Dieser Text ist eine aktualisierte und leicht gekürzte Fassung eines Beitrages, den der Autor ursprünglich für den Band "Die großen Kathedralen. Gotische Baukunst in Europa" (Primus / wbg – Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2003) verfasst hat. Christian Freigang ist Kunsthistoriker und Professor am Kunsthistorischen Institut der Freien Universität Berlin.

Ein unerhörtes Ereignis ist am Abend des 15. April geschehen. Mitten in der Karwoche entstand mutmaßlich durch ein Unglück ein Brand im Bereich des hohen Dachreiters der Kathedrale Notre-Dame, der auf den Dachstuhl aus dem zwölften, 13. und 19. Jahrhundert übergriff und gar auf den Nordturm der Westfassade übersprang. Noch weiß man nichts Genaues über das Ausmaß der Zerstörung und die – wahrscheinliche – Beeinträchtigung der Mauersubstanz infolge von Hitze und Löschwasser. Die Struktur der Kathedrale und ihre Fassade, so viel scheint klar, konnten gerettet werden.

Jedenfalls erinnern die Bilder der brennenden Pariser Bischofskirche an diejenigen der Reimser Kathedrale, die von der deutschen Armee im Ersten Weltkrieg beschossen und in Brand gesetzt wurde, mit fatalen Konsequenzen für den Bau. Doch mit Notre-Dame ist man gleichsam im Zentrum von Paris und von Frankreich. Deswegen ist das Bauwerk eines jener berühmten (und berüchtigten) Pilgerziele des Massentourismus geworden – und diese Attraktivität wird etwas einseitig als hauptsächliche Qualität des Bauwerks benannt.

Richtig ist aber sicher, dass sich die Kirche dieser Wertschätzung wohl vor allem deshalb erfreut, weil sie auch heute noch das altehrwürdige Zentrum von Paris markant städtebaulich heraushebt. Von den Türmen hat man in der Tat einen beeindruckenden Überblick über die Seine-Insel, die der historische Ausgangspunkt der Stadtentwicklung war. Doch wenige Touristen kommen augenscheinlich, um die für die Geschichte der Bildmedien wichtigen Skulpturen und die architektonischen Formen zu studieren, deren Bedeutung offenbar kaum in das kollektive Gedächtnis eingedrungen ist.

Eine Kirche als Zentrum eines Königreiches

Auch muss für die Erbauungszeit ab 1163 hervorgehoben werden, dass die Pariser Bischofskirche Notre-Dame als Suffragan von Sens anfangs weder eine herausragende kirchenhierarchische Stellung noch eine für das Königszeremoniell dominante Funktion einnahm. Der Neubau der Pariser Kathedrale war vielmehr Teil einer im zwölften Jahrhundert vorangetriebenen neuen Zentrumsbildung, die die Stadt als den politischen, administrativen und kulturellen Kern des Königreichs herausstellte. Doch die Hauptzeremonien des Königtums, Königsweihe und Begräbnis, verblieben weiterhin in Reims beziehungsweise Saint-Denis.

Die zentrale politische Bedeutung von Paris hat im vierten Jahrhundert seinen Ausgang genommen, als auf der Seine-Insel bereits eine christliche Kirche der Stadt existierte. Von dem Marktflecken Lutetia war sie zu einer Garnisonsstadt und unter Julianus und Valentinianus zur zeitweisen kaiserlichen Residenz aufgestiegen. Als Ende des vierten Jahrhunderts alle Städte Galliens mit Befestigungen gesichert werden mussten, ummauerte man die Seine-Insel, die Cité, und gab die auf den Seine-Ufern gelegenen Stadtteile auf.

Die Insel war somit die kompakte Urzelle von Paris geworden, auf deren Westspitze sich der kaiserliche und später merowingische Palast erhob und auf der Ostspitze die frühchristliche Kirchengruppe. Diese bestand wohl aus zwei hintereinanderliegenden Kirchen in der Achse des heutigen Baus. Der westlich gelegene, dem Heiligen Stephanus geweihte Bau war bemerkenswerterweise wie St. Peter in Rom fünfschiffig, unmittelbar nördlich von der 36 Meter breiten Westfassade erhob sich ein Baptisterium. Als Chlodwig schließlich Anfang des sechsten Jahrhunderts Paris zur Hauptresidenz seines Frankenreichs bestimmte, begann auch ihre Geschichte als Hauptstadt. Recht früh entstand hier ein eigenständiges und zunehmend an Bedeutung gewinnendes Kathedralkapitel am Ende des achten oder zu Anfang des neunten Jahrhunderts. Dieses nutzte wohl zunächst die bescheidene, der Maria geweihte Ostkirche, zog dann aber in die größere Westkirche, die nun auch Notre-Dame als Hauptschutzherrin übernahm.

Erstaunlicherweise stand diese spätantike Kirche bis in das zwölfte Jahrhundert, wenn auch um 1120 umfangreiche Reparaturen ausgeführt wurden. Wenig später, in der Mitte des zwölften Jahrhunderts, machte man sich dann an die Anfertigung eines neuen Hauptportals, das Anfang des 13. Jahrhunderts als das der Heiligen Anna geweihte Südportal der Westfassade übernommen wurde. Entsprechend dem Hauptpatrozinium war der Eingang ursprünglich ein Marienportal, in dem wie in Chartres die Madonna unter einem Baldachin thronend im Tympanon erschien. In Fragmenten erhalten sind die großen Statuen des Trumeau-Pfeilers und der Gewände, die Apostel, Propheten und die ersten Bischöfe von Paris abbilden. All diese Figuren besitzen virtuos bewegte, fein plissierte Gewänder und ausdrucksvolle Physiognomien.