesellschaftliche Unterstützung für den Kurs der Offenheit schien aber wenig ins Gewicht zu fallen. Denn in der ohnehin überzeugten liberalen Gemeinschaft avancierte Angela Merkel unterdessen von einer kalten Pragmatikerin zur passionierten Verteidigerin humanitärer Werte.

Derweil zeigte sich bei der Abstimmung zur "Ehe für alle", dass gerade die Sozialdemokratie weiterhin bereit ist, für ihre Ziele einzustehen. Das war ehrenwert. Allerdings belegte es auch, wie unter diesen Zielen Wertüberzeugungen der liberalen Offenheit mittlerweile Fragen des gesamtgesellschaftlichen Interessenausgleichs übertrumpfen. Schließlich trat Angela Merkel 2017 in das zwölfte Jahr ihrer Kanzlerschaft ein. Während acht dieser Jahre hatte eine numerische Mehrheit für eine rot-rot-grüne Koalition im Bundestag bestanden – welche die SPD aber nie zu nutzen bereit gewesen war, obwohl man so sozial- und wirtschaftspolitische Anliegen der (angeblichen) Kernwählerschaft viel entschiedener hätte umsetzen können. Zur Nutzung dieser Mehrheit kam es eben zum ersten (und einzigen) Mal bei der Liberalisierung des Eherechts. Für diese Wertefrage riskierte die SPD den Koalitionsbruch, aber warum nicht auch für die Bürgerversicherung? 1919 hatte die SPD noch gewusst: Eine nachhaltige Mehrheit für liberale Meilensteine wie das Frauenwahlrecht schafft nur, wer über einen vergleichbaren Einsatz für die Verteilungspolitik auch die Unterstützung etwa der traditionellen Arbeiterschaft sicherstellt. Ungebildete Männer, die für das Frauenwahlrecht einstehen. Ein aus heutiger Perspektive geradezu genialer Schachzug – oder einfach nur angewandte Vergesellschaftung?

Heute findet Politik als Prozess der gesellschaftsweiten Aushandlung von Interessen immer weniger statt. Gesamtgesellschaftlich führt das zu Radikalisierung und Polarisierung – als Gegeneinander unterschiedlicher Logiken gruppeninterner Vergemeinschaftung. Und so erreichen auch im Namen der Offenheit verfolgte Politiken schnell die Grenzen dieser Offenheit – nämlich dort, wo andere Gruppen die Dinge anders sehen. Im Extrem kann dies bis zu Überlegungen zur Wiedereinführung des Klassenwahlrechts führen, diesmal nicht mehr entlang von Einkommens-, sondern eben von Bildungsniveaus.

Sterbende Volksparteien

Nirgendwo wird das Ende der interessenausgleichenden Vergesellschaftung deutlicher als im langsamen Sterben der Volksparteien. In ihnen sind soziokulturell Berufstätige über die Jahre immer zahl- und einflussreicher geworden und haben diese programmatisch zu Institutionen der Vergemeinschaftung umgebaut. Gerade die Sozialdemokratie ist so zu einer Bewegung der Gebildeten und des kulturellen Liberalismus geworden. Sie hat dadurch große Teile der schrumpfenden Arbeiterschaft erst an Wahlenthaltung, Konservative und Populisten verloren, bevor die soziokulturell Berufstätigen dann selbst zu grünen oder macronistischen Parteien weitergezogen sind. Zurück bleibt überaltertes, wohl wirklich nur noch nostalgisch zu nennendes Restelektorat.

Der Untergang der alten Volksparteien ist das Korrelat des Aufstiegs der Populisten. Einerseits ist er die Folge strategischer Koalitionsbildungen und parteipolitischer Umorientierungen der Wählerschaft, andererseits Ausdruck der von den Pragmatikern betriebenen Abwicklung von Politik als institutionalisiertem Interessenausgleich. Denn je mehr sich die soziokulturell Berufstätigen von Vergesellschaftung abgewandt haben (erst durch die Umformung, dann durch das Verlassen der Sozialdemokratie), desto weniger moderiert und kanalisiert noch irgendjemand das, was als Folge dieses Mangels an Moderation ungefiltert auf der politischen Bühne erscheint – von Verschwörungstheorien bis hin zum blanken Fremdenhass.

Historisch konnte etwa der von Didier Eribon in Rückkehr nach Reims (2016) so treffend analysierte traditionelle "Alltagsrassissmus" der links wählenden Arbeiterschaft noch moderiert werden, solange soziokulturell Berufstätige bereit waren, sich den "Mühen der Ebene" (Brecht) auszusetzen und in der Vergesellschaftung regelmäßiger Volksparteiarbeit, über Bildungs- und Wertehorizonte hinweg, am institutionellen Interessenausgleich mitzuwirken. Herausforderungen wie etwa Zuwanderung bei gleichzeitiger Abwicklung der Schwerindustrie konnten noch moderiert werden, ohne zu offen rassistischem Populismus zu führen. Heute zeugen Überalterung und damit einhergehend das langsame Wegsterben der Mitglieder der einstigen Volksparteien davon, dass die neuen Eliten für solch institutionalisierten Interessenausgleich nicht mehr zu haben sind.