Eigentum ist für Shklar dabei kein Gut an sich, sondern hat eine ganz bestimmte Funktion: Es soll Macht streuen und so Einzelne vor Einschüchterung schützen. "Nichts gibt einer Person mehr soziale Mittel in die Hand als rechtlich garantiertes Eigentum." Aber Shklar wusste auch, dass nicht Eigentum allein vor Furcht schützt. Dafür braucht es einen robusten Staat, in dem Gewaltenteilung, demokratische Prozesse und politische Institutionen einigermaßen funktionieren. Das ist deshalb wichtig, weil es auch für Shklar vor allem Regierungen sind, die ihre Bürger einschüchtern können; eine Annahme, die das 20. Jahrhundert zur Genüge bestätigt hat. 

Doch längst verbreiten nicht mehr nur Regierungen diese substanzielle Furcht – und gerade in liberalen Demokratien liegen ihre Quellen immer weiter vom Staat entfernt. Gerade große Konzerne, schreibt Shklar, haben einen Status, der eher öffentlich als privat ist und staatlicher Machtausübung in wenig nachsteht. "Eigentümerschaft darf aber nicht unbegrenzt sein", mahnt sie, denn sobald Eigentum selbst Furcht erzeugt, erfüllt es seine Abwehrfunktion nicht mehr. Wenn also die Macht, die ein Immobilienunternehmen auf sich vereint, zur plausiblen Quelle von Furcht für diejenigen wird, die von ihm abhängen, ist es nach Shklar für den Staat möglich, einzugreifen. Neben Zerschlagung kann das auch Vergemeinschaftung bedeuten – vorausgesetzt, sie ist kein Endzweck, sondern ein Instrument, mit dem die Bedingungen gewährleistet werden, unter denen die Ausübung von Freiheit möglich ist. Mit Shklar ließe sich so die Vergemeinschaftung essenzieller Versorgungsleistungen wie Wasser, Strom und Wohnraum begründen. Und man kann ihrem Ansatz folgend zumindest darüber nachdenken, ob nicht auch Google oder Facebook als quasiöffentliche Konzerne mit Monopolstellung in diese Reihe gehören.

Vergemeinschaftung ist in diesem Liberalismus kein Selbstzweck – und Judith Shklar, die auch vor Stalin aus Riga in die USA floh, allen Sozialismus unverdächtig. Was ihren Liberalismus von sozialistischen Modellen unterscheidet, ist, dass er nur weiß, was er vermeiden will; was er nicht kennt, ist ein höchstes, von staatlicher Seite verfolgtes Ziel. Sozialismus dagegen, schrieb sie, strebe nach einer "Entprivatisierung aller Bürger" unter Bedingungen völliger Gleichheit – für Shklar wiederum eine wahrscheinliche Quelle von Furcht und Unterdrückung.

Kurz: Es ist ein himmelweiter Unterschied, ob man nach Gleichheit durch Umverteilung strebt oder ob man die Bedingungen sichern will, unter denen Einzelnen Freiheit möglich ist.

Für diese Freiheit der Einzelnen forderte Shklar manches, was man heute nicht gerade mit der Partei in Verbindung bringen würde, die sich den Liberalismus auf die Fahnen geschrieben hat, auch wenn Christian Lindner sich gelegentlich auf Shklar beruft. Neben der verantwortungsvoll ausgeübten Staatsbürgerschaft des Einzelnen plädiert sie für einen robusten Wohlfahrtsstaat, starke Gewerkschaften, die Pflicht zur Aufnahme von Geflüchteten und sogar ein Recht auf Arbeit als Bedingung für politische Partizipation. Auch der New Deal – die größte je in den USA durchgesetzte staatliche Strukturförderungsmaßnahme – gehört in die Geschichte des Liberalismus, wie jüngst der Politikwissenschaftler Jens Hacke schrieb, und Shklar bezeichnete sich einmal selbst als Bewunderin von Franklin D. Roosevelt. Dass uns diese Positionen nicht unmittelbar "liberal" vorkommen, zeigt nur, wie sehr sich dessen Interpretation bei uns verengt hat.