Mein Verhältnis zu Geld ist kompliziert. Es gab in unserer Familie diesbezüglich zu große Unterschiede. Das Geld meiner Mutter war abwesend oder ein von Männern mal hier, mal da, mal freiwilliges, mal verpflichtendes Geschenk. Das Haushaltsgeld wurde geschickt gestreckt durch Rabattmarken, die meine Mutter sorgfältig in das Tengelmann-Rabattheftchen klebte. Die Farbe fehlenden Geldes? Weiß wie die Stockflecken auf dem Wohnzimmerteppich. Und nach einem Christbaumbrand braun, in der Nähe der Fenster nach wenigen Sommern in ein Graugrün ausgeblichen.

Linda Benedikt wurde 1972 in München geboren. Sie studierte Politik in England und Israel und arbeitete viele Jahre als freie Journalistin. Seit 2010 steht sie mit dem politischen Musikkabarett Reality Check auf der Bühne. 2012 veröffentlichte sie ihren Essay "Israel – A love that was. Die Geschichte einer Entzauberung", 2013 die Erzählung "Eine kurze Geschichte vom Sterben", 2015 erschien der Roman "Der Rest ihres Lebens". Linda Benedikt lebt zurzeit in München. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8“. © privat

Die knappen Mittel bedeuteten sechs Wochen Ferien in der nachbarkindslosen Langeweile des Gartens mit dem geschorenen Rasen und der Unantastbarkeit der Blumen und Bäume. Und ab 14 Uhr Kinderferienprogramm im geerbten Fernseher. Das Geld meiner Mutter fütterte mich und tat auch sonst, was es konnte.

Das Geld meines Vaters war anders. Es war ein offen verstecktes Geld und rief: "Meins!" Es hatte vier Räder, hieß Porsche und katapultierte den Vater geschwind von einer Geliebten zur nächsten. Es war mal kratzig, mal babykätzchenweich, kam aus der Münchner Maximilianstraße und hielt meinen Vater im Winter warm und im Sommer kühl. Oder es waren Lebensmittel aus dem nahen Feinkostladen. Das Geld meines Vaters war, anders als das mütterliche, immer zornig und verständnislos: Schon wieder ein Paar Winterschuhe! Muss das Kind denn dauernd wachsen! Außerdem gab es bei meinem Vater auch noch ein anderes Geld, ein seltsames, sehr kurzlebiges Investitionsgeld. Dieses Geld brachte mir Reitstunden ein und erste Bekanntschaften mit einem Tennissandplatz. Es waren schöne, leichte Stunden, aber sie wurden, wenn nicht als Fehlinvestition, dann zumindest als zu teuer empfunden. Irgendwann hieß das Geld meines Vaters nur noch "Düsseldorfertabelle" und flog laut zwischen den Telefonhörern meiner Eltern hin und her.

Geld konnte in meiner Familie aber auch so viel sein, dass es wie eine Camouflage wirkte. Das stille und daher für mich unsichtbare, aber zugleich machtvolle Geld gehörte dem Großvater. Der hatte ein Haus und einen Garten. In diesem Haus wohnten wir oben, er mit der Großmutter unten. Der Garten war so groß, dass ich als Kind meinte, meine dringliche Sehnsucht nach einer grasenden Kuh wäre, rein räumlich jedenfalls, erfüllbar.

Für den Garten gab es Gärtner. Der Großvater war nie da, außer als Drohkulisse ("Wenn das der Opa wüsste!"). Über die kinderhassenden Gärtner wachte die kinderblödfindende Großmutter. Die hatte immer ein Bündel blauer Scheine in einer hölzernen Schachtel. Da stand "Hotel Sacher" drauf. Die Großmutter hatte für das Haus eine Zugehfrau. Die hatte wiederum einen Mann. Für blaue Scheine machte er alles. Für umsonst lächelte er mich an. Wöchentlich erhielt sie Lieferungen von einem Feinkostgeschäft. Wir aßen Ravioli aus der Dose, Schlemmerfilet und Tiroler Gröstl. Einmal in der Woche, immer montags, hinterlegte der Großvater Geld bei einer Konditorei, sodass meine Mutter für eine Woche Brot und Croissants kaufen konnte. Der einzig liebe Gärtner hieß Herr Franz und war ein Trinkkumpan meiner Großmutter. Er baute mir, weitab ihres Blickes, ein echtes Tipi.

Als der Großvater starb, war ich alt genug, Geld von Geld unterscheiden zu können und die Räume dazwischen. In den Zwischenräumen war viel Platz. Besonders, was die Großmutter anging. Seit dem Tod meines Großvaters ließ ich sie für alles bezahlen: dafür, dass ich mit ihr sprach, dafür, dass ich ihre Sonnenliege aufklappte, dafür, dass ich ihr Zigaretten und Piccolo im Supermarkt kaufte. Geld wurde zu einem Instrument der Macht. Und der Erbärmlichkeit. Ich hatte plötzlich viel von beidem. Das Geld meines Großvaters war weiterhin unsichtbar. Das meiner Großmutter ein Zahlmittel. Das Geld von beiden wurde zu meinem Fluchthelfer.