Denn der Schutz von Eigentumstiteln verliert den Status des Sakrosankten, wenn er sich nicht mehr im Sinne des Gemeinwohls rechtfertigen lässt. Maßnahmen gegen ausufernde Immobilienspekulation scheinen dann ebenso erwägenswert wie die Gewährleistung von Energieversorgung sowie Verkehr und Infrastruktur durch die öffentliche Hand. Die liberale Theoretikerin Judith N. Shklar, auf die Bajohr sich beruft, gehört zu jenen, die auf kluge Weise die dogmatische Bindung des Liberalismus an Eigentum und Kapitalismus gelöst haben. Denn natürlich ist es legitim, nach dem gesellschaftlichen Nutzen von Besitzanhäufung zu fragen – und liberale Ökonomen haben die Frage von Monopol- und Kartellbildungen seit jeher diskutiert. Dass der Staat häufig regulierend eingreift und selbst als Akteur, ja sogar als Unternehmer auftritt (Volkswagen, Deutsche Bahn), ist eine Realität und kein Zeichen eines neuen Sozialismus.

Hannah Arendt, die sich im Gegensatz zu Shklar nie als liberale Denkerin bezeichnen wollte, sah im Recht auf Eigentum etwas Antiquiertes. Und man muss kein Ökonom sein, um zu erkennen, dass die klassische Eigentümergesellschaft zwar Richtschnur für eine Mittelstandspolitik sein kann, die unternehmerische Initiative und Freiheit ausreichend berücksichtigt, dass aber die hybriden Konstruktionen des Finanzkapitalismus ebenso wie die komplexen Gemengelagen weltweit agierender Konzerne jenseits ihres Horizonts liegen. Schon Joseph A. Schumpeter und John Maynard Keynes, beide ihrem Selbstverständnis nach Liberale, diagnostizierten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen tiefgreifenden Wandel der kapitalistischen Ökonomie und zogen eine Entwicklung hin zu gemeinwirtschaftlichen Formen durchaus ins Kalkül. In ganz grundsätzlicher Weise schrieb Keynes dem Liberalismus das "Ende des Laissez-Faire" (1926) ins Stammbuch. Die "Idee einer prästabilierten Harmonie zwischen privatem Vorteil und allgemeinem Wohl" verspottete er als Voodoo-Glauben, der von keinerlei Empirie gedeckt sei. Keynes wollte zwar die Kreativität der Einzelinitiative als Stimulus für Entwicklung pflegen, aber für ihn gab es keinen Grund, sich auf Marktkräfte allein zu verlassen. Er wusste auch, dass jeder wirtschaftspolitische Ordnungsversuch "letzten Endes der Souveränität der Demokratie, die sich im Parlament verkörpert, unterstehen" müsse.

Keynes hatte erkannt, dass sich die liberale Demokratie einem fundamentalen Gleichheitsanspruch nicht entziehen kann. Der Ausbau der öffentlichen Bildung, die für Liberale als wichtigstes Instrument gilt, leistungsbasiert Aufstieg zu ermöglichen und so für soziale Gerechtigkeit zu sorgen, reichte schon lange nicht mehr.

Es ist eine Binse, dass der eigentumsbasierte Freiheitsbegriff Ungleichheiten und Privilegierungen schafft, die ohne ausgleichende staatliche Eingriffe (zum Beispiel Steuerprogression) jede Gesellschaft auf Dauer destabilisieren. Deshalb geht es auch im liberalen Staat ständig darum, Chancengleichheit durch politische Grenzziehungen und Regulierungen zu ermöglichen. Selbst in der Tradition eines hedonistisch-individualistischen Liberalismus finden sich von Beginn an Überlegungen zu normativen Grenzen der Besitzakkumulation; sie sind an den gesellschaftlichen Nutzen und die Gefahr der Verschwendung gebunden, wie man bereits bei John Locke nachlesen kann. "Eigentum verpflichtet" und "sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen", so steht es auch im Artikel 14 des Grundgesetzes. Daraus – bei Missbrauch – Eingriffsmöglichkeiten abzuleiten, heißt keineswegs, den Sozialismus einzuführen, sondern erinnert an den Geist republikanischer Solidarität.

Schon die großen liberalen Denker der Zwischenkriegszeit wie Keynes, Moritz Julius Bonn oder Hans Kelsen wussten, dass individuelle Freiheit nicht absolut zu setzen war. Sie blieb auf das Ziel des sozialen Friedens bezogen. Freiheit, Autonomie und Selbstbestimmung werden zu demokratischen Forderungen, und auch der Kapitalismus verdient sich seine Legitimation in erster Linie durch den Nutzen, den er der Allgemeinheit bringt. Die schwächsten Glieder der Gesellschaft müssen in summa von ihm profitieren. Ein neuer sozialer Liberalismus wusste aus der Erfahrung der Weltwirtschaftskrise, dass es richtig sein konnte, in Krisensituationen in den Markt einzugreifen. Zu groß war die destruktive Kraft von Konjunktureinbrüchen und "natürlichen" Marktbereinigungen, zu hoch konnten die politischen Kosten sein, wenn man sich auf die unsichtbare Hand des Marktes verließ. Es ist symptomatisch, dass eines der einflussreichsten Werke für den Liberalismus der Dreißigerjahre, Walter Lippmanns The Good Society (1937), bereits im Titel den Blick auf die Gesellschaft und nicht auf den Einzelnen richtete. Mit Franklin Roosevelts New Deal wurde diese Einsicht in die Praxis umgesetzt. Fortan zählten auch arbeitnehmerfreundliche Sozialpolitik, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, die gezielte Subvention von Wirtschaftszweigen und konjunkturfördernde Geldpolitik zum Repertoire eines modernen Liberalismus – zumindest in jener Keynesianischen Schule, die seither mit den Neoliberalen, deren bekannteste Vertreter Friedrich August von Hayek und Milton Friedman sind, um die Deutungshoheit stritt.

Rund 80 Jahre später könnte eine Rückbesinnung auf den sozialen Liberalismus nicht zuletzt den liberalen Staat retten, der besonders in der angloamerikanischen Zeitdiagnostik derzeit Ziel lauter Abgesänge ist. Brexit und Trump haben dort ein Genre der schonungslosen Inventur etabliert: Wie Demokratien sterben (Steven Levitsky/Daniel Ziblatt), Der Zerfall der Demokratie (Yascho Mounk), Counter-Revolution (Jan Zielonka), How Democracy ends? (David Runciman), Der Weg in die Unfreiheit (Timothy Snyder) – so lauten allein die Titel des letzten Jahres. Sie alle suchen nach den Versäumnissen und Strukturdefiziten westlicher Politik nach 1989. Wie wurde das glückliche liberale Ende der Geschichte (Francis Fukuyama) wieder verspielt?