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Bild anzeigen Dieses Foto zeigt verstörende Inhalte
Óscar Ramírez und seine Tochter Valeria wollten aus El Salvador in die USA flüchten. Anfang der Woche wurden sie am Ufer des Rio Grande tot aufgefunden. © Julia Le Duc/STR/AFP/Getty Images

Es gibt Bilder, die uns nicht mehr loslassen. Bilder, auf die ein Blick genügt, um in Tränen auszubrechen. Bilder, die erreichen, woran tausend Bücher, Reportagen und Leitartikel scheitern: dass wir etwas verstehen, wofür wir vorher blind waren. Das Foto von Óscar Alberto Martínez Ramírez und seiner 23 Monate alten Tochter Valeria, die am Montag im Rio Grande, dem Grenzfluss zwischen Texas und Mexiko, ertrunken sind, gehört zu diesen Bildern. Ramírez wollte mit seiner Tochter in die USA flüchten.

Nur wenige Fotos wurden in diesem Jahr häufiger in den Social Media geteilt. Die Aufnahme der mexikanischen Fotojournalistin Julia Le Duc ist innerhalb weniger Tage um die Welt gegangen. So wurde das Foto zum Symbolbild des Flüchtlingselends, das sich an der amerikanischen Grenze zu Mexiko ereignet. Es weckt ein kollektives Gefühl der Empathie und vermittelt eine Ahnung von einer bitteren Realität, die wir sonst lieber ignorieren.

Le Ducs Foto reiht sich ein in eine kleine Gruppe ikonografischer Bilder humanitärer Katastrophen. Das Bild des neunjährigen Mädchens Kim Phúc, das während des Vietnamkriegs mit schweren Verbrennungen vor einem Napalmangriff flieht, gehört dazu. Das Foto des irakischen Gefängnisinsassen Ali al-Kaisi, der mit Umhang und Kapuze über dem Kopf von amerikanischen Soldaten in Abu Ghraib zum Spaß gefoltert wurde. Oder das des zwei Jahre alten syrischen Jungen Alan Kurdi, der auf der Flucht im Mittelmeer ertrank und dessen Leichnam an die türkische Küste gespült wurde. Diese Bilder haben sich in unser kulturelles Gedächtnis gebrannt. Doch was kann die Betroffenheit, die sie in uns hervorrufen, tatsächlich bewirken?     

Wie die amerikanische Intellektuelle Susan Sontag 2003 in ihrem Essay Das Leiden anderer betrachten darlegte, gehört es heute selbstverständlich zu unserem Alltag, Bilder von Kriegen, Naturkatastrophen und humanitären Tragödien anzuschauen. Ihrer Meinung nach müssen wir uns daran gewöhnen, dass wir ob der massenmedialen Bilder des Schreckens abstumpfen. Denn der Schockwert solcher Bilder, so Sontag, bedeute zunächst einmal gar nichts. Bilder haben keine eindeutigen Botschaften. Wie sie gelesen werden, hänge davon ab, mit welchen kollektiven Erzählungen wir sie belegen.     

Die Erzählungen, die sich um das Bild des ertrunkenen Ramírez und seiner Tochter ranken, sind komplex. Vielleicht spricht es auch deshalb so viele Menschen an. Man sieht keine aufgedunsenen Wasserleichen, sondern einen Mann und ein Kleinkind, die regungslos im Wasser vor einer Uferböschung treiben. Der Oberkörper des Kindes steckt unter dem schwarzen T-Shirt des Mannes, der wahrscheinlich gehofft hatte, es so in der Strömung des Flusses bei sich halten zu können. Die Drastik des Bildes entsteht nicht vorrangig durch sein schauriges Motiv, sondern eher durch die symbolhafte Anonymität der Ertrunkenen. Da sie bäuchlings im Wasser treiben, wird sogar das Persönlichkeitsschutzrecht der Verstorbenen gewahrt. Das erschütterndste Detail des Bildes ist der Arm des kleinen Mädchens, der um den Hals des Vaters liegt. Der Philosoph Roland Barthes bezeichnete ein solches Detail als das punctum eines Fotos, das Detail, das uns trifft, besticht und verwundet. Das etwas Unsagbares zum Ausdruck bringt. Viele von uns werden sich aufgrund dieses Arms noch lange an das Bild erinnern.

Julia Le Ducs Foto fällt in eine Zeit, in der die Flüchtlingsbewegungen weltweit zunehmen. Allein an der Südgrenze der USA hat sich die Zahl der Flüchtlinge im vergangenen Halbjahr auf mehr als 676.000 verdoppelt. Aufgrund des Klimawandels werden diese Zahlen bald noch weiter steigen. Jedes Jahr ertrinken Tausende Flüchtlinge im Mittelmeer oder sterben in der Wüste des Rio Grande Valley. Wir alle wissen das, doch niemand von uns ist in der Lage, sich vorzustellen, was diese Zahlen konkret bedeuten. Dieses Foto übersetzt die Zahlen ins Konkrete, indem es den Blick auf das Einzelschicksal eines Vaters und seiner kleinen Tochter lenkt. Es lädt alle Väter und Mütter dieser Welt zur Identifikation mit Ramírez ein. Ja, es zwingt sie beinahe dazu.