Stattdessen tun die entsprechend Ausgebildeten aus der Ferne ihre empörte Abscheu über das in der Provinz zutage tretende Unwesen von Rassismus, Misogynie und Autoritarismus kund. Und so ist das Sterben der Volksparteien auch eng verbunden mit sozialen Absetzungsbewegungen wie etwa dem Wegzug aus der Peripherie in die für weniger Ausgebildete schlicht nicht mehr bezahlbaren Metropolen als zentrale Cluster der neuen Wissensgesellschaft. Analysen zu dieser Zweiteilung des Landes in Zentren und Peripherie haben gerade besonders in Frankreich Konjunktur. Eben dort machte man auch früh mit dem Rechtspopulismus Bekanntschaft, sah dann die Volksparteien verschwinden und ist nun mit den Gelbwesten konfrontiert.

Die Idee der Sozialdemokratie

Die Sozialdemokratie ist immer soziale Demokratie gewesen, im Sinne von inhaltlichen Kernforderungen wie Gerechtigkeit und Solidarität. Noch viel mehr ist sie aber wohl Sozial-Demokratie gewesen, verstanden als ein grundsätzliches, über spezifische Verteilungs- und Umverteilungspolitik hinausgehendes Bekenntnis zur Idee des gesamtgesellschaftlichen Ausgleichs. Anders lässt sich die historische Entscheidung für die Demokratie und gegen die Diktatur einer einzelnen Gemeinschaft, des Proletariats, kaum verstehen. Der sozial-demokratische Anspruch zeigte sich historisch auch in individuellen Politikerbiografien, die beide Seiten der interessenausgleichenden Wählerkoalition in sich trugen und diese dadurch zusammenführen konnten: in Arbeiter- und Kleinbürgermilieus geborene Politiker, die durch Bildung in die erst im Entstehen begriffene Gruppe der soziokulturell Berufstätigen aufgestiegen waren. Politiker wie Willy Brandt standen so gerade für die Sozialdemokratie als integrative, vergesellschaftende Kraft.

Trotz heftiger Anfeindungen von rechts aufgrund seiner Vergangenheit als im Ausland das Naziregime bekämpfender Sozialist führte Brandt, darin ganz "Visionär und Realist" (Peter Merseburger), die SPD 1966 an den Kabinettstisch des CDU-Kanzlers und einstigen NSDAP-Mitglieds Kurt Georg Kiesinger. Anstelle des Rückzugs in die Gemeinschaft der Antifaschisten bemühte sich Brandt um Ausgleich (und nebenbei, ganz pragmatisch, um weiteren Stimmengewinn auf dem Weg ins Kanzleramt). Das bedeutete die Zusammenarbeit mit einer für ihn und viele in seiner Partei zutiefst verdächtigen Seite der Gesellschaft – ein Grundsatz, dem Brandt bekanntlich als Kanzler auch gegenüber den kommunistischen Diktaturen im Osten folgen sollte.

Dass Brandt sich dann mit der Generation seiner sozialdemokratischen "Enkel" ausgerechnet über deren Zögern in der Frage der Wiedervereinigung fast überwarf, mag man als reinen Zufall abtun. Oder man betrachtet die Parallelen zu dem Argument, dass die deutsche Sozialdemokratie seit den 1980er Jahren zunehmend von soziokulturell Berufstätigen gelenkt wurde, die mit entsprechenden Ideen von Gesamtgesellschaft (oder gar "Nation") immer weniger anfangen konnten. Ins Bild passt umgekehrt auch, dass es stattdessen der Spanier Felipe González war, in dem Brandt in den achtziger Jahren seinen politischen Ziehsohn zu erkennen glaubte: ein junger Sozialdemokrat, der die Transition seines Landes zur Demokratie zu gestalten hatte, dabei aber immer einen Blick auf die nur langfristig zu überwindende Realität autoritär-nationalistischer Traditionen in der Gesellschaft behalten musste. "Wandel durch Annäherung" (Egon Bahr) blieb essentiell für dieses Verständnis von Sozialdemokratie.

Von organischen zu mechanischen Gesellschaften

Wie heute dem Populismus antworten? Sich mit den kulturellen Unterschichten gemein machen, wie im sozialdemokratischen Zeitalter, möchten sich die neuen Eliten jedenfalls nicht mehr, und schon gar nicht dauerhaft. Je weiter der Prozess fortschreitet, desto kategorischer wird vielmehr die elitäre Ablehnung: Mit denen ist kein Ausgleich denkbar. So wird es immer weniger möglich, den sich weiter entfaltenden Extremismus noch irgendwie zu moderieren.

Stattdessen greift man auf andere liberal-demokratische Mittel zurück, wie etwa im Fall von Macrons "großer Debatte" als Reaktion auf die Gelbwesten. Allerdings spiegeln diese Mittel eher das Problem selbst wider, anstatt es zu lösen. Denn die Debatte ist ein innovatives Forum, das sicherstellen soll, dass die peripheren bildungskulturellen Unterschichten besser gehört werden. Das ist ehrenwert, aber es demonstriert vor allem einen unveränderten Glauben daran, dass man die individuellen, "richtigen" (also nachgefragten und wirkungsvollen) Inhalte wirksam herausfiltern könnte.

In Anlehnung an Hannah Arendts Definition des Politischen als "acting in concert" könnte man sagen: Die gemäßigte Antwort auf den Populismus erschöpft sich in attending a concert. Man besucht die Unterschichten, um strukturiert zuzuhören. Fragen der dauerhaft institutionalisierten Vergesellschaftung zum nachhaltigen Interessenausgleich, des gemeinsamen Aushandelns, der integrativen Repräsentation, letztlich des täglichen Zusammenlebens, werden allerdings kaum gestellt. An diesen Punkten wäre schließlich der eigentliche Kern der liberalen Ideologie einer gerade von den Zwängen der institutionalisierten Vergellschaftung befreiten Politik betroffen.