"Es gibt keine per se rechte oder linke Architektur" – Seite 1

Die neue Ausgabe der Architekturzeitschrift "Arch+", die vor kurzem erschienen ist, hat mit dem Schwerpunktthema: "Rechte Räume" unmittelbar eine Debatte ausgelöst. Gestritten wird nicht so sehr um die Arbeitshypothese einiger Heftbeiträge, bestimmte Orte in Europa und in den USA als "Seismographen einer identitätspolitischen Wende" in der Architektur zu betrachten: "In ihrem Triumphzug führt die Neue Rechte als Beute die Baukultur als identitätspolitisches Programm mit", heißt es etwa im Editorial des Heftes. Die Debatte entzündet sich stattdessen vor allem an einem konkreten Beispiel in Berlin: Auf dem Walter-Benjamin-Platz hat der zuständige Architekt Hans Kollhoff bei der Fertigstellung vor bereits 18 Jahren eine Inschrift mit einem Zitat des amerikanischen Schriftstellers Ezra Pound anbringen lassen. Dieses sei antisemitisch, so ein in "ARCH+" geäußerte Vorwurf.

Die Ausgabe wurde von der Redaktion zusammen mit dem Institut für Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen (IGmA) der Universität Stuttgart gestaltet. Das Institut leitet der Architekturtheoretiker Stephan Trüby, er war Gastredakteur bei der Ausgabe und hat für diese einen Einführungstext zum Thema verfasst. Hier nimmt er Stellung zu der Kritik an den Thesen zu "rechten Räumen".


ZEIT ONLINE: Herr Trüby, was haben Sie eigentlich gegen Fachwerkhäuser?

Stephan Trüby: Überhaupt nichts! Ich liebe Fachwerkhäuser! Ich liebe Altstädte. Ich vermute, Ihre Frage bezieht sich auf einen Artikel, den ich vor gut einem Jahr in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über die teilweise neu aufgebaute und im vergangenen September eröffnete Altstadt in Frankfurt geschrieben habe. Ich habe darin nachgewiesen, dass die erste parlamentarische Initiative zu ihrer Rekonstruktion auf zwei Rechtsradikale zurückgeht, den Lokalpolitiker Wolfgang Hübner und den Publizisten Claus Wolfschlag. Die Initiative wurde dann aber von einer schwarz-grünen Koalition aufgegriffen und umgesetzt. Mein Hinweis führte zu einem Gegenartikel in der Welt, dessen Autor mir unterstellte, dass ich Fachwerk für "faschistisch" halten würde. Das tue ich natürlich nicht. Übrigens kam das Wort Fachwerk in meinem Artikel nicht einmal vor.

ZEIT ONLINE: Was lehrt uns die Reise, die Sie durch Europa unternommen haben und deren Ergebnisse Sie unter dem Stichwort "Rechte Räume" in der Architekturzeitschrift ARCH+ präsentieren, über den Zustand der Architektur?

Trüby: Sie lehrt uns viel mehr als nur etwas über Architektur – nämlich etwas über die Zustände der verschiedenen europäischen Gesellschaften. Ich habe diese Reise mit Kollegen und Studierenden im November 2018 unternommen. Sie führte uns tatsächlich entlang der berüchtigten Achse Rom–Berlin, und wir haben dabei versucht, historische Faschismen in Phänomenen zu erkennen, die ein neuerliches Aufkommen autoritärer, wenn nicht gar faschistischer Politiken belegen könnten.

ZEIT ONLINE: Sind Sie fündig geworden?

Trüby: Oh ja! Wenn wir derzeit etwa einen Blick in das politische Italien werfen, kann es einem angst und bange werden. Ebenso, wenn wir nach Ungarn oder Polen blicken. Dazu haben wir versucht, die Befunde unserer Reise durch Zuschaltungen aus anderen Ländern, etwa Großbritannien, den Niederlanden und auch der Türkei zu ergänzen.

ZEIT ONLINE: Und in all diesen Ländern finden Sie Belege dafür, dass rechte, nationalistische Kreise die Architektur für ihre Zwecke wiederentdeckt haben und sie erneut einsetzen?

Trüby: So kann man es sagen, ja. Das betrifft die Architektur und insbesondere das Thema Denkmäler. Es gibt eine wichtige Vokabel in diesem Zusammenhang, sie lautet Metapolitik.

ZEIT ONLINE: Also der Versuch, theoretische Aussagen über die Politik selbst und ihre Bedingungen zu formulieren.

Trüby: Nun, es ist ein Begriff, der ursprünglich von der Linken geprägt wurde, und zwar von dem Italiener Antonio Gramsci. Inzwischen hat die Neue Rechte ihn als einen Lieblingsbegriff übernommen. Gemeint ist, dass man erst den kulturellen Raum beherrschen muss, um dann am Ende auch faktisch regieren zu können. Zu diesem metapolitischen Raum gehören Mode, Kunst, Theater – und nicht zuletzt auch die Architektur.

ZEIT ONLINE: Es geht also um die Frage, wie sich Architektur zu politischen Zwecken instrumentalisieren lässt?

Stephan Trüby hat vor der Übernahme seiner Professur in Stuttgart Architekturtheorie an der Harvard University gelehrt und war Professor für Architektur und Kulturtheorie an der TU München. Er schreibt derzeit an einem Buch zum Thema "Rechte Räume". © Uli Regenscheit

Trüby: So ist es. Wir haben dann auch spätestens auf unserer Reise festgestellt, dass rechtsextreme Bewegungen in Italien eine recht fortgeschrittene Urbanismus-Diskussion führen, besonders um die neofaschistische Partei CasaPound herum. Und auch andere rechtspopulistische bis rechtsradikale Gruppierungen stellen solche metapolitischen Überlegungen an, um sich in ihren Gesellschaften zu verankern.

ZEIT ONLINE: Sie geben damit ja sehr deutlich die Richtung vor, in der Ursache und Wirkung miteinander verknüpft sein sollen – die Architektur ist ein Werkzeug der Ideologie und bestimmt das Bewusstsein. Aber kann man das immer so eindeutig sagen? Oder sind auch Architekten die Täter, indem sie durch ihre Bauten nicht nur eine Lebensweise vorgeben, sondern damit auch politische Haltungen und Weltanschauungen?

Trüby: Zunächst: Es gibt keine per se rechte oder linke Architektur. Das betone ich immer wieder. Aber es gibt rechte Räume. Einige davon – möglichst unterschiedliche – haben wir auf unserer Reise aufgesucht, um sie für das ARCH+-Heft zu analysieren. Denn tatsächlich ist das Verhältnis von Architektur und Ideologie sehr komplex. Da gibt es keine einfachen Verknüpfungen von Ursache und Wirkung. Aber einen Zusammenhang gibt es ganz offenkundig. Und den versuchen wir an den verschiedenen Beispielen deutlich zu machen, europaweit und bis in die USA.

Eine "erinnerungspolitische Wende" in Dresden

ZEIT ONLINE: In Frankfurt diente die Rekonstruktion der Altstadt einer romantischen Verklärung. Sie ist so etwas wie die verpasste Chance, etwas Neues zu entwickeln. Wie ist das mit dem großen Rekonstruktionsprojekt in Dresden: Haben Sie womöglich etwas gegen die Frauenkirche?

Trüby: Nein, und das wird Sie vielleicht überraschen: Ich war sogar für ihre Rekonstruktion. Aber wir müssen uns vielleicht auch fragen: Was hat eigentlich dazu beigetragen, dass gerade in Sachsen die fremdenfeindliche Pegida-Bewegung so stark wurde? Dafür gibt es viele Ursachen, aber eine davon liegt sicherlich in einer Gedenkpolitik, der zufolge die Geschichte des 20. Jahrhunderts für viele Dresdner – erlauben Sie mir die leichte Übertreibung – doch allzu oft mit dem 13. Februar 1945 beginnt.

ZEIT ONLINE: Den Luftangriffen auf Dresden also durch britische und amerikanische Bombenflugzeuge …

Trüby: Es ist höchst aufschlussreich und sehr bedrückend zu sehen, wie sich die Stadt in ihrer Geschichte darstellt. Wer heute nach Dresden kommt, erlebt eine touristisch höchst attraktive Stadt. Aber nirgends um den Neumarkt herum, an der Frauenkirche oder in der Ausstellung, die dort im Keller aufgebaut ist, werden Sie einen Hinweis darauf finden, welche politischen Entwicklungen zur Bombardierung der deutschen Städte geführt haben. Dass es in Deutschland den Nationalsozialismus gab, dass von Deutschen der Holocaust verübt wurde. Und dass der Krieg, der zu den Zerstörungen von Dresden und von anderen deutschen Städten führte, von Deutschland aus begonnen worden war. Dresden präsentiert sich seit langem in einer Opferrolle – und errichtete sich in den letzten Jahren eine adrette neualte Stadtmitte als geschichtsrevisionistisches Terrain.

ZEIT ONLINE: Woran machen Sie das "Geschichtsrevisionistische" konkret fest?

Trüby: In der Sporergasse 12 steht zum Beispiel das sogenannte Triersche Haus, rekonstruiert im Jahre 2016 nach dem Vorbild eines 1695 errichten Barockhauses. Ins Vorgängerhaus zog im Jahr 1920 ein jüdisch-orthodoxer Verein ein. Auf die einstigen jüdischen Bewohner wird auch am Erinnerungsschild aufmerksam gemacht, das seit Kurzem am Neubau angebracht wurde. Darauf steht korrekterweise zu lesen: "Ab 1940 wurden jüdische Familien gezwungen, hier im 'Judenhaus' zu wohnen, bevor sie in andere Lager deportiert wurden." Aber der Schlusssatz lautet: "Bei der Zerstörung des Hauses am 13. Februar 1945 fanden zahlreiche jüdische Bewohner den Tod." Was hier auf engstem Raum gesagt wird, ist eine ungeheuerliche Geschichtsfälschung. Die könnte man so zusammenfassen: "Ja, die Nazis haben Juden deportiert, das war nicht gut, aber getötet wurden sie von den Alliierten mit ihren Bomben." Was sich hier geschichtspolitisch abzeichnet, summiert sich zu einer mehr als Besorgnis erregenden Tendenz. Am Trierschen Haus, am Neumarkt und der Frauenkirche ist die "erinnerungspolitische Wende um 180 Grad", die der AfD-Politiker Björn Höcke fordert, bereits vollzogen.

ZEIT ONLINE: Wie herrlich anders, wie geschichtsbewusst auch präsentiert sich da doch das Berliner Stadtschloss

Trüby (lacht): Auch wenn das geplante Kuppelkreuz ein Lieblingsthema der Rechten ist, hat das Berliner Stadtschloss mit Pegida und mit Rechtspopulismus im Ganzen eher wenig zu tun. Das will ich ganz deutlich sagen, auch als einer, der mal zur Jury für die Ausstellungsgestaltung im Humboldtforum gehörte. Ich muss aber mit einigem zeitlichen Abstand anmerken, dass ich inzwischen mehr Probleme als Verdienste bei diesem wichtigsten Kulturprojekt der Bundesrepublik Deutschland in den letzten Jahrzehnten sehe. Das hat mit der aktuellen Debatte um die Restitution geraubter Kulturgüter aus Afrika zu tun, aber auch mit dem Bau selbst. Mit der rekonstruierten Barockfassade etwa: Der Bau des Originals von Andreas Schlüter wurde seinerzeit durch Gewinne aus der ersten kurbrandenburgischen Kolonie Groß-Friedrichsburg im heutigen Ghana mitfinanziert, wie unsere Autorin Anna Yeboah berichtet. Sie besuchte auch mit ihrem Vater, der aus Ghana stammt, die kleinen Keller des Forts, in denen Tausende von Menschen eingesperrt und gefoltert wurden, bevor sie nach Mittelamerika verschifft wurden. Von ihnen blieb eine schwarze Masse zurück, die den Kellerboden heute wie ein weicher Estrich überzieht: eine über die Jahrhunderte stabilisierte Melasse aus Blut und menschlichen Fäkalien. Gerade bei einem Projekt wie dem Humboldtforum, das so breite parlamentarische Unterstützung genießt, ist es also dringend geboten, sich auch der deutschen Kolonialgeschichte zu stellen. Sonst wird es kalt erwischt von der Restitutionsdebatte. Die wird übrigens in Frankreich offen und vorbildlich geführt.

ZEIT ONLINE: Gibt es überhaupt eine Baukultur, die ein einheitliches, identitätspolitisches Programm verfolgt?

Trüby: Warum sollte das wünschenswert sein? Ich halte den Begriff Identität für insgesamt recht problematisch. Da teile ich die Auffassung des französischen Sinologen François Jullien, der sagt: Es gibt keine kulturelle Identität, es gibt nur kulturelle Ressourcen. Identität ist ein latent oder auch offen ausschließender Begriff. Wenn wir stattdessen von Ressourcen sprechen, dann schließen wir ein. Ich trauere um die Zerstörung der Bibliothek in Timbuktu oder um die des brasilianischen Nationalmuseums in Rio de Janeiro genauso wie um die der Kathedrale von Notre Dame. Das waren und sind Ressourcen, die uns alle angehen. Ich glaube, sobald wir Denkmalpflege mit Hilfe des Identitätsbegriffs in die Nähe von Heimatschutz rücken, haben wir ein Problem.

ZEIT ONLINE: Aber bei der Rekonstruktion von Architektur kann es durchaus unterschiedliche Motive geben, oder?

Trüby: Natürlich! Es gibt genauso wenig eine rechte oder linke Rekonstruktion wie eine rechte oder linke Architektur. Aber wenn wir die jüngere Geschichte Deutschlands anschauen, dann fallen da schon viele Rekonstruktionsinitiativen auf, die aus rechtspopulistischen Milieus angestoßen wurden.

ZEIT ONLINE: Kann man einer rekonstruierten Architektur denn die Motive dahinter ansehen?

Trüby: So gut wie nicht. Es gibt beispielsweise eine moderne Architektur insbesondere in Italien, die zutiefst faschistischen Motiven entsprang, genauso wie es eine moderne Architektur gab, die sozialistisch, wenn nicht gar kommunistisch grundiert war. Bei Letzterem denke ich etwa an Hannes Meyer, den Nachfolger von Walter Gropius am Bauhaus. Es gibt keine direkten Verbindungen zwischen gebauter Materialität und politischer Ideologie. Daher zielt auch die dümmliche Diskussion über Stein- versus Glasarchitektur, die uns manche unserer Kritiker aufdrängen wollen, hoffnungslos ins Leere. Es geht uns nun wirklich nicht um Materialdiskussionen, sondern um Gedanken, um Sprechakte, um Köpfe.

"Hans Kollhoff ist ja kein naiver Architekt"

Die Inschrift auf dem Walter-Benjamin-Platz mit dem Pound-Zitat © Mike Wolff/​imago images

ZEIT ONLINE: Dann sprechen wir doch über den Architekten Hans Kollhoff und über den von ihm gestalteten Walter-Benjamin-Platz in Berlin. Um dieses Beispiel dreht sich nun ein wesentlicher Teil der Debatte um Ihre Zuschreibung "rechter Räume", auch weil Kollhoff Ihnen in Interviews widerspricht. Der Platz wurde ursprünglich 1984 konzipiert, 2001 schließlich fertiggestellt. Wie kamen diese beiden Köpfe, Kollhoff und Benjamin, denn zusammen?

Trüby: Die Entscheidung, den Platz nach Walter Benjamin zu benennen, kam erst am Schluss des ganzen Prozesses und war eine Initiative des SPD-Bezirksbeirates. Es war jedenfalls nicht Kollhoffs Idee.

ZEIT ONLINE: In der Mitte des Platzes ist ein Zitat des amerikanischen Schriftstellers Ezra Pound in den Boden eingelassen. Darin geht es um "Usura", also um Wucher und die Qualität von Häusern, und da Pound unstreitig ein Antisemit war und Juden immer wieder auch als Wucherer verunglimpft hat, ist nun eine heftige Kontroverse um das ganze Ensemble ausgebrochen. Kollhoff weist jede Unterstellung einer politischen Absicht weit von sich. Was halten Sie für sein Motiv?

Trüby: Als Wissenschaftler bin ich es gewohnt, über Fakten zu sprechen. Und die liegen offen zutage: Der Architekt bringt im Jahre 2001 mitten in Berlin-Charlottenburg auf einem von ihm erbauten Platz ein Zitat des Dichters Ezra Pound an, der 1942 über das von Mussolini gleichgeschaltete Radio Rom von oben befohlene Ausschreitungen gegen Juden herbeisehnte. Und zwar mit Sätzen wie: "… wenn ein Mann einen genialen Einfall hätte und ein Pogrom ganz oben starten würde. Ich wiederhole ... wenn jemand mit einem Geniestreich ein Pogrom ganz oben starten würde: Dafür gäbe es Argumente." Und das Wort "Usura", das im angebrachten Zitat fällt, ist nichts anderes als das Pound'sche Codewort für "jüdische Zinswirtschaft". Ich denke, wir sollten aufhören, Pound immer wieder als einen wirren Verirrten zu verharmlosen. Gleichzeitig sollten wir seine Gedichte auch in ihren politischen Implikationen ernst nehmen, vor allem, wenn sie, wie in Berlin geschehen, in die Nähe zu Walter Benjamin rücken, der sich bekanntlich 1940 auf der Flucht vor den Nazis in Portbou das Leben nahm.

ZEIT ONLINE: Kollhoff hat vom "Debakel des Verfalls architektonischer Empfindung" gesprochen, vom Großkapital und seinen Geldströmen, die anonym um den Globus wälzten und das Bauen doch nur immer armseliger werden ließen – eine Art Wutausbruch also, in Stein gemeißelt und an eine ganz andere Adresse gerichtet. Auch Niklas Maak, der Architekturkritiker der FAZ, nimmt ihn da in Schutz

Trüby: Ich halte Maaks Inschutznahme von Kollhoff für erschreckend, zumal er uns "Diffamierung" vorwarf. Und Kollhoffs Argumentation halte ich für nicht haltbar. Er ist ja kein naiver Architekt. Er weiß sehr genau, was er tut, und er weiß mehr über Pound als ein durchschnittlicher Literaturwissenschaftler. Er tut dies alles aus der Perspektive eines Connaisseurs. Es ist einfach kontrafaktisch, wenn er behauptet, das Wort "Usura" habe keine antisemitische Konnotation.

ZEIT ONLINE: Warum haben Sie Kollhoff nicht zu einer Stellungnahme in der betreffenden Ausgabe der ARCH+ eingeladen?

Trüby: Unsere Autorin Verena Hartbaum, die diesen Skandal aufgegriffen hat, hat ihn im Rahmen einer 2013 veröffentlichten Arbeit zu Wort kommen lassen. Kollhoff sprach damals vom Reiz einer Konfrontation zwischen Pound und Benjamin, die persönlich nie stattgefunden hat, an die man aber, ich zitiere, "hypothetische Behauptungen knüpfen kann, die nicht selten ein grelles Licht werfen auf die fatale Geschichte des vergangenen Jahrhunderts." Ich halte das für komplette Perfidie.

ZEIT ONLINE: Für einen eigenen Beitrag Kollhoffs war in ARCH+ kein Platz?

Trüby: Kollhoff hat sich unserer Autorin erklärt und vor sechs Jahren das Angebot, eine erweiterte Stellungnahme für die Publikation der Arbeit zu geben, nicht angenommen. Dass sich seine Meinung zu Pound nicht geändert hat, wird in zwei Interviews deutlich, die er kürzlich dem Spiegel und der Welt gegeben hat. Er sieht skandalöserweise überhaupt kein Problem in einem antisemitisch konnotierten Zitat auf dem Walter-Benjamin-Platz. Wir führen diese Diskussion wohlgemerkt wenige Tage, nachdem Felix Klein, der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, seinen sehr bedrückenden Bericht zur Bedrohung von Juden in Deutschland vorgetragen hat.

ZEIT ONLINE: Nun äußert sich wohl kein Architekt freudig zu einem Projekt, das er vor 18 Jahren seiner Bestimmung übergeben hat. Und das sich, nebenbei, seither ganz gut bewährt: Der gepflasterte und sehr offene Platz zwischen den parallel ausgerichteten Bauten verschreckt niemanden durch seine Leere, sondern wird genutzt. Es gibt Geschäfte in den Kolonnaden und Wohnungen darüber – was wollen Sie jetzt noch ändern?

Trüby: Tatsächlich würde auch ich das Zitat von Pound heute nicht mehr entfernen. Das wäre reine Kosmetik für einen Platz, der in seiner ganzen Gestaltung ein Turiner Bauwerk von Mussolinis Lieblingsarchitekt Marcello Piacentini zitiert. Aber ich plädiere für eine Ergänzung mit zwei Sätzen von Walter Benjamin: "Alle Bemühungen um die Ästhetisierung von Politik gipfeln in einem Punkt. Dieser eine Punkt ist der Krieg." Das steht so in Benjamins berühmtem Text Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Geschrieben hat Benjamin diese beiden Sätze 1936, genau im selben Jahr, in dem auch Pounds Sentenz über den Wucher und die Macht der anonymen Geldströme entstanden ist. Benjamins Aussage passt perfekt – sowohl zum Zitat des amerikanischen Schriftstellers als auch zu der Diskussion, die uns heute beschäftigt.