Bilder aus Daten können Politik machen. Als die Krankenhausadministratorin und Statistikerin Florence Nightingale 1859 der Regierung ihren Bericht zur hohen Sterblichkeit in den Lazaretten während des Krimkrieges zum ersten Mal vorgelegt hatte, war nicht viel passiert. Als sie ihn erneut vorlegte, hatte sie ihn um mehrere farbige, kreisförmige Diagramme, die sogenannten Rose Diagrams ergänzt. Sie setzten die Erkenntnis des Zusammenhangs von unzulänglicher Hygiene und hoher Sterblichkeit wie auf einer ablaufenden Lebensuhr ins Bild. Und sie machten deutlich, was der Text allein nicht so prägnant vermittelt hatte: Wegen Keimen im Krankenhaus starben mehr Menschen als auf dem Schlachtfeld. Es war dieser Bericht, der die britischen Entscheidungsträger handeln ließ. Heute gilt Nightingale als die Begründerin weltweiter Hygienestandards.

Die Debatte um die globale Erwärmung begann mit Datenbildern. Die Berichte des Weltklimarats sind seit nunmehr fast drei Jahrzehnten durchsetzt von immer röteren Kurven und Karten, die auf die Ursachen, Risiken und Folgen des menschengemachten Klimawandels hinweisen. Für den fünften Bericht aus dem Jahr 2014 wurde den Farbskalen der Karten ein grelles Magenta hinzugefügt, um der Anomalie, beziehungsweise der neuen Normalität immer weiter ansteigender Extremwerte, überhaupt noch bildlich gerecht werden zu können. Die Zukunft steht auf Rot. Doch die Klimaberichte haben, anders als der Bericht von Nightingale damals, bis heute keine wirksamen Konsequenzen nach sich gezogen. Ihre Kurven und Karten lassen sich als eine Chronik des Nichthandelns lesen, das uns in Form immer röterer Bilder entgegen leuchtet.

Birgit Schneider ist Professorin an der Universität Potsdam, wo sie als Bild- und Medienwissenschaftlerin zu Bildern von Klima und Klimawandel forscht. Letztes Jahr erschien ihr Buch "Klimabilder" bei Matthes & Seitz, zurzeit erforscht sie mit digitalen Methoden Klimabilder im Netz und Klimanarrative im Computerspiel. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Iris Janke

Braucht es nur noch bessere und deutlichere Bilder? Edward Hawkins, ein britischer Klimaforscher, hat in den letzten drei Jahren versucht, die Daten des Klimawandels für die Öffentlichkeit noch einmal anders zu visualisieren. Er hat die historischen Daten von Temperaturen und CO2-Emissionen, die bislang als Kurven und Karten dargestellt worden waren, zuerst wie damals Florence Nightingale in eine kreisrunde Jahresuhr, später in rote und blaue Streifen gebracht. Beide Bildformen verbreiteten sich viral, die Klimaspirale wurde sogar während der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele 2016 gezeigt. Ihre Botschaft erscheint sachlich und zwingend, die Notwendigkeit zum sofortigen Handeln wirkt greifbarer als in den Bildern zuvor. 

Von einer anderen Perspektive aus betrachtet, gibt es jedoch etliche Probleme mit diesen Bildern des Klimawandels. Das, was sie darstellen, ist einfach zu groß und bleibt deshalb unvorstellbar. Die Farbe Rot wirkt einerseits lebensfeindlich wie der Planet Mars, weil sie für Alarm, Feuer und Gewalt steht, aber gleichzeitig auch für die Liebe (zum CO2-intensiven Lebensstil). Das Handeln blockieren die roten Karten eher, weil sie den Klimawandel als unaufhaltsame Katastrophe oder gar als nahendes Weltenende zeigen. Im Unterschied zu den Hygienereformen im 19. Jahrhundert oder dem Ozonloch ist das Problem des Klimawandels so gigantisch, dass Handeln ohnehin nichts zu nutzen scheint – man starrt wie das Kaninchen auf die Schlange. Oder man möchte diese Realität gar nicht wahrhaben – und schaut weg. 

Hinzu kommt, dass globale Bilder das Problem räumlich und zeitlich von uns entfernen. Hannah Arendt hat gezeigt, dass die Entstehung der modernen Wissenschaft und die Erzeugung von Weltbildern dazu führen, dass die Erde in unserer Vorstellung schrumpfte – und damit eine Entfremdung der Menschen von der Erde einherging. Die Herstellung der globalen Karten wäre dann in tragischer Weise gleichzeitig Modus der Erkenntnis wie auch Ursache des Problems. Durch die globalen Bilder entsteht eine Dissonanz: Der Klimawandel erscheint als unausweichliches Weltuntergangsschicksal und zugleich als Zukunft eines weit entfernten Planeten.

Zu den abstrakten, unvorstellbaren Bildern kam jedoch im letzten Sommer auch für die Europäer*innen etwas Konkretes hinzu. Wenn sich zurzeit das Wetter in den sogenannten gemäßigten Breiten ebenfalls spürbar verändert, wird der Klimawandel auch ohne die Vermittlung durch Kurven und Karten wahrnehmbar. Der Klimawandel ist nicht mehr fern und abstrakt. Das verweist auf ein weiteres, in der wissenschaftlichen Debatte oft angeführtes Wahrnehmungsproblem: Der wissenschaftlichen Definition von Klima folgend, ist es nicht das Klima, das Menschen im Hier und Jetzt wahrnehmen können, sondern nur das Wetter. Denn statistische Mittelwerte wie Jahresdurchschnittstemperaturen oder die globale Erwärmung von 0,8 Grad Celsius lassen sich an keinem Ort konkret sehen oder spüren. Doch trifft es das eigentlich noch? Gibt es nicht schon längst ein Gefühl, dass etwas mit dem Wetter nicht stimmt, wenn wir die Hitze eines Sommers wie des letzten erleben, die vertrockneten Böden sehen, oder wenn sich der April anfühlt wie Juni? Und was ist mit den Menschen, die an Orten der Erde leben, wo man die Folgen des Klimawandels bereits viel deutlicher spüren und sehen kann – bekommen sie wirklich noch immer nur das Wetter oder nicht doch auch den Klimawandel selbst zu spüren?