Sitzen zwei Männer auf einer Bühne, Alphatiere des Berliner Kulturbetriebs, müssen sehr oft "ich" sagen und fühlen sich dabei einerseits ganz gut, andererseits aber offensichtlich auch nicht ganz wohl. Denn einerseits ist das natürlich ein stolzer Moment für einen Kultursenator wie Klaus Lederer (Linke), wenn er im Roten Salon der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz "meine Intendanzentscheidung" für Berlins größtes Theater verkünden kann. Und für einen zukünftigen Intendanten wie René Pollesch ist es natürlich auch sehr schön, wenn er Sätze wie "Ich bin ganz klar von Castorf zu unterscheiden" loswird.

Aber da schwingt eben immer auch das große Andererseits mit, auf das der zweite zitierte Satz Bezug nimmt: Was ist aus dem ganzen Neuanfang geworden, wenn da jetzt der neben Ex-Intendant Frank Castorf wichtigste Theatermacher dieses Hauses der letzten 20 Jahre als zukünftiger Chef vorgestellt wird? Was ist mit der Hoffnung auf ein jüngeres, vielfarbigeres und nicht zuletzt weiblicheres Theater, wenn da der Silberrücken auf offener Bühne sitzt? Und gleich mal eine ganze Kaskade von Namen präsentiert, die nach dem unseligen Dercon-Intermezzo und der bis 2021 andauernden Interimsintendanz von Klaus Dörr mit ihm und für ihn an die Volksbühne zurückkehren werden. Von Martin Wuttke bis Fabian Hinrichs ist einiges dabei – und auch Sophie Rois kommt nach, wenn 2022 ihr Engagement am Deutschen Theater ein paar Hundert Meter entfernt endet. Wohliges Raunen im Zuschauerraum, in dem sich neben diversen Berliner Kulturjournalistinnen auch einige Volksbühnenfans und -weggefährten befinden.

Was sich – "Sitzen zwei Männer…" – wie ein Witz liest, spiegelt eine schwierige Theaterrealität in der deutschen Hauptstadt wider. Und die Pressekonferenz, bei der Lederer Pollesch und Pollesch sein Konzept in groben Zügen vorstellt, ist das vielleicht gewagteste theatrale Unterfangen in diesem Haus seit Jahren. So viele Abgründe sind und waren wohl auch im Vorfeld zu umschreiten. Hätte Pollesch mit seiner ganzen alten Gang die Bühne geentert, hätte das genau jene Bilder produziert, zu denen die Freundinnen der radikalen Erneuerung gesagt hätten: Guck mal, alles wieder beim Alten, nur mit einem anderen Alten! Hätte er sich nur mit Neulingen umgeben, zuvorderst der von ihm mehrfach erwähnten Ida Müller, die zugleich Chefausstatterin und Integrationsfigur im Haus werden soll, hätten sich Theaterfans gefragt: Wo bleibt die Kontinuität (bei der man die Dercon-und-Dörr-Zeit ausblendet), das einzigartig Bewährte, das wir so vermissen?

So sitzt Pollesch da nun fast allein mit Lederer, der auch etwas zwiespältig wirkt angesichts einer "der schwersten Entscheidungen meiner Amtszeit", auf die – das ist ihm wichtig zu betonen – "mehr Beraterinnen als Berater" Einfluss hatten. Doch auch weil die unsichtbar bleiben, steht am Ende die grundsätzliche Frage, die weder Lederer noch Pollesch in diesem Moment anders als mit "Ja" beantworten könnten: Ist diese eher restaurative Personalie wirklich die bestmögliche für eine große Zukunft der Volksbühne?

Hurra, hurra, die Restauration ist da

Natürlich ist sie restaurativ – und damit zweifelhaft in einem Haus der Avantgarde. Restauration bezeichnet die Wiederherstellung früherer Verhältnisse. Der Begriff wird gemeinhin gebraucht, wenn progressive Bewegungen zurückgedrängt werden und sich ein altes Regime noch einmal – zumeist für eine dann vergleichsweise kurze Zeitspanne – ins Zentrum des Geschehens setzt. Selten, dass dabei die einstigen Herrscher selbst noch einmal an die Macht kommen, meist sind es Nachfahren, auch geistige. Mit der Benennung Polleschs setzt sich im Inneren der Volksbühne ein restaurativer Prozess fort, der mit der Wiederaufstellung von Bert Neumanns berühmtem Räuberrad vor dem Eingang im September 2018 bereits begonnen hat. Der Erbhof, um noch ein anderes, deutscheres Bild zu bemühen, ist ab 2021 nach einer Zeit der Einquartierung und dem Intermezzo eines Landverwalters wieder ganz in Familienhand.

Dabei steht außer Zweifel, dass sich Polleschs Volksbühne von Castorfs Volksbühne unterscheiden wird. Es wird aber auch so sein, dass die Volksbühne derer Castorfs wieder ähnlicher wird, als sie es zuletzt war. Und für all jene, die ihr etwas ferner stehen als die alten Fans, wird sie ihr vielleicht noch ähnlicher, als es die Innensicht ahnen lässt. Denn natürlich werden sie wieder mächtige Schauspielerinnen und Schauspieler prägen, natürlich werden Text- und Regiearbeitende mit ihnen zusammen den Stoff durchwirken, wie es sonst fast nirgendwo geschieht. Und auch diese Prozesse, denen Pollesch explizit das neumodische Tim-Renner-Gerede von "Teams" verweigert und lieber das alte "Kollektiv" hochhält mit all seinen informellen autoritären Strukturen, werden wieder die altbekannte elitäre Ruppigkeit haben, das deutet der zukünftige Intendant klipp und klar an mit dem Zuruf an empfindsamere Theatermacherinnen: "Man kann keine Pudelnummer mit Raubtieren machen."