Es gibt Bürger, für die der Gedanke, anderen zu schaden, unerträglich ist. Diese Bürger unterstützen vielleicht die internationalen Hilfsorganisationen wie Medico International oder zahlen einen Jahresbeitrag für Amnesty. Sie laufen bei Fridays For Future mit, bei #Unteilbar oder Pulse of Europe. Sie unterstützen vielleicht vor Ort kleinere Initiativen und haben das Greenpeace Magazin abonniert. Sie sind verstreut, nicht immer miteinander vernetzt, aber sie sind da. Zivilisation und Fortschritt entstanden noch nie aus Massenbewegungen, sondern sind das Verdienst der Avantgarde. Das Verbot von Sklavenhandel und Kinderarbeit, die Einführung des Frauenwahlrechts, die Arbeitnehmerrechte – das alles sind Beispiele dafür, dass der Bewusstseinswandel kein strömender Fluss ist, sondern eher wie ein lecker Wasserhahn in die Gesellschaft tröpfelt. Welche Partei sollen diese Bürger, die unbeirrt und beharrlich vor sich hin tröpfeln, wählen? Wo endlich gibt es eine Verbotspartei, die gegen asoziales Verhalten der Industrie kämpft? Wo sind die Politiker, die sich etwas noch größeres und radikaleres als einen Veggie Day zu fordern trauen? Stattdessen eine Ministerin, die sich an die Seite eines mächtigen Konzerns stellt und jubelt, als handele es sich bei Nestlé um eine Menschenrechtsorganisationen mit humanitärem Kompass. 

Egal ob Veggie Day, Amazon-Retourenvernichtungsverbot, das Kastrieren unbetäubter Tiere, CO2-Steuer oder was auch immer; es schreien die politischen Kommentatoren auf: "Verbot, Verbot!"

Man müsste entgegnen: Ja klar, Verbote. Was denn sonst? Es braucht nicht weniger Regulierung, sondern mehr. Bitte, bitte noch mehr Verbote! Und bei Grenzübertritt fette Strafzahlungen. Geld ist die einzige Sprache, die Konzerne verstehen.

Wenn man Herstellern nicht verbietet, ihren chemischen Schrottzucker in süchtig machende Lebensmittel zu kippen, wird sich nichts ändern. Jedes Jahr erkrankt hierzulande eine halbe Million Menschen an Diabetes Typ 2. Insgesamt sind es rund sieben Millionen Deutsche. Das kommt nicht durch Sellerieknabbern zustande – und es lässt sich nicht durch wohlmeinende "Esst mehr Sellerie"-Kampagnen irgendwelcher Bundesministerien in den Griff kriegen, solange eine ganze Werbeindustrie suggeriert, dass Milchschnitte, Knoppers und andere Kunstprodukte Lebensmittel seien, bloß weil man sie in den Mund stecken und herunterschlucken kann.

Freiheit nennen es jene Politiker, denen das Wohl der Agrarindustrie – nur ein Beispiel – näher ist als das Wohl der Wähler. Wie lächerlich. Was ist denn der Staat? Wann genau fing das eigentlich an, dass das Verbieten tabuisiert wurde? Kann es sein, dass die am Diskurs beteiligten gar nicht merken, dass der Staat auf dem Fundament von Verboten steht? Man kann die Grundrechte nämlich auch so lesen: Was alles nicht erlaubt ist.

Ohne die Parallelwelt des Welthandels und seiner Freihandelszonen und Handelsabkommen, dieser Parallelgesellschaft mit ihren Parallelgesetzen, ist der Zusammenhang zwischen Konsum, Kinderarbeit, Ausbeutung und Migration nicht zu verstehen. Wer empfänglich bleibt für die Erkenntnis, dass der eigene Lebenswandel praktisch und konkret verbunden ist mit dem Leid anderer Menschen in anderen Ländern, kann Themen wie Flucht und Migration eben nicht einfach abwimmeln. Schon gar nicht mit dem Argument, dass "die" Afrikaner oder "die" Osteuropäer falsche Machthaber gewählt haben. Ein Land wie Rumänien, das über fruchtbaren Boden verfügt, ist nicht zufällig arm. Vierzig Prozent seiner Agrarflächen sind an ausländische Investoren verkauft. Wenn "der" arme Rumäne zu uns kommt, handelt es sich nach Ansicht der Rechten um Einwanderung in die deutschen Sozialsysteme. Wenn deutsche Unternehmen wie die Allianz-Versicherung mit ihren Ablegern den Rumänen Land wegnehmen, nennt man es Business.

Die Vorstellung der empfindsamen Leinenbeutelträger, dass sie mit ihrem Lebenswandel den jährlichen Plastiktütenkonsum pro Kopf senken und das Problem damit im größeren Maßstab lösen zu können, ist lieb gemeint. Es ist aber unrealistisch, dass jeder Konsument sich vom Geschirrspülmittel über die Babywindel bis hin zum Aufladekabel jedes Mal den Kinderarbeitsreport und Umweltbericht durchackert. Man hat ja schließlich einen Beruf und auch noch anderes zu tun. Bevor der Patient seine Medikamente schluckt, liest er sich doch auch nicht 150 klinische Studien durch. Er muss sich darauf verlassen können, dass ihn das Zeug nicht umbringt. Und so muss es mit allem anderen auch sein. Man muss in Deutschland essen, trinken, einkaufen, bestellen und zurückschicken können und sich darauf verlassen dürfen, dass man nichts und niemanden damit schadet, allerhöchstens sich selbst. Dafür braucht es, Pardon für die Wiederholung, Gesetze. Also Verbote.