Eine Antwort könnte tatsächlich sein, dass ein gewandeltes Freiheitsverständnis in demokratischen Gesellschaften lange keinen Widerhall in der politischen Debatte gefunden hat. Der Konnex von Demokratie und Kapitalismus, der im Kalten Krieg weitgehend als ein Naturgesetz angesehen wurde, ist mittlerweile kaum mehr zwingend. Im Gegenteil, Kapitalismus und Demokratie haben in den letzten Jahren bis dato unbekannte Hybridformen hervorgebracht. Es etablieren sich Formen einer illiberalen Demokratie, die – wie in Ungarn und Polen – die Judikative in ihrem Einfluss beschneidet sowie die Presse- und Meinungsfreiheit einschränkt. Gleichzeitig hat es sich als Irrglauben erwiesen, Markt und Kapitalismus als Vehikel für eine gesellschaftliche Liberalisierung und Demokratisierung anzusehen. Das Beispiel Chinas belegt dies ebenso wie die Autokraten und Oligarchen der postsowjetischen Welt.

Dies alles hat den Apologeten des reinen Marktglaubens nicht gutgetan. Wenn Regulierung für selbst erklärte Liberale das Unwort Nummer eins bleibt, dann versagen sie sich neue Gestaltungsräume, um über die gesellschaftliche und ökonomische Bedingtheit von Freiheit nachzudenken. Dass es in der Politik auch immer um die Freiheit der kommenden Generationen geht, betonen Liberale in Fragen verantwortlicher Haushaltspolitik beharrlich. Es fehlen aber überzeugende Ansätze, ein gehaltvolles Freiheitsverständnis in nichtmaterieller Hinsicht zu entwickeln. Die Bereitschaft, den eigenen Lebensstil nach ökologischen Maßstäben zu verändern und hier neues Bewusstsein zu schaffen, hat die FDP als Vertreterin des politischen Liberalismus in Deutschland bislang nicht erkennen lassen. Hier entsteht eine Leerstelle, die die Grünen – siehe Habeck – tatsächlich besetzen können.

Denn es gehört auch zu den künftigen Chancen liberal begründeter Politik, den Freiheitsgewinn ökologischer Lebensformen zu bewerben und zu begründen. Sicherlich gehören zur Umstrukturierung von Verkehrs- und Energiepolitik immer Einschränkungen und neue Grenzziehungen: Jede Fahr- und Parkverbotszone, Geschwindigkeitsbegrenzung und Maut zählt dazu, jede Beschränkung von Konsummüll und CO2-Ausstoß. Ihr Nutzen ist auch aus liberaler Sicht einsehbar, denn es geht um die Freiheit, auch in Zukunft ein gutes Leben führen zu können.

Deshalb bedeuten Maßnahmen, die die Lebensqualität in den Städten sichern und die ressourcenschonende Wirtschaftsformen weiterentwickeln, ja keine Ökodiktatur, sondern fordern einen Wettbewerb von unterschiedlichen Ideen und Konzepten, deren Maßstab langfristige Freiheitsgewinne sind. Dies anzuerkennen und Abschied zu nehmen von den Glaubenssätzen eines materiell-hedonistischen Freiheitsbegriffs, bereichert die gesellschaftliche Debatte um künftige "Lebenschancen" (Ralf Dahrendorf) und stärkt die positiven Selbstbehauptungskräfte der Demokratie.

Denn je intensiver um einsehbar existenzielle Fragen gestritten wird, desto weniger Raum bleibt für die Politisierung von Irrationalismus und negativen Affekten. Der Liberalismus hat hier, könnte man sagen, eine Verantwortung, sich nicht selbst zu beschneiden, indem er jede Regulierung als undemokratisch verteufelt und Marktradikalismus – ganz illiberal – als alternativlos darstellt.

Das Comeback der politischen Ideen, das einen Orientierungsbedarf ausdrückt, sollte für Liberale eines deutlich machen: Der Rückgriff auf marktwirtschaftliche Orthodoxie reicht schon lange nicht mehr, denn die Notwendigkeit für einen komplexeren Begriff von Freiheit verlangt Kreativität. Die Politisierung der letzten Monate signalisiert, dass die Gesellschaft ein neues Sensorium für die Zukunft entwickelt. Politik muss wieder auf Sinnfragen eingehen. Die Grünen haben als Erste verstanden, dass es darum geht, Postmaterialismus und Liberalismus zu versöhnen. Aber man sollte sie mit dieser Erkenntnis nicht alleinlassen. Das liberale Mantra von Eigenverantwortung und "mehr Netto vom Brutto" reicht nicht. Große ökologische und soziale Fragen fordern neue Initiativen und Ziele in der Politik, die in kollektiver Verantwortung liegen. Wie es aussieht, haben das viele Bürgerinnen und Bürger – und vor allem die jüngere Generation – besser begriffen als so manche im Gestrigen verhaftete Hüter des Ideologischen innerhalb der etablierten Parteien.