Bitte, bitte mehr Verbote!

Der größte Feind des Sinneswandels ist die Gewohnheit. Sie wirkt stärker als die Informationsvermittlung, stärker als die Aufklärung. Andernfalls wären die meisten Menschen schlank und bewegten sich täglich an der frischen Luft. Sie würden Gutes tun und tippitoppi Typen sein. Niemand würde sich, einem anderen oder der Umwelt schaden.

Der Handykonsum beispielsweise. Alle Menschen, die ein Mobilfunktelefon benutzen, wissen, wie ihr Gerät zustande kommt. Sie wissen, dass dafür Kinder misshandelt und ausgebeutet werden. Heute, am 12. Juni, ist der Welttag gegen Kinderarbeit. Das UN-Kinderhilfswerk Unicef meldet, dass 40.000 Kinder in den Minen im Süden des Kongo arbeiten. Sie graben mit bloßen Händen unter Tage nach Kobalt. Ohne Schutzkleidung, in gebückter Haltung, stundenlang. Laut Amnesty International wird die Hälfte des Kobalts auf dem Weltmarkt von Kindern im Kongo abgebaut. Dieser Rohstoff landet in deutschen Autos von BMW und Daimler, in Handys von Apple, Sony, Samsung und Microsoft. Gibt es irgendeinen Deutschen, der angesichts dieser Tatsache auf sein Telefon verzichten würde? Natürlich nicht. Obwohl keine Eltern so ein Leben für ihren Malte oder Murat akzeptieren würden, können sie es für ein Kind im Kongo in Kauf nehmen, dass es mit Anfang Zwanzig kaputt von der Arbeit sein wird. Keine Gesundheitsversorgung hat. Keine Schule besuchen darf. Immer an der Grenze zur Unterernährung darbt. Ein Kind spielt am Handy. Ein anderes Kind stirbt am Handy. Man ändert nichts. Es ist die Gewohnheit. So ist wohl das Leben.

Die betreffenden Firmen streiten das alles nicht einmal ab. Sie erklären, dass die Dienstleister vor Ort Mist bauen würden. Egal ob es sich um die Handy- oder die Textilindustrie handelt oder die Landwirtschaft. Immer heißt es, man habe Abkommen darüber getroffen, dass es bei der Gewinnung der Rohstoffe oder bei der Produktion von Waren keinesfalls zu Menschenrechtsverletzungen kommen dürfe. Man habe den Leuten vor Ort vertraut. So ähnlich formuliert man in Statements für die Öffentlichkeit, wenn mal wieder eine Schweinerei ans Licht kommt. Dann heißt es manchmal, man wurde übers Ohr gehauen. Die Konzerne sind dann im Prinzip auch nur Opfer. Ja, klar sind die Erklärungen lächerlich. Man glaubt nichts davon. Aber irgendwie hofft immer wer, dass es sich schon irgendwie regelt. Es regelt sich aber nichts von allein. Nie.

Ein paar Menschen kaufen alternative Produkte, die fairer produziert werden. Der Rest ist geil auf die neueste Version von irgendwas. Die Kinder derweil schaufeln wie verrückt weiter. Das ist das 21. Jahrhundert.

Die Kenntnis über das viele Plastik im Meer, die weggeworfenen Lebensmittel, die Vernichtung der retournierten Waren von Dienstleistern, die Privatisierung von Wasservorkommen und Plünderung von Agrarflächen armer Länder durch einflussreiche Lebensmittelkonzerne und, und, und – das alles verändert das Kaufverhalten und die Parteipräferenzen der Europäer kaum bis gar nicht. Der Konsument der reichen Industrienation wähnt sich in einer Art Naturrecht gegenüber seinen Mitmenschen, die für seinen Wohlstand in den Entwicklungsländern draufgehen. Vielleicht ist das so, weil sie das Leiden nicht sehen können. Oder nicht oft genug. Von deutschen Hühnern in Legebatterien wurden sehr lange sehr oft sehr viele Filmaufnahmen gezeigt. Von kongolesischen Kindern unter Tage nicht. Die desaströsen Arbeitsbedingungen bleiben weitgehend unbebildert. Man liest darüber, aber man sieht nichts.

Gleichzeitig wird jeder Versuch einer Organisation oder einer Partei, die versucht, diesen exorbitant obszönen Konsum und die dafür erforderlichen Produktionsbedingung zu regulieren, skandalisiert. Verbotspartei heißt es seit einigen Jahren, sobald jemand versucht, etwas zu verändern.

Wo sind die Politiker?

