Ich wuchs mit dem Gefühl auf, dass Angehörige des weiblichen Geschlechts etwas Besonderes sind: Am Weltfrauentag bekam ich immer eine Nelke geschenkt. Die Männer in meiner familiären Umgebung waren aufrechte Feministen. Ich hatte keine Onkel, die mir in den Hintern kniffen oder sexistische Kommentare abgaben. Zu Hause waren wir Frauen in der Überzahl. Mein Vater spülte und holte mich vom Kindergarten ab. Meine Mutter ging einige Tage nach ihrer Rückkehr aus der Frauenklinik auf eine Parteisitzung und ließ meinen Vater mit mir und (zu wenig) Milch zu Hause zurück.

Im Studium las ich Gendertheorien und fand auch, dass es unfair ist, den Frauen das Kreuz mit der Reproduktion alleine aufzubürden. Aber Dank der Möglichkeiten partnerschaftlicher Arbeitsteilung und staatlicher Unterstützung stellte ich mir das Kinderkriegen weniger als "Tyrannei der Fortpflanzung" vor, wie es Shulamith Firestone in Frauenbefreiung und sexuelle Revolution beschreibt, sondern als eine Frage der Organisation.

Lisa Andergassen ist Medienwissenschaftlerin und freie Autorin. Ihre Schwerpunkte liegen auf dem Verhältnis von Fotografie und digitaler Kultur zu feministischer Theorie und Porn Studies. Sie lehrt und forscht an der FH und Universität Potsdam. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Weil meine Freunde und ich lieber ausgingen, als auf Spielplätzen abzuhängen, waren meine Vorstellungen davon, was Babys so machen, nicht von eigenen Erfahrungen geprägt, sondern von dem, was ich aus Film und Fernsehen mitnahm. Da fand die Geburt in einer sterilen Umgebung statt und die Mütter hatten danach Zeit, sich auszuruhen. Die Babys lagen meist in oder auf einem kinderfreundlichen Möbelstück herum, saugten an Schnuller oder Flasche, schliefen oder spielten mit ihren Füßen. Das Leben geht weiter, nur dass die Eltern jetzt eben einen Kinderwagen vor sich herschoben.

2016 bin ich selbst schwanger. Und plötzlich ist es nicht mehr so toll, eine Frau zu sein. Während ich in einen alles verändernden Zustand katapultiert werde, bleibt für meinen Freund erst mal alles beim Alten. Außer dass wir weniger Sex haben, weil er Angst hat, dem Baby ins Auge zu stechen. Die Geburt erlebe ich als Nahtoderfahrung. Danach sehe ich wochenlang doppelt, weil mir beim Pressen eine Ader im Auge geplatzt ist. Ich kann nicht aufstehen, um den Kinderwagen vor mir herzuschieben, weil mein Beckenboden so ausgeleiert ist, dass die Schwerkraft weh tut. 

Das kleine Bündel Mensch, das eben noch in meinem Bauch war, möchte aber ohnehin niemals und unter gar keinen Umständen abgelegt werden, sondern besteht lautstark auf Körperkontakt. Ich bin seine einzige Nahrungs- und Beruhigungsquelle. Wenn ich nicht da bin, schreit es. Mein Freund geht eine Woche nach der Geburt auf eine Party und ich lasse es zu, weil ich auch das gelernt habe: dass Frauen selbstständig sind und ihren Kram mit sich selbst ausmachen, anstatt dem Partner Solidarität abzuverlangen. 

Während er für sich das Recht der Wahl in Anspruch nimmt, stelle ich dem Baby meinen Körper bedingungslos zur Verfügung und muss zusehen, wie meine Hormone jede rational gesteuerte Gegenwehr aufweichen: Wie ein aufgescheuchtes Mutter-Huhn höre ich unser Kind als Erste, wenn es etwas braucht, lese alle nonverbalen Zeichen früher, bin in ständiger Habachtstellung und fühle mich schuldig, wenn ich mich mal fünf Minuten im Badezimmer verstecke. Östrogenumnachtet und ohne Erfahrungswerte, die mir Halt geben könnten, habe ich Schwierigkeiten, mich in meiner Situation zurechtzufinden.

Als mein Freund mir erklärt, unser Kind brauche seine Mutter, erstarre ich. Ich würde ihn gerne eines Besseren belehren und ihm das ABC der Gleichberechtigung in den Schädel hämmern. Aber ich bin müde und meine Tochter hat die Frage ohnehin schon längst entschieden. Weil sie weder Schnuller noch Flasche annimmt, habe ich keine Wahl. Ich muss die Rolle der (ihrer Autonomie beraubten) Versorgerin erfüllen, die ich glaubte, schon in der zweiten Generation hinter mir gelassen zu haben.

Mein feministisches Selbstverständnis löst sich jetzt in Luft auf. Mein Gehirn ist weichgekocht, mein Radius geschrumpft, meine Tage dadurch strukturiert, dass ich mir alle zwei Stunden das T-Shirt hochzerren muss, um fremde Bedürfnisse vor den eigenen zu stillen. Darauf hat mich weder mein Elternhaus, die feministische Theorie noch das Seriengucken vorbereitet.

Ich handle instinktiv mütterlich, aber immer am Rande der Identitätskrise, die sich auch aus dem Gefühl speist, irgendwie verarscht worden zu sein. Weil sich nun doch zeigt, dass mein biologisches Geschlecht über das Gesellschaftliche triumphiert und dass keine Theorie die Naturgewalt (ja, ich sage Naturgewalt!) des Kinderkriegens jemals einholen kann. Die Nonchalance, mit der die jungen Fernseheltern einfach ihrem Leben nachgehen, als sei nie etwas gewesen, lässt mir plötzlich das Mutterblut in den Adern gefrieren.