Am 19. Mai 2017 trat Julian Assange auf den Balkon der ecuadorianischen Botschaft in London. Schweden hatte kurz zuvor die Einstellung der Ermittlungen gegen ihn wegen möglicher Sexualstraftaten verkündet. © Jack Taylor/​Getty Images

Dieses Recht von WikiLeaks zum Publizieren verteidigen amerikanische Juristen wie James Goodale, der einst Chefjustiziar der New York Times war und die Zeitung im Fall der Veröffentlichung der Pentagon Papers 1971 über die Hintergründe des Vietnamkrieges vor Gericht gegen den amerikanischen Staat vertrat. Erst vor einem halben Jahr sagte Goodale in einem Interview, das auf medium.com veröffentlicht wurde: "Unter dem ersten Verfassungszusatz ist das Publizieren von gestohlenen Dokumenten von der Verfassung gedeckt, solange der Publizierende nicht aktiv am tatsächlichen Diebstahl beteiligt war."

Genau Letzteres jedoch unterstellt die bei genauerem Hinsehen erstaunlich dünn erscheinende Anklage der Staatsanwaltschaft des Eastern District of Virginia, die dort am 6. März 2018 hinterlegt und nun öffentlich gemacht wurde, für das Auslieferungsgesuch der USA: Die Anklage wirft Assange lediglich eine aktive Beteiligung an der Beschaffung geheimer Dokumente vor durch den damaligen Army-Soldaten Bradley Manning, heute Chelsea Manning, im Jahr 2010. Es geht also nicht um die letzten spektakulären Enthüllungen von WikiLeaks wie etwa die Veröffentlichung Zehntausender E-Mails der Clinton-Wahlkampagne im Jahr 2016, die von der Hackergruppe Fancy Bear erbeutet worden sein sollen, die wiederum im Auftrag des russischen Militärgeheimdienstes GRU operieren soll; oder um die Veröffentlichung im Jahr 2017 von angeblichen Hackingtools, die die CIA zur elektronischen Überwachung und zu Cyberkriegsmaßnahmen verwendet haben soll. 

Das Signal, das von der Anklage ausgeht, ist klar: Assange soll mit der vollen Härte des Gesetzes verfolgt werden, WikiLeaks wird von der Staatsanwaltschaft in Virginia aber tatsächlich als Medium verstanden, nicht als Geheimdienstorganisation.

Jack Goldsmith – ein anderer US-Jurist, Professor an der Harvard Law School und Mitgründer des Lawfare-Blogs der Hoover Institution – hat auf letzterem Blog vor zwei Jahren einen Text veröffentlicht, dessen These kurz gefasst lautet: Die New York Times gehe heutzutage eigentlich nicht anders vor als WikiLeaks das schon immer getan hat – wenn sie über anonymisierte digitale Briefkästen Geheimdokumente einwerbe, deren Herkunft sie mitunter nicht verifizieren könne und diese dann veröffentliche. In dem Zusammenhang sei es auch nicht entscheidend, ob und wenn ja welche Intention hinter dem Publizieren solchen Materials stecke. In einem späteren Text für den Weekly Standard bekräftigte Goldsmith im vergangenen Jahr diese These und ging noch einen Schritt weiter, indem er den US-Medien an sich eine "WikiLeaks-ization" attestierte, eine Annäherung an die Methoden von WikiLeaks oder gar deren Übernahme.

Die Annäherung der Medien an WikiLeaks

So argumentiert geht es eigentlich längst nicht mehr darum, ob WikiLeaks ein Medium ist, sondern wie sehr sich umgekehrt als Medien anerkannte Institutionen wie die New York Times längst WikiLeaks angenähert haben. Laut Goldsmith hat sich die Enthüllungsplattform mit ihren Methoden also längst tief eingeschrieben in die Art und Weise, wie und in welchem Ausmaß heute investigative Recherchen von klassischen Medien durchgeführt werden.

Davon unbenommen aber ist: Ein Großteil der Enthüllungen über die aktuelle US-Regierung, die zum Beispiel die Washington Post und die New York Times fast täglich publizieren, unterscheidet sich völlig davon, wie WikiLeaks einst gearbeitet hat. Diese Berichterstattung basiert nicht auf geheimen Dokumenten, die von klassischen Whistleblowern an sie weitergereicht wurden – sondern auf Aussagen von aktuellen Mitarbeitern insbesondere des Weißen Hauses. Diese Leute betreiben mit dem ständigen Durchstechen echter oder vermeintlicher Informationen augenscheinlich vor allem Palastintrigen, und die berichtenden Journalisten beteiligen sich daran, ob sie das wollen oder nicht. Zu den Absonderlichkeiten der Trump-Regierung gehört einfach, dass es noch nie zuvor ein Weißes Haus gab, aus dem heraus derart viel gequatscht wurde. Die Aufgabe der Reporterinnen und Reporter ist dann eher, den offenkundigen Quatsch herauszufiltern, um ihn nicht an ihre Leserinnen und Leser weiterzutragen.

Die heutige Medienrealität ist auch deshalb eine fundamental andere als vor 13 Jahren, als WikiLeaks gegründet wurde. Oder als die in den Jahren 2010 und 2011, als die von Manning weitergegebenen Dokumente zu den Kriegen im Irak und in Afghanistan eine Öffentlichkeit erreichten, die bis dahin vor allem mit Bildern und Geschichten des embedded journalism versorgt worden war: von Reportern und Reporterinnen, deren Perspektive davon bestimmt war, dass sie mit US-Militäreinheiten unterwegs gewesen waren. Die Videoaufnahmen etwa aus der Hubschrauberkamera, die einen Luftbeschuss von Menschen in Bagdad im Jahr 2007 zeigten, standen dazu in hartem Kontrast. Sie erschütterten Zuschauer und Zuschauerinnen auf der ganzen Welt.

Zehn Jahre später filmte die Terrororganisation IS ganz ähnliche Bilder, nun aber mit Kameras, die ihre Kämpfer an zusammengebastelte Drohnen gehängt hatten, und mit dem Zweck, sie als Propagandamaterial für eigene Erfolge im Irak über soziale Medien möglichst weit zu verbreiten.