ZEIT ONLINE: Frau Roche, Sie haben Ihren Mann Martin Keß dazu überredet, mit Ihnen einen Podcast namens Paardiologie darüber zu machen, wie es als Paar so ist nach 15 Jahren Beziehung. Bereut er es schon?

Charlotte Roche: Mal so, mal so. Es verändert uns als Paar auf jeden Fall jetzt schon sehr.

ZEIT ONLINE: Im positiven oder im negativen Sinne?

Roche: Wenn ich sagen würde, es hätte bisher nur positive Auswirkungen gehabt, wäre das gelogen. Wenn sich in einer Beziehung etwas ändert, ist das immer gut und schlecht.

ZEIT ONLINE: Weil man die Routine, die Stabilität aufgibt?

Roche: Natürlich. Sonst bin ja immer ich draußen und mache den Alarm. Diesmal reden auf einmal mein Mann und ich gemeinsam. Es ist das erste Mal, dass ich so etwas Privates mache. Ganz schön aufregend.

ZEIT ONLINE: In Ihren Romanen Feuchtgebiete von 2008 und Schoßgebete von 2011 haben Sie viel Privates einfließen lassen, etwa den Unfalltod ihrer Brüder oder das problematische Verhältnis zu Ihren geschiedenen Eltern. Sie konnten dabei offenlassen, was davon nun die Kunstfigur Charlotte Roche ist und was die echte. Das heben Sie jetzt auf.

Roche: Ja, das gilt nicht mehr.

ZEIT ONLINE: War Ihnen das ein Bedürfnis?

Roche: Ja, weil ich mich verändert habe, die Beziehung zu meinem Mann hat sich verändert, mein ganzes Leben. Die Kinder sind jetzt größer. Früher, als sie kleiner waren, dachte ich immer, ich müsste das Private viel mehr schützen, ich nahm eine Löwinnenhaltung ein. Keiner redet über die Kinder in der Öffentlichkeit, das war klar, denn sie konnten sich ja nicht wehren. Heute kann ich sie einfach fragen – sie sind alte Teenager.

ZEIT ONLINE: Haben Sie Ihre 16-jährige Tochter gefragt, was sie davon hält, dass Sie beide Ihre Beziehung öffentlich diskutieren?

Roche: Nicht nur "Was hältst du davon?", sondern "Erlaubst du uns das?" – mit der Option, dass sie auch sagen darf: Ich will das nicht, lasst das bitte sein. Hat sie aber zum Glück nicht. Wenn wir also eine Folge zum Thema Finanzen machen – ein Thema, worüber man mindestens genauso gut streiten kann wie übers Aufräumen –, würde ich meine Tochter fragen, ob es für sie in Ordnung wäre, dass vorkommt, wie viel Taschengeld sie bekommt. Das ist das einzige Tabu in diesem Podcast: dass es zu detailliert um die Kinder geht.

ZEIT ONLINE: Sie bezeichnen den Podcast als "Ehe-Experiment". Man könnte auch sagen, Sie machen eine öffentliche Paartherapie.

Roche: Das könnte man sagen. Wir haben sehr viel Paartherapie-Erfahrung. Das hat uns ein paarmal wirklich gerettet, sonst gäbe es uns nicht mehr. Wir können den Leuten mit dem Podcast natürlich nicht sagen: Hört uns an und wir helfen euch. Wir sind ja keine Therapeuten. Aber wir können berichten, was wir in der Paartherapie gelernt haben, und dafür werben, es auch zu nutzen. Der berühmte Paartherapeut Ulrich Clement hat mal gesagt, die meisten Paare kämen sechs Jahre zu spät. Sie haben also schon sehr lange verzweifelt an etwas herumgedoktert. Diese Leidenszeit hätten sie sich sparen können.

ZEIT ONLINE: Sie haben mal in der ZEIT gesagt: "Ich glaube, dass es hilft, fremdzugehen, um bei der großen Liebe bleiben zu können." Dabei ist Untreue eines der Hauptthemen in der Paartherapie.

Roche: Nach meiner Ansicht ist Monogamie nicht möglich. Das ist ein christlich-moralisches Konstrukt, das sich irgendwann mal jemand ausgedacht hat. Ich empfinde das als menschenfeindlich. Allein die Begriffe "fremdgehen" oder "betrügen" klingen wie eine Straftat. Das Schlimmste an einer Beziehung ist doch, wenn der Partner sagt: Ich besitze dein Herz und deinen Körper. Und man darf damit nicht machen, was man will. Warum muss es eine Partnerschaft infrage stellen, wenn man mal etwas anderes machen dürfte? Warum kann es sie nicht auch bereichern?

ZEIT ONLINE: Wahrscheinlich, weil es für viele Menschen mit großen Ängsten verbunden ist, wenn der Partner mit einer anderen Person intim sein möchte. Und weil es problematisch ist, wenn ein Partner mit anderen Menschen Sex haben möchte, der andere aber nicht.

Roche: Ja, weil alle denken, Fremdgehen sei immer ein Vergleich und wird der Absprung zur nächsten Beziehung sein. Aber das muss es gar nicht. Ich hatte auch Phasen in einer Beziehung, in denen ich dachte: Ich sterbe, wenn er mir das antut. Es hat viel mit Vertrauen, mit Wachsen zu tun. Ich bin selbstbewusster geworden, ich liebe mich selbst viel mehr als früher. Meinen Körper, wie ich bin. Auch blöde Sachen an mir kann ich besser akzeptieren als früher. Und deswegen bin ich viel souveräner: allein und in der Beziehung. Heute würde ich denken: Mach ruhig, ich muss es auch nicht unbedingt wissen. Selbst wenn ich es verbiete, könnte sich mein Mann verlieben. Und eventuell verliert man einen geliebten Partner eher, wenn man etwas ganz Natürliches tabuisiert. Dann wird eine Beziehung beendet, nur weil man so streng war.

ZEIT ONLINE: Das heißt, Sie und Ihr Mann führen eine offene Beziehung?

Roche: Nicht wirklich. Sie merken, ich bin eine große Anhängerin von solchen Modellen. Bei meinem Mann weiß ich das noch nicht so genau. Das finde ich am spannendsten an unserem Podcast: die Dinge, bei denen wir uns nicht einig sind. Wenn wir vor laufendem Mikrofon das Für und Wider besprechen. Offene Beziehungen sind ja nichts bahnbrechend Neues: Das haben in den Siebzigern viele probiert, und alle sind wieder zurückgerudert, weil es zu verletzend war.