Drei Wochen schon habe ich nichts von ihr gehört. Kein Anruf, keine WhatsApp, keine Mail. Drei Wochen, ungewöhnlich lange für die junge Frau aus Eritrea, die vor vier Jahren aus ihrer Heimat über Äthiopien, Sudan, Libyen und Italien nach Deutschland geflohen war. Bis vor Kurzem waren wir fast täglich zusammen, vor über einem Jahr war Senait in das leere Zimmer meiner Tochter gezogen, die schon vor längerer Zeit zum Studium in eine andere Stadt gegangen war. 

Simone Schmollack ist Journalistin und Buchautorin. Sie studierte Germanistik, Slawistik und Journalistik in Leipzig, Smolensk und Berlin. Sie war über zehn Jahre Autorin und Redakteurin der "taz". Ihre Themenschwerpunkte sind Frauen, Familie, Gender, Soziales, Ostdeutschland, Migration/Integration. Von Dezember 2017 bis Juni 2018 war sie Chefredakteurin der Wochenzeitung "der Freitag". Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Barbara Dietl

Nun ist Senait wieder weg, umgezogen in einen lebendigen Berliner Kiez mit Menschen vieler Nationalitäten, in eine Jugend-WG eines Jugendhilfeträgers. Senait, die eigentlich anders heißt, ist jetzt 21. Ein Alter, in dem sie ihren Alltag eher mit anderen jungen Menschen statt mit mir teilen sollte. Mit denen sie intensiver als mit mir über ihre Sorgen, Ängste und Freuden reden kann. Die da sind, wenn sie sie braucht – ich bin viel unterwegs. 

Eines Abends Anfang Januar, als wir nach dem Essen zusammen in der Küche saßen, fragte ich sie, was sie von einer eigenen Wohnung hielte. Eine eigene Wohnung? Ihre Augen leuchteten, um ihre Mundwinkel schlich sich ein vorsichtiges Lächeln. Da wusste ich: Ab jetzt geht es ohne mich, ab jetzt wird Senait gut zurechtkommen in dem Land, das sie zu ihrer neuen Heimat auserkoren hat.

Bis zu dem Moment im Januar war ich für Senait so etwas wie eine Mutter. Das sagte sie häufig. Wenn ich ihr beispielsweise erklärte, welche Wäsche sie bei 60 und welche besser bei 30 Grad waschen sollte, in welchen Container im Hof die braunen und in welchen die weißen Flaschen gehörten. Wenn wir wieder mal vor einem der grauen Schreibtische im Jobcenter saßen, weil mit der Berechnung von Senaits Sozialgeld etwas nicht stimmte. Wenn wir nach dem Schwimmen in der Halle unter die heiße Dusche stiegen. Wenn wir auf dem Land unterwegs waren und ich versuchte, ihr die deutsche Agrarwirtschaft zu erklären. "Jetzt bist du meine Mutter", sagte sie dann. In ihrem Lachen, das sie hinterherschob, lagen gleichermaßen Dankbarkeit und Sehnsucht. Nach ihrer richtigen Mutter, nach den Gerüchen ihres Dorfes, nach der Sonne in Eritrea.

Senait ist eine von 70.000 Frauen und Männern aus Eritrea, die nach Angaben des Ausländerzentralregisters derzeit in Deutschland leben. Senait hat ihre Familie in dem kleinen Ort nordwestlich der Hauptstadt Asmara über Nacht verlassen. Geflohen aus Angst, in die Armee eingezogen zu werden. In dem afrikanischen Land müssen infolge des jahrzehntelangen Unabhängigkeitskriegs mit dem Nachbarstaat Äthiopien auch Frauen zur Armee. Das hat sich auch durch die aktuelle Entspannung zwischen beiden Ländern nicht geändert. Zudem wird Eritrea weiterhin von einem Diktator beherrscht, Frauen ist vor allem die Rolle im Haus zugedacht: kaum Bildung, keine ökonomische Unabhängigkeit, männlicher Willkür ausgesetzt. 

Einen Tag nachdem Senait, ein paar Helfer und ich ihre unzähligen Taschen mit Kleidung, Küchenutensilien und Schuhen ins Auto gestopft und in ihr neues Zuhause gefahren hatten, stand Senait wieder vor meiner Tür. Sie hatte Sehnsucht. Wir gingen ein Eis essen, und als wir auf einer Bank sitzend einen genussvollen Moment schwiegen, legte sie ihren Kopf auf meine Schulter und sagte: "Heute Nacht habe ich von dir geträumt."

Fast hätte ich gesagt: Komm doch wieder zurück. Das habe ich aber nicht getan, bewusst nicht. Denn wir wissen beide, dass es besser so ist, wie es jetzt ist. Unsere gemeinsame Zeit war von Anfang an begrenzt, unser Zusammenleben ein Experiment – für beide Seiten. Aber es ist gelungen. Und diese drei Wochen ohne ein Zeichen von Senait sind ein beruhigendes Zeichen: Es scheint ihr gut zu gehen.

Senait hat viel vor. Sie will in Deutschland bleiben und Krankenschwester werden. Ich bin mir sicher: Sie wird es schaffen. So wie sie all das, was sie bislang vorhatte, auch geschafft hat. Als sie noch in der Flüchtlingsunterkunft lebte, in einem zwölf Quadratmeter großen Zimmer, zusammen mit einer jungen Frau aus Syrien, hat sich Senait nie beirren lassen. Sie ist jeden Morgen pünktlich aufgestanden und zum Deutschkurs gegangen, sie hat ihre Hausaufgaben gemacht und alle Termine bei den Behörden eingehalten. Sie hat regelmäßig gekocht und ist sorgsam mit dem wenigen Geld umgegangen, das sie hatte. Manch andere Bewohner*innen im Heim vermochten all das nicht, einige machten sich über sie lustig: Du bist ja schon "richtig deutsch". 

Später, als sie schon bei mir wohnte, hatte sie ein top Smartphone, einen Laptop – und viele Ideen. Nach dem Integrationskurs suchte sie sich eine neue Schule, ein Oberstufenzentrum mit dem Schwerpunkt Gesundheit, sie machte zwei Praktika in einem Altenpflegeheim und in einem Krankenhaus. Am Wochenende ging sie nicht nur zum Gottesdienst in einer eritreisch-orthodoxen Kirche, sondern auch noch zum Computerkurs. An manchen Abenden fragte ich sie Englischvokabeln ab und erklärte ihr Prozentrechnung. Mitunter war mir das alles zu viel. Ich arbeite gefühlt ununterbrochen, bin oft bis spät abends unterwegs und müde, wenn ich nach Hause komme. Dann sagte ich schon mal zu Senait: "Ich kann deinen Vortrag über die Körperfunktionen heute nicht mehr abhören, ich muss sofort ins Bett."