Im vorigen Sommer nahm ich in Berlin an einem Straßenfest am Rosa-Luxemburg-Platz teil. Es kam ein friedliches Gespräch zustande, zwischen Parteimitgliedern der Linken und der AfD. Es ging um Leitkultur und Multikulti, was und wer dazugehöre. Und dann sagte einer von ihnen: "Diese Frau zum Beispiel, die gehört für mich genauso hierher wie alle anderen", und zeigte auf mich. Ich fiel aus allen Wolken. Dieser Mann gestand mir etwas zu, obwohl er gar nicht in der (höheren) Position war, Zugeständnisse zu erteilen. Wohlwollend, fast schon gönnerhaft, verteidigte er meine deutsche Identität. Doch einen Anwalt braucht erst der, der vor Gericht steht. Wie lautet die Anklage? Ist die zulässig?

Ramona Raabe, Jahrgang 1992, ist Schriftstellerin. Sie studiert Film- und Literaturwissenschaft in Berlin und Los Angeles. Im März 2018 erschien ihr literarisches Debüt "Das pathologische Leiden der Bella Jolie" im Dittrich Verlag. Ramona Raabe ist Gastautorin bei "10 nach 8". © Patricia Kaiser


Bis zu meinem 19. Lebensjahr wusste ich nicht einmal, dass ich einen sogenannten Migrationshintergrund habe. Eines Tages musste ich einen Fragebogen ausfüllen, der mir zwei Kästchen zur Auswahl gab. Für ein Dazwischen, mein persönliches und andauerndes Dazwischen, war kein Platz vorgesehen. Obwohl ich halb Thai bin, kreuzte ich Nein an. Hier geboren und aufgewachsen zwischen Fachwerkhäuschen am Rhein, schien mir das nur logisch. Trotzdem kam ich ins Grübeln und fing an, zu recherchieren. Auf der Seite des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge wird der Begriff Migrationshintergrund folgendermaßen definiert: "Nach der Definition des Statistischen Bundesamtes hat eine Person einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil die deutsche Staatsangehörigkeit nicht durch Geburt besitzt." Vielleicht merkt an dieser Stelle sogar ein Kai-Uwe, dass er zu diesen rund 24 Prozent in der Bevölkerung zählt – denn ein Migrationshintergrund ist bereits dann gegeben, wenn der Schweizer Papa als Kleinkind nach Thüringen gezogen ist. Trotzdem ist Kai-Uwe natürlich nur theoretisch gemeint, denn praktisch unterscheiden wir Deutsche zwischen sichtbarem und unsichtbarem Migrationshintergrund. Und wenn wir ihn sehen können, schauen wir genau hin.

Waren wir nicht schon weiter?

Dieser Hinter-Grund ist zurzeit vor allem Grund für Podiumsdiskussionen, Grund für Hashtags wie #vonhier und #metwo und Grund für mich, meine ethnisch-hybride Identität anders wahrzunehmen, als es bislang notwendig war.

Seit ein paar Jahren zum Beispiel höre ich immer wieder, dass es diskriminierend sei, Personen mit augenscheinlichem Migrationshintergrund zu fragen, woher sie "kommen"; sogar verletzend sei das. Die Frage schreibe eine ausschließende Andersartigkeit zu, weil sie impliziere: Du bist nicht von hier. Mich verwirrt das. Mir kommt die Aufregung über diese Frage nicht progressiv, sondern unfreiwillig rückständig vor. Waren wir nicht schon weiter? Wenn ich in der Herkunftsfrage automatisch eine Diskriminierung sehe, dann öffne ich damit ein ähnliches Fass wie der Typ vom Straßenfest, weil ich von der gleichen toxischen Prämisse ausgehe. Die deutsche Zugehörigkeit nicht arisch aussehender Menschen – und damit auch meine – wird somit plötzlich zum Gegenstand einer Verhandlung.

Es ist nichts Neues, dass ich als "anders" wahrgenommen werde – und zwar überall und schon mein ganzes Leben lang. Im Kindergarten zogen die anderen bei meinem Anblick ihre Augen zu Schlitzen und riefen "Ching, Chang, Chong" im Chor, bei einem Job an der Kinokasse wollte ein Gast während unserer zweiminütigen Interaktion noch unbedingt raten dürfen, was für eine Mischung ich sei ("Das ist mein Hobby!"), und in Thailand bin ich grundsätzlich erst mal farang.

Der thailändische Einfluss auf meine Erziehung hat mich merklich geprägt und manchmal spüre ich, wie mich das von anderen unterscheidet. Und trotzdem, mein Anderssein und meine deutsche Identität waren bislang in bester Harmonie. Herkunft ist ja kein fixer Punkt auf einer Karte, sondern ein multidimensionales Gefüge geografischer, soziokultureller und genetischer Faktoren. Ich konnte immer von hier und von woanders sein. Als in der Schule keiner der Partygäste meine Begeisterung für thailändische Popmusik teilte oder fast alle meine kulinarischen Urlaubsmitbringsel ablehnten, kam ich mir zwar uncool vor, aber nicht weniger deutsch (und mit deutsch meine ich: unserer Bevölkerung vollwertig und gleichberechtigt zugehörig).