Es gibt Bürger, für die der Gedanke, anderen zu schaden, unerträglich ist. Diese Bürger unterstützen vielleicht die internationalen Hilfsorganisationen wie Medico International oder zahlen einen Jahresbeitrag für Amnesty. Sie laufen bei Fridays For Future mit, bei #Unteilbar oder Pulse of Europe. Sie unterstützen vielleicht vor Ort kleinere Initiativen und haben das Greenpeace Magazin abonniert. Sie sind verstreut, nicht immer miteinander vernetzt, aber sie sind da. Zivilisation und Fortschritt entstanden noch nie aus Massenbewegungen, sondern sind das Verdienst der Avantgarde. Das Verbot von Sklavenhandel und Kinderarbeit, die Einführung des Frauenwahlrechts, die Arbeitnehmerrechte – das alles sind Beispiele dafür, dass der Bewusstseinswandel kein strömender Fluss ist, sondern eher wie ein lecker Wasserhahn in die Gesellschaft tröpfelt. Welche Partei sollen diese Bürger, die unbeirrt und beharrlich vor sich hin tröpfeln, wählen? Wo endlich gibt es eine Verbotspartei, die gegen asoziales Verhalten der Industrie kämpft? Wo sind die Politiker, die sich etwas noch größeres und radikaleres als einen Veggie Day zu fordern trauen? Stattdessen eine Ministerin, die sich an die Seite eines mächtigen Konzerns stellt und jubelt, als handele es sich bei Nestlé um eine Menschenrechtsorganisationen mit humanitärem Kompass. 

Egal ob Veggie Day, Amazon-Retourenvernichtungsverbot, das Kastrieren unbetäubter Tiere, CO2-Steuer oder was auch immer; es schreien die politischen Kommentatoren auf: "Verbot, Verbot!"

Man müsste entgegnen: Ja klar, Verbote. Was denn sonst? Es braucht nicht weniger Regulierung, sondern mehr. Bitte, bitte noch mehr Verbote! Und bei Grenzübertritt fette Strafzahlungen. Geld ist die einzige Sprache, die Konzerne verstehen.

Wenn man Herstellern nicht verbietet, ihren chemischen Schrottzucker in süchtig machende Lebensmittel zu kippen, wird sich nichts ändern. Jedes Jahr erkrankt hierzulande eine halbe Million Menschen an Diabetes Typ 2. Insgesamt sind es rund sieben Millionen Deutsche. Das kommt nicht durch Sellerieknabbern zustande – und es lässt sich nicht durch wohlmeinende "Esst mehr Sellerie"-Kampagnen irgendwelcher Bundesministerien in den Griff kriegen, solange eine ganze Werbeindustrie suggeriert, dass Milchschnitte, Knoppers und andere Kunstprodukte Lebensmittel seien, bloß weil man sie in den Mund stecken und herunterschlucken kann.

Freiheit nennen es jene Politiker, denen das Wohl der Agrarindustrie – nur ein Beispiel – näher ist als das Wohl der Wähler. Wie lächerlich. Was ist denn der Staat? Wann genau fing das eigentlich an, dass das Verbieten tabuisiert wurde? Kann es sein, dass die am Diskurs beteiligten gar nicht merken, dass der Staat auf dem Fundament von Verboten steht? Man kann die Grundrechte nämlich auch so lesen: Was alles nicht erlaubt ist.

Ohne die Parallelwelt des Welthandels und seiner Freihandelszonen und Handelsabkommen, dieser Parallelgesellschaft mit ihren Parallelgesetzen, ist der Zusammenhang zwischen Konsum, Kinderarbeit, Ausbeutung und Migration nicht zu verstehen. Wer empfänglich bleibt für die Erkenntnis, dass der eigene Lebenswandel praktisch und konkret verbunden ist mit dem Leid anderer Menschen in anderen Ländern, kann Themen wie Flucht und Migration eben nicht einfach abwimmeln. Schon gar nicht mit dem Argument, dass "die" Afrikaner oder "die" Osteuropäer falsche Machthaber gewählt haben. Ein Land wie Rumänien, das über fruchtbaren Boden verfügt, ist nicht zufällig arm. Vierzig Prozent seiner Agrarflächen sind an ausländische Investoren verkauft. Wenn "der" arme Rumäne zu uns kommt, handelt es sich nach Ansicht der Rechten um Einwanderung in die deutschen Sozialsysteme. Wenn deutsche Unternehmen wie die Allianz-Versicherung mit ihren Ablegern den Rumänen Land wegnehmen, nennt man es Business.

Die Vorstellung der empfindsamen Leinenbeutelträger, dass sie mit ihrem Lebenswandel den jährlichen Plastiktütenkonsum pro Kopf senken und das Problem damit im größeren Maßstab lösen zu können, ist lieb gemeint. Es ist aber unrealistisch, dass jeder Konsument sich vom Geschirrspülmittel über die Babywindel bis hin zum Aufladekabel jedes Mal den Kinderarbeitsreport und Umweltbericht durchackert. Man hat ja schließlich einen Beruf und auch noch anderes zu tun. Bevor der Patient seine Medikamente schluckt, liest er sich doch auch nicht 150 klinische Studien durch. Er muss sich darauf verlassen können, dass ihn das Zeug nicht umbringt. Und so muss es mit allem anderen auch sein. Man muss in Deutschland essen, trinken, einkaufen, bestellen und zurückschicken können und sich darauf verlassen dürfen, dass man nichts und niemanden damit schadet, allerhöchstens sich selbst. Dafür braucht es, Pardon für die Wiederholung, Gesetze. Also Verbote.