Ich bin schwanger. Das ist bisweilen ein ziemlicher Murks. Trinken, Rauchen, hemmungsloser Drogenkonsum – daran ist gerade nicht zu denken. Nein, nur ein Scherz. So aufregend ist mein Autorenleben sonst auch nicht. Eigentlich verändert sich gar nicht so viel durch eine Schwangerschaft. Ist ja ganz normal, haben vor mir schon Millionen von Frauen erlebt, denke ich vor dem ersten Gynäkologentermin. Bis er diesen merkwürdigen Satz beinahe beschwörend in meine Richtung murmelt, während ich mich von der Horizontalen mit gespreizten Beinen wieder in die Senkrechte begebe. "Eine Schwangerschaft ist keine Krankheit."

Ich denke an meine erste Schwangerschaft: Damals litt ich an Hyperemesis gravidarum, unstillbarem Erbrechen. Sechs Monate lang, täglich, von morgens bis abends. Sie wissen schon, diese krankhafte Form der Schwangerschaftsübelkeit wurde durch Kate Middleton bekannt, auch Komikerin Amy Schumer litt darunter. Ich weiß bis heute nicht, wie es mir gelang, mich täglich aus dem Haus zu schleppen, ohne ausreichende Kalorien- und Nährstoffversorgung und ständig in der Sorge, dass ich mich schwallartig über Mitfahrer in der Straßenbahn erbrechen könnte. Schwangerschaft mag keine Krankheit sein, aber sie fühlt sich bisweilen verdammt danach an.

Marlen Hobrack studiert im Master-Studiengang Kultur- und Medienwissenschaften, nachdem sie zuvor einige Jahre in einer Unternehmensberatung gearbeitet hat. Derzeit schreibt sie an einem Social-Media-Roman. Sie lebt mit ihrem Sohn in Dresden und ist Gastautorin bei "10 nach 8". © Marcus Engler

Trotzdem die seltsame Beschwörungsformel "Schwangerschaft ist keine Krankheit". Der Satz ruft, wo immer er geäußert wird, unweigerlich den Frame Krankheit aus: Man kann nicht nicht an den rosa Elefanten denken, wenn er genannt wird, auch wenn man ihn ignorieren soll. Und so wird auch mit diesem Satz unweigerlich die Verquickung von Schwangerschaft und Krankheit aktiviert.

Offensichtlich haben wir es im Falle einer Schwangerschaft mit einer Art Ausnahmezustand zu tun, für den der Satz, Schwangerschaft sei keine Krankheit, sozusagen eine Fokussierungsmetapher bildet. Er hat zwei ganz unterschiedliche Funktionen, je nachdem, wer ihn äußert. Wird er gegenüber der Schwangeren geäußert, kann er der Mahnung an ihre Pflichten dienen: "Nur weil du schwanger bist, heißt das noch lange nicht, dass du dich deinen üblichen Verpflichtungen als Arbeitnehmerin, als Kinderversorgende, als Haushaltsführende entziehen kannst." Vor einigen Monaten kursierte in Onlineartikeln die Rede vom "Schwanksein" – viele Schwangere, gerade solche, die in Kindergärten und Schulen arbeiten, würden sich kurz nach dem Bekanntwerden ihrer Schwangerschaft in die Krankschreibung flüchten. Schwangerschaft sei doch keine Krankheit und die Arbeit mit Kindern keine Gefährdung, hieß es in den Texten unisono. Nun bilden viele kleine Menschen auf engstem Raum, die noch Kinderkrankheiten durchmachen und aufgrund kindlicher Hygienefehlleistungen gewissermaßen wandelnde Keimschleudern sind, durchaus ein gewisses Gesundheitsrisiko. Trotzdem enthielten die Texte eine Art Schwangeren-Shaming: Die Frauen seien tendenziell faul und pflichtvergessen.

Wird der Satz "Schwangerschaft ist keine Krankheit" von Schwangeren selbst wie ein Mantra vor sich hergetragen, wollen sie sich meist genau vor diesem Vorwurf schützen und ihre Tüchtigkeit unter Beweis stellen: "Danke, Schatz. Aber den Beutel kann ich durchaus tragen!" Oder: "Natürlich kann ich noch arbeiten. Ich bin ja nicht krank."

Die Botschaft von der Nicht-Krankheit wird noch einmal doppeldeutiger, wenn man zugleich und gerade auch von medizinischer Seite der Schwangeren das Gefühl gibt, doch irgendwie krank zu sein – warum sonst wäre all die medizinische Überwachung nötig? Warum sonst liegt die Versorgung der Schwangeren bis kurz vor der Geburt in den Händen der Mediziner, nicht der Hebammen? Schwangerschaft ist keine Krankheit, aber Mutter und Kind sind immerzu potenziell krank. Ganz schön verwirrend